„Assoc. Prof. Priv. Doz. Dr. Ralf Herwig, MD, PhD, FRSM“ ist kein „falscher Arzt“, aber seit 2014 nicht mehr „Assoziierter Professor“

Der Urologe und systematische mobile Coronavirus-Tester Ralf Herwig ist seit mehr als einer Woche Dauergast in den heimischen Medien – mit verstörenden Themen und Vorwürfen, die hier nicht bewertet werden können. Ralf Herwig ist spätestens seit dieser Berichterstattung eine Person des öffentlichen Lebens in Österreich und es sollte ein berechtigtes Interesse der Öffentlichkeit an seiner akademischen Vita geben, das den Datenschutz und die Persönlichkeitsrechte des Mediziners überwiegt.

Promotion in Münster bestätigt, aber Dissertation bis dato nicht gefunden

Also erzähle ich einmal der Reihe nach meinen derzeitigen Wissensstand: Auf Herwigs LinkedIn-Profil ist eine Ausbildung zum „Arzt“ von 1986 bis 1992 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster angegeben. – Was viele in Österreich gar nicht wissen: Man kann in Deutschland sein Studium als Arzt bzw. Mediziner abschließen, ohne zu promovieren. Nur zwei Drittel der Mediziner promovieren nach der absolvierten Arzt-Ausbildung. Deshalb können Sie in Deutschland von einem  Arzt und auch einem Facharzt behandelt werden, der keinen Doktortitel führt. Der ist dann also kein Heilpraktiker oder Kurpfuscher, sondern ein völlig korrekter Mediziner – zumindest in Bezug auf seine abgeschlossene Ausbildung.

Ralf Herwig aber nennt sich „Dr.“, „Dr. med.“, zusätzlich „MD“ und/oder „PhD“, und auch der österreichische Berufsdoktor „Dr. med. univ.“ taucht auf. Es müsste also, abgesehen von der österreichischen Variante, eine Promotionsleistung vorliegen. Im Katalog aller Dissertationen der Medizinischen Fakultät der Universität Münster seit 1990 taucht ein Ralf Herwig aber nicht auf. – Was erneut nur sehr wenige wissen: In Münster war und ist es nur im Fach Medizin auch möglich, sich einen Zeitschriftenaufsatz (zuletzt: auch mehrere) als Dissertation anerkennen zu lassen. Somit war es auch denkbar, dass ein etwa nur vier Seiten umfassender Beitrag in einem Journal in Ko-Autorschaft mit dem Promovenden als Erstautor als Promotionsschrift angerechnet wurde.

Heute erhielt ich indes diese in Teilen aufklärende Nachricht aus Münster:

„Wir haben den Fall geprüft, und es konnte uns nun seitens des Dekanats der Medizinischen Fakultät der Universität Münster die Promotion zum Dr. med. eines Ralf Herwig aus dem Jahr 1996 bestätigt werden. Jedoch konnten auch wir dazu bislang keine bibliographischen Daten in unseren Katalogen und in dem der Deutschen Nationalbibliothek ermitteln. Wir prüfen derzeit, wie es sich hier mit den Belegexemplaren der Dissertation verhält.“

Man darf gespannt sein, ob ein Zeitschriftenaufsatz anerkannt wurde oder – wie schon im Fall Drosten – eine eigenständige Veröffentlichung einer allfälligen Dissertation gar nie erfolgte.

Habilitation in Wien bestätigt, aber Berechtigung zum Führen des Titels „Assoc. Prof.“ schon vor sieben Jahren erloschen

Auch eine Habilitation mit Bescheid vom 25.01.2010 wurde mittlerweile von der Medizinischen Universität Wien (bzw. dem AKH) bestätigt. War es in Münster möglich, mit einem kurzen Paper zu promovieren (ohne weitere Dissertation!), so muss man auch die erneut speziellen Habilitationsusancen an der Medizinischen Universität Wien kennen: Eine Habilitationsschrift besteht dort aus einer kurzen Einleitung und in der Folge aus bereits veröffentlichten Aufsätzen. Diese kumulativen Schriften werden nicht veröffentlicht, wie etwa auch die Habilitationsschrift von Pamela Rendi-Wagner. Dass deren Habilitation zum Thema „Prävention durch Impfungen“ im Jahr 2008 überhaupt erfolgte, wird im Wikipedia-Artikel zur SPÖ-Politikerin nur mit einer weiteren Eigenangabe belegt. Wie auch sonst, denn das kann letztlich nur sie selbst wissen. – Noch einmal: Aus der Tatsache, dass keine Habilitationsschrift der Öffentlichkeit zugänglich ist, folgt keinesfalls, dass keine Habilitation erfolgte. Eine Unschärfe sei dennoch vermerkt: Ralf Herwig nennt sich mitunter auch „PD“, diese Abkürzung gibt es nur in Deutschland und ist in Österreich nicht gestattet. Allerdings spiegelt sie bezüglich des Levels der Qualifikation keine falschen Tatsachen vor, sondern nur allenfalls einen falschen Herkunftsort.

Aber nun kommt doch der Haken: Ralf Herwig darf sich seit Beendigung seines Dienstverhältnisses an der Medizinischen Universität Wien am 15.06.2014 nicht mehr „Assoc. Prof.“ nennen:

Aus einer juristischen Stellungnahme der Medizinischen Universität Wien vom 22.10.2019

Das ist keine Haarspalterei, denn die Berechtigung zum Führen dieses Titels ist an ein aufrechtes Dienstverhältnis gebunden. Somit liegt Titelmissbrauch vor, wobei man erwähnen muss, dass Herr Herwig Informationen zufolge nach 2014 aktiv um die Weiterberechtigung des Führens des Professortitels kämpfte.

Keine Evidenzen gibt es weiter für das auch auftauchende zweifache Führen eines MBA-Titels, für das Führen der Titel PhD und MD (eine solche „Verdopplung“ eines in Europa erworbenen Doktorats war nur unter sehr speziellen Bedingungen in Kanada möglich, Josef Penninger hat etwa davon Gebrauch gemacht, ein damals völlig legaler Vorgang) und die Verleihung eines Ehrendoktors (Dr. h. c.). Es ist keine komplette akademische Vita von Ralf Herwig im Netz zu finden. In all diesen Fällen gilt die Unschuldsvermutung.

Fazit: Kein „falscher Arzt“, aber mutmaßlicher Titelmissbrauch

Ralf Herwig ist also dem bisherigen Recherchestand zufolge keinesfalls ein „falscher Arzt“, da es eine Promotion in Münster (1996) und eine Habilitation in Wien (2010) zu geben scheint. Allerdings liegt ein wohl gewollter, vielleicht aber auch fahrlässiger Umgang mit dem Professorentitel vor. Diesen muss allerdings in Österreich jemand vor der für den entsprechenden Wohnsitz zuständigen Verwaltungsbehörde zur Anzeige bringen. Die Strafen fallen bei Erstübertretung sehr milde aus.

Mein Dank an einen Journalisten der APA, des „profil“ und des „Standard“ sowie an eine Politikerin für Mitrecherche und offizielle Anfragen.

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