Gesellschafts- und Medientheorie für das Corona-Zeitalter

Fragile Ordnung, trügerische Sicherheit, Umwertung aller Werte

Nun erlebt es also auch meine Generation: Die Sicherheit war trügerisch. Unsere Welt ist fragil. Wir sind verwundbar. Eine unbezwingbare Krankheit und der Tod rücken in den Mittelpunkt.

Wir Menschen sind erstaunlich flexibel. Wir tolerieren eine Nietzschesche Umwertung aller Werte gleichsam von heute auf morgen. Sport, Bewegung an der frischen Luft, Muskeltraining im Fitnesscenter – das ist gesund und sollen wir tun, predigten die Gesundheits- und Sportminister noch vor kurzem. Nun ist das alles verboten. Noch mehr: Es ist bereits eine Agenturmeldung wert, dass sich auf einem Marktplatz in Thüringen drei Menschen die Hand gaben. Und in Sachsen sollen Personen, die die Heimquarantäne nicht einhalten, zwangspsychiatrisiert werden. Erinnerungen an DDR-Zeiten werden wach. Die Umwertung aller Werte ist schon eine ethische Herausforderung. Wir müssen wachsam sein. – Apropos Sport: Wer berechnet eigentlich, welche Auswirkungen es auf die Lebenserwartung und auf Kollateralkrankheiten haben kann, wenn Menschen – vor allem ältere Menschen – über viele Wochen nicht an ihre Fitnessgeräte dürfen und sogar vom Wandern abgehalten werden?

Alle Gottesdienste sind verboten. Alle Kulturveranstaltungen sind abgesagt. Alle Sportstätten sind geschlossen. Auch Restaurants, Kinos, Spielplätze. Jene Straßen und Plätze, die sonst Hotspots sind, sind menschenleer. – Hätte man das am 1. März 2020 jemandem erzählt, hätte jeder auf neue Machtverhältnisse getippt: auf eine neue Diktatur, das Ende der Demokratie. Ein neuer Autokrat hätte die Macht übernommen, nach einem Staatsstreich. Anders wäre das nicht erklärbar gewesen.

Dies liegt auch daran, dass ein neues globales Virus, eine neue Pandemie in den Zukunftsängsten der Menschen wahrscheinlich gar keine Rolle spielte, ja mehr noch: Das wurde von der empirischen Sozialforschung gar nie abgefragt. Was nicht gefragt wird, kann nicht erhoben werden. Wenn es um Zukunftsängste ging, standen Aspekte wie Arbeitslosigkeit, Terrorismus, grassierende politische Konflikte oder globale Umweltkrisen im Mittelpunkt. Das Szenario, das wir jetzt erleben, war weder Gegenstand der Sozialwissenschaften noch war es in unseren Köpfen verankert. Unverhofft kommt doch irgendwann einmal.

Das macht jene wenigen Stimmen umso interessanter, die vor einem Virus dieser Art und Ausbreitung gewarnt haben, wie etwa wiederholt Bill Gates oder ein schon 2013 publizierter Risikobericht an den Deutschen Bundestag mit dem aus heutiger Sicht beklemmend realistischen Szenario eines modifizierten SARS-Virus.

Die Krux der Krisenkommunikation

Die meisten Rundmails von Arbeitgebern, Institutionen, Schulen und Kulturstätten, die man derzeit erhält, beginnen mit Sätzen der Art „Unsere Welt hat sich von heute auf morgen grundlegend verändert“. Der Satz stimmt wohl, aber ich kann ihn nicht mehr lesen. Jeder Rundmailschreiber formuliert so, als wäre er/sie der einzige. Dass aber bei uns Rezipienten seit Freitag, dem 13. März dutzende solcher E-Mails angekommen sind, sollte mitbedacht werden. Ich habe sie gezählt: Bei mir sind es über 100! Bitte immer schön alle Kommunikationsbotschaften vom Empfänger her denken! Und ja, das „Bleiben Sie gesund“ hat die „Freundlichen Grüße“ ersetzt oder zumindest ergänzt.

Viele, gerade die Universitäten, schaffen es im Moment nicht, adäquat zu kommunizieren. Man wird mit E-Mails von Rektorat, Betriebsrat, Fakultät u.a. gnadenlos zugeschüttet. Die Redundanzen sind fast unerträglich. Die Mailflut führt dazu, dass man nichts mehr liest, weil man weiß, dass ohnedies morgen ein Update kommt. Das ist ein infiniter Progress, der der Kommunikation gar nicht gut tut.

Ist das Corona-Zeitalter die Sternstunde der Postmoderne oder eines neuen Realismus?

Peter Weibel hat in einem schon am 20. März 2020 publizierten Essay die postmodernen Virus- und Viralitätstheoretiker ins Spiel gebracht. Ausgehend von William Burroughs‘ Diktum „Language is a virus“ (übrigens fortsetzend mit „… from outer space“) erinnert er an Viralitätstheorien von Baudrillard bis Virilio und an die Parallelitäten von biologischen und medialen Viren (‚ansteckenden Botschaften‘, oder wie wir jetzt sagen würden, Memes). Doch damit ist uns wenig geholfen. Das ist halt eine in die Jahre gekommene intellektuelle Spielwiese.

