Von Peter Sloterdijk, Elisabeth von Samsonow und Diedrich Diederichsen durchgewunken: VroniPlag Wiki dokumentiert Dissertationsplagiat an der Akademie der bildenden Künste Wien

Die Privatdozentin für Kultursoziologie an der Universtität St. Gallen Yana Milev war entweder fleißigste Wikipedia-Autorin unter vielen verschiedenen Nicknames. Oder aber ebenso emsige, vielleicht gar mit dem Postmodernismus kompatible Plagiatorin.

Letzteren Vorwurf erhebt die Plattform VroniPlag Wiki seit heute auf ihrer Startseite, garniert mit mehreren illustren Namen der postmodernen Philosophie (manche nennen es auch Schwafelei): Betreuer der offensichtlich erheblich plagiatsinfizierten Dissertation von Yana Milev war Peter Sloterdijk, Gutachterin Elisabeth von Samsonow und Beisitzer Diedrich Diederichsen. Die Buchfassung der Dissertation wurde im Springer Verlag publiziert. All dies geschah drei Jahre, nachdem es in Österreich die ersten umfassenden Berichte zu akademischen Plagiaten gegeben hatte und man vorsichtig hätte sein müssen.

VroniPlag Wiki dokumentiert in der Dissertation zahlreiche Übernahmen aus Wikipedia wie etwa diese von S. 137:

Quelle: Dissertation Yana Milev, S. 137

Oder diese:

Quelle: https://vroniplag.fandom.com/de/wiki/Quelle:Mlv/Wikipedia_Totaler_Krieg_2007

Die These, dass all diese Texte tatsächlich von Yana Milev stammen, wird durch folgende Beobachtung weiter entkräftet:

„Ein Focus online-Artikel von Fabian Löhe wird vollständig und wörtlich in die Dissertation übernommen. Dabei wird die Quelle genannt, nicht jedoch deutlich gemacht, dass es sich um eine wörtliche Übernahme handelt. Ähnlich werden auch ein Heise online-Artikel von Stefan Krempl und ein Telepolis-Artikel von Florian Rötzer vollständig in die Dissertation kopiert.“

Quelle: https://vroniplag.fandom.com/de/wiki/Mlv/Befunde

Über die Dissertation von Yana Milev schreibt Elisabeth von Samsonow im Vorwort:

„Yana Milev entwirft folgerichtig ein imperiales Korporations-Modell postmoderner Souveränität, der Emergency-Corporations, das allerdings nicht einfach den amerikanischen Traum globaler Herrschaft überträgt, sondern sich aus dem Denkmodell der Ausnahme begründet, welches sie im deutschen Idealismus lokalisiert.“

Quelle: Dissertation Yana Milev, S. IX

Ich verstehe nicht, worum es hier geht. Vielleicht kann mir jemand übersetzungstechnisch helfen.

Und Regula Stämpfli lobt:

„Yana Milev zeigt dies nicht nur in Worten, sondern verschafft mit eindrücklichen Übersichten, rhetorischen Architekturen und Konklusionen einen Überblick zur historischen und gegenwärtigen Regierungstechnik des Ausnahmezustands, der eigentlich schon längst fällig war.“

Quelle: Dissertation Yana Milev, S. XI

Zwei Aspekte: Erstens Plagiat. Zweitens Schwafelei. Reden wir über beide!

3 Kommentare zu “Von Peter Sloterdijk, Elisabeth von Samsonow und Diedrich Diederichsen durchgewunken: VroniPlag Wiki dokumentiert Dissertationsplagiat an der Akademie der bildenden Künste Wien

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  1. Ralf Rath

    Als seines Zeichens Schüler von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno kritisiert Michael Schumann anlässlich der Gedenkveranstaltung für Heinrich Popitz am 10. Oktober 2002 die inzwischen zahllosen Versuche, eine neue Lebensform zu entwerfen; ohne dabei jemals theoretisch angeleitet und empirisch kontrolliert zu sagen, ob sie gesellschaftlich überhaupt ermöglicht ist. Wie aus der Dissertation von Heinrich Popitz hervorgeht, kam selbst Karl Marx angesichts den dadurch unabweisbar an jeden Forscher gestellten Anforderungen nicht über „romantisch-ästhetische Reminiszenzen und Anachronismen“ (Popitz, 1967: 143f zit. n. Schumann) hinaus. Insofern fälscht es die Wirklichkeit um, wenn Yana Milev zugute gehalten wird, eine „eigentlich schon längst fällige“ Antwort in solch einer zutiefst existenziellen Frage gegeben zu haben, wie Regula Stämpfli ihrerseits völlig haltlos behauptet. Yana Milev sind somit nicht nur Plagiate vorzuhalten. Vielmehr fehlt ihrer von Peter Sloterdijk betreuten Arbeit offenkundig bereits im Ansatz der Gegenstand.

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  2. Nägelein

    Interessant ist doch auch, dass Milev teilweise Wikipedia als Quelle angibt (ohne zu kennzeichnen, dass sie den Text 1:1 übernimmt). War das 2008 noch – wenn es überhaupt je zulässig war – usus, dass Wikipedia eine valide Quelle darstellt? Für eine Dissertation? Da müsste man als Gutachter doch schon eine kleine Alarmglocke klingeln hören, vorausgesetzt man liest die Arbeit auch aufmerksam.

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    1. Stefan Weber Beitragsautor

      Ja. Das ist das Problem vieler geisteswissenschaftlicher Dissertationen, und mehr noch Habilitationsschriften: Sie sind viel zu umfangreich. Niemand liest 400 oder 800 Seiten. In Wahrheit ist das aus der Zeit gefallen wie „Wetten, dass…?“. In Anbetracht von Internet und Social Media müssen wir uns glücklich schätzen, wenn es uns gelingt, 10 Seiten am Stück zu lesen. Warum all diese Fingerübungen stattfinden, mit „korrekten“ Zitaten aus nicht zitierwürdigen Quellen und Plagiaten – es ist und bleibt ein Rätsel der akademischen Welt.

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