Unwahrheit oder Unwissenheit? Was in der Plagiatsdebatte im Moment so alles behauptet wird

Die Plagiatsdiskussion wird in den deutschen und österreichischen Medien weiter intensiv geführt. Der österreichische Ex-Wissenschaftsminister und jetzige EU-Kommissar Johannes Hahn erscheint im Wiener ORF-Fernsehzentrum mit der handgeschriebenen Originalfassung seiner Dissertation. Offenbar soll das handschriftliche Konvolut Plagiatsfreiheit beweisen. – Ob Hahn weiß, dass die in perfekter Handschrift geübten mittelalterlichen Mönche fast nur abgeschrieben haben?

Die Gutachter der „Dissertation“ von Herrn Guttenberg, Häberle und Streinz, behaupten in einer Presseerklärung, es sei technisch 2006 noch „kaum möglich“ gewesen, Plagiate der Guttenbergschen Art zu entdecken. – Ich stelle fest, dass meine von Anfang an geäußerte Vermutung wohl zutrifft, dass es ein wenig an der Netz- und insbesondere der Google-Kompetenz der beiden Herrn hapert. Zur Erinnerung: Der Einsatz von Suchmaschinen zur Prüfung von Texten ist an Universitäten seit ca. 2002 üblich, ca. 2005 begann die breite Verwendung von Software. Unverständlich, dass die beiden Herren nicht einmal in dieser Situation vorher Berater fragen, bevor sie in der Öffentlichkeit so etwas behaupten.

Brigitte Kopp, Studienpräses der Universität Wien, behauptet in der Zeitung „Österreich“, die Uni sei „in der Causa Hahn selbstständig tätig geworden“ und: „Fakt ist, dass bisher keine Anzeige wegen Plagiatsvorwurf vorliegt.“ – Kopps Aussage bezieht sich, was so aber nicht klar geworden ist, hoffentlich nur auf die neu entflammte Diskussion. Denn folgendes Mail von mir ist, wie eine Lesebestätigung beweist, auch bei ihr und dem damals zuständigen Universitätsjuristen ordnungsmäß angekommen:

—– Original Message —–
From: Stefan Weber
To: Brigitte Kopp
Cc: Markus Gerhold
Sent: Tuesday, June 12, 2007 1:39 PM
Subject: Auch Plagiatsstellen in der Dissertation von Johannes Hahn

Sehr geehrte Prof. Kopp,
sehr geehrter DDr. Gerhold!

[…]
Eine […] systematische Überprüfung weiterer Unterkapitel hat ergeben, dass an zahlreichen Stellen eine beweisbare Vermengung von mit Fußnoten belegten Textsegmenten und Fließtext des Autors stattgefunden hat – dergestalt, dass auch der für den Leser nur als Fließtext des Autors zu identifizierende Textkorpus wortwörtlich aus anderen Büchern abgeschrieben wurde.

Ähnliche Nachweise wie im Attachment lassen sich für Passagen in Büchern von Dieter Eisfeld und Lewis Mumford erbringen – von einem Absatz bis zu zehn Seiten hintereinander.

Damit liegt entweder ein intentionales oder aber ein non-intentionales Plagiat vor.

Ich ersuche daher die Universität Wien, die gesamte Arbeit von Johannes Hahn auf die Einhaltung der 1987 gültigen wissenschaftlichen Handwerksregeln zu überprüfen […].

Mit freundlichen Grüßen

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Priv. Doz. Dr. Stefan Weber <> Publizistik & Medienforschung

Meinem Ersuchen ist man nachweislich bis heute nicht nachgekommen, obwohl ein Erkenntnis des Verwaltungsgerichtshofs aus 1982 eine solche Prüfung bei „auftauchendem Plagiatsverdacht“ verpflichtend vorschreibt.

Die Nationalbibliothek sagt, Hahns Arbeit wurde auf Antrag der Universität Wien wegen einer dortigen Prüfung gesperrt. Die Universität Wien sagt, sie prüfe gar nicht neu. – Da haben sich zwei Institutionen wohl nicht so gut abgesprochen…?

Und noch ein Fund in den Medien: In einem Lokalblatt rühmt sich die Universität Wien, fünf akademische Grade in den vergangenen fünf Jahren aberkannt zu haben. Es seien 10.000 Arbeiten durch die Antiplagiatssoftware gelaufen. – Verschwiegen wird, dass vier dieser fünf Aberkennungen auf meinen Anzeigen und Funden fußen… Das sagt einiges über das Eigeninteresse an Aufklärung und die Effizienz der Software, oder aber es arbeiten wirklich alle ganz sauber und ich habe fast alles entdeckt, was es zu entdecken gab.

Frau Bundesminister Karl möchte eine Arbeitsgruppe einrichten, um einmal zu sehen, wo man überhaupt steht. Das ist doch toll! Ich möchte morgen den Papst treffen. Ich will wissen, wer im Moment warum die Unwahrheit spricht oder warum aus jemandem so offensichtlich die Unwissenheit spricht. Da helfen mir nur noch höhere Mächte.

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