Für sehr fragwürdig halte ich auch die These, dass die Nahgesellschaft ausgedient hat und gerade eine Ferngesellschaft entsteht. Im Gegenteil glaube ich, dass uns die derzeitige Situation zeigt, wie wichtig die Nähe ist, die Präsenz, das Körperliche, das Haptische, das Unmittelbare, die Interaktion im Hier und Jetzt – all das eben, was wir jetzt nicht (aus)leben können. Die gegenwärtige Lage bedeutet also eher eine Renaissance des Materialismus, des Realismus, einer Philosophie des Körpers und der Präsenz denn eine neue Ära des Denkens in Virtualitäten und im Transkörperlichen.

Kritik statt Lob der reinen Digitalität

Überhaupt: der Lobgesang auf die Digitalität. Wie einsam, wie erbärmlich ist das eigentlich, wenn Musiker die Bachsche Johannes-Passion in der leeren Thomaskirche spielen, und einige werden aus ihren Wohnungen dazu geschaltet. Das sollte bitte nur ein einmaliges Zeitdokument sein und nur in diesem Corona-Jahr passiert sein. Was fehlt, wenn die präsentische Diskussion abhandenkommt, demonstrieren perfekt auch die vielen Videokonferenz-Diskussionsrunden im Fernsehen, die wir derzeit miterleben dürfen: Die Menschen diskutieren nicht mehr miteinander, hören nicht mehr auf die Argumente des anderen. Ein jeder sagt zu Beginn sein „Gsatzl“ auf, und dann stellt der Moderator Fragen. Eine Sternstunde für Message Control. Das Hören und Eingehen auf die Argumente des anderen, auch das Lernen am anderen, eine echte Diskussion finden nicht mehr statt. Ähnliches erlebe ich im reinen E-Learning-Szenario: Da die Studierenden die Einreichungen der anderen nicht sehen können, kommt keine Interaktivität, kein Diskurs zustande. Ich sehe auch nicht, wer wie lange im E-Learning-Raum ist, nur wann er/sie das letzte Mal da war. Bei Live-Präsentationen im Hörsaal ist das anders.

Ich wäre also sehr vorsichtig mit der Annahme, dass die ganzen gegenwärtigen Home Office-Bemühungen, Videokonferenzen und Distance Learning-Versuche eine wünschenswerte Zukunft anzeigen, einen gangbaren Weg für die Gesellschaft. Es ist sicher richtig, dass wir mit weniger Reisen Ressourcen schonen und Geld sparen können. Nicht für jedes Zweiertreffen muss man gleich mit dem Zug nach Wien fahren. Aber: Dem Menschen fehlt ein entscheidendes Element, wenn nur noch die digitale Technik dazwischengeschaltet ist. Wir werden in unserem Denken und Reden ‚solipsistischer‘, wir produzieren mehr Parallelitäten statt Gemeinsamkeit. Und das ist keine gute Entwicklung. Die Welt nach Corona (sofern sie kommen wird) wird also keine der digitalen, virtuellen Ferngesellschaft sein, sondern eine, in der die reale, materielle Nähe wieder im Mittelpunkt stehen wird. Hoffentlich.

Das expandierende Corona-Diskursuniversum

Wir Menschen sind Meister der Anpassung. Wir haben ganz schnell gelernt, das Fitnessstudio durch Home Training zu ersetzen, den Biergartenbesuch durch den Lieferservice (obwohl das alles keine wirklichen Alternativen sind). Und wir wurden innerhalb weniger Wochen mit einem neuen Vokabular konfrontiert, das wir schnell internalisiert haben. Ich habe die neuen Begriffe gesammelt. Dieser Corona-Glossar zeigt übrigens auch, wie stark wir bereits anglifiziert sind.

  • Abstandsregel
  • Antikörpertest
  • Ausgangsbeschränkung
  • Ausgangssperre
  • Contact Tracing
  • Containment
  • Corona-App
  • Corona-Bonds
  • Corona-Gesetze
  • Corona-Party
  • COVID-19-Maßnahmengesetz
  • Distance Exam(ination)
  • Distance Learning
  • Durchseuchung
  • Flatten the Curve
  • Handy Tracking
  • Herdenimmunität
  • High Spreader
  • Hochfahren
  • Home Schooling
  • Hygieneregeln
  • Kontaktlose Zustellung
  • Lockdown
  • Maskenpflicht
  • Mitigation
  • MNS (Mund-Nasen-Schutz)
  • NPIs (Nicht-Pharmakologische Interventionen)
  • Ostererlass
  • Pandemischer Druck
  • Patient Zero
  • PCR-Test
  • Peak
  • Quarantäne
  • R0
  • Rebound
  • Shutdown
  • Social Distancing
  • Superspreader
  • Teleturnen
  • The Hammer and the Dance
  • Verkehrsbeschränkungen
  • Videokonferenz
  • Vulnerable Gruppen

Die „Corona-Philosophie“ wird fortgesetzt.

2 Gedanken zu „Gesellschafts- und Medientheorie für das Corona-Zeitalter

  1. Anonym

    Haben wir früher in analogen Diskussion wirklich mehr auf einander gehört? Ich glaube es fällt nur jetzt mehr auf, weil über Videokonferenzen jemanden anderen ins Wort fallen schwieriger geht. Wir lernen jetzt wie amateurhaft wir vorher kommuniziert haben. Mir fällt vor allem auf, welche personen nichts sagen. Menschen die introvertiert sind und nicht das Wort ergreifen (können), haben es jetzt doppelt schwer.

    Zur Digitalisierung: einerseits bin ich froh, dass jetzt jeder den Arsch hoch bekommt und dass Firmen wie Kärcher endlich realisieren, dass keine Email zu haben keine Option ist. Langwierige Migrationspläne von Digitalisierungsverweigerern wurden über Nacht auf den Kopf gestellt. Schwupps, gings dann bei den meisten dann doch irgendwie, dass man sich überwindet. Ob das bleibt, ist eine gute Frage. Ich würde es mir wünschen, wenn wir die Digitalisierung nicht rückbauen, sondern aktiv dazu verwenden, die Dinge die wirklich im Leben zählen (Gemeinschaft, Familie und Freunde) zu vereinfachen. Wir haben jetzt die Werkzeuge dafür bekommen, die wir später verwenden können, um dem wichtigen mehr Platz zu geben (Homeoffice von den Eltern aus, Flexiblere Arbeitszeiten, Besprechungen / Meetings digital denken).

    Zu allerletzt bin ich wirklich überrascht von der Schockstarrer unserer Universitäten und Hochschulen. Einige haben es innerhalb eines Monats nicht geschafft ein einheitliches Konzept aufzubauen. Bürokratie blockiert soweit, dass Studierende ein ganzes Semester verlieren. Unfundierte Datenschutzbedenken blockieren Wissensweitergabe, weil man hat ja so viele Artikel in den Nachrichten darüber gelesen. Wir brauchen weniger „Experten“ zu diesen Themen und mehr technologiebegeisterte Menschen. Das Aufregen haben wir Deutschen/Österreicher ja im Blut – das sind wir Weltspitzenreiter. Wenns darum geht neue Dinge zu erkunden, flexible zu denken und nicht gleich zu blockieren, da sind wir weniger gut. Kleiner Tipp für dich Stefan: hast du schon mal probiert eine gemeinsame WhatsApp Gruppe für deine Studierenden zu machen für einen regeren Austausch?

  2. Stefan Weber Beitragsautor

    Lieber Anonymus!
    Danke für diesen Beitrag.
    Einige Gedanken dazu:
    Wer auch immer die „reine Digitalität“ oder „totale Digitalität“ kritisiert, gilt als altbacken und Vorgestriger. Auf meinen Beitrag https://science.orf.at/stories/3200435/ hin haben mir einige geschrieben, ich sei halt zehn Jahre hinten.
    Vielleicht kannst Du mir helfen: Wo sind denn nun die Tools, die dem analogen Setting UND dem analog-digitalen Mischsetting („Blended Learning“) ÜBERLEGEN sind, mit denen wir rein digital GENAUER, BESSER, DISKURSIVER arbeiten können als analog oder analog-digital? Vielleicht kenne ich sie ja noch nicht, vielleicht gibt es sie aber auch (noch) nicht.
    Ein erstes Beispiel:
    In meinen Bachelorseminaren habe ich erprobt, dass jede/r Studierende in wenigen Minuten eine Präsentation macht – nur 2-3 Folien mit Arbeitstitel, Forschungsfragen und Hypothesen. Dann schärfen wir das in der Runde. Der/die Studierende lernt, sich zu verbessern. Wir nutzen dazu die „kollektive Intelligenz“. Ich lerne von den Beiträgen der ZuhörerInnen, wenn mir die genannten Dinge selbst nicht aufgefallen sind und sie stimmen.
    Wie kann ich dieses Setting im reinen e-Learning-Szenario reproduzieren?
    Ein anderes Beispiel:
    E-Learning-Assignments, die nicht verpflichtet sind, werden nur von wenigen gemacht. Auch nur rund 10 Prozent beteiligen sich an freiwilligen Diskussionen, so zumindest meine Erfahrungen.
    Eine WhatsApp-Gruppe für 200 TeilnehmerInnen ist, glaube ich, auch keine Lösung.
    Ein drittes Beispiel:
    Die Aufgabe ist, eine dreistündige Vorlesung ins reine e-Learning-Szenario zu transformieren. Aber niemand wird sich einen dreistündigen Stream ansehen, ich will auch keinen aufnehmen. Also müsste ich zumindest vier 30-Minüter produzieren. Das wären dann 28 30-Minüter pro Semester! Will jemand wissen, wie viel Geld ich als Lehrbeauftragter bekomme?
    Nächster Brennpunkt:
    Distance Examinations: Wie will man hier Schummeln verhindern (vor allem Ghostwriting und Mehrfacheinreichung identischer Arbeiten)?
    Ich sehe im Moment einen großen Haufen an Problemen und keine Lösungen.
    LG
    sw

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.