Am Vorabend des zweiten Lockdowns: COVID-19-„Clusteranalysen“ der AGES halten einer empirischen Qualitätsprüfung nicht stand

Die COVID-19-„Clusteranalysen“ der AGES – der österreichischen „Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit“ – sorgen für Erstaunen. Als Datenbasis für die wichtigsten gesellschaftspolitischen Weichenstellungen in Österreich nach Ende des Zweiten Weltkriegs dient offenbar eine Analyse, deren Zustandekommen, Methodik und Begrifflichkeiten zumindest der Öffentlichkeit nicht klar gemacht werden. Das widerspricht allen zuletzt publizierten Transparenz- und Reliabilitätsregeln in der Wissenschaft und den Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis für Österreich, die auch für Institutionen wie die AGES gelten müssen. Ich kann es nicht glauben! Auch in den CSV-Dateien findet sich übrigens keine Erklärung.

Zustandekommen und Methodik nicht erklärt, zentrale Termini nicht definiert

Worum geht es? COVID-19-Cluster (eingrenzbare Fallhäufungen) und -Fälle werden etwa den Bereichen (= „Settings“)  „Haushalt“, „Arbeit“, „Freizeit“ oder „Sport“ zugeordnet, wobei Mix-Kategorien in den Tabellen nur eine marginale Rolle spielen. Die Zuordnung der Cluster und Ansteckungsfälle zu den Kategorien (alias „Settings“) dürfte also fast immer eindeutig sein. Nun, aber leider werden die Kategorien für die (Fach-)Öffentlichkeit nicht definiert. Es gibt einfach nur neun Kategorien/Settings und fertig. Sind diese neun Kategorien State of the art in der Epidemiologie, oder wurden sie extra für COVID-19 erfunden? Wenn Letzteres (was wohl der Fall ist), was ist die Heuristik? Und befanden sich die neun Kategorien auf einem Fragebogen, haben das die Infizierten selbst angekreuzt oder fand die Zuordnung durch Mitarbeiter des Epidemiologischen Meldesystems statt?

Es geht aus den Unterlagen nicht einmal hervor, ob die Bündelung von Clustern auch wirklich das maschinelle Ergebnis einer statistischen Clusteranalyse ist und die Kategorien/Settings von Menschen dann so benannt wurden (der übliche Vorgang) oder ob die Fälle und Cluster manuell von Menschen den Kategorien (den „Settings“) zugeordnet wurden. – Keine Erklärung der Methodik!

Menschlich oder algorithmisch erzeugte Daten?

Über die Zuordnung, ob menschlich oder algorithmisch, kann man also nur spekulieren: Wenn ein Cluster einen (vermuteten) Ursprung bei jemandem hat, der etwa zu Hause Familienmitglieder angesteckt hat und er/sie gerade im Home Office ist, also Haushalt und Arbeit zusammenfallen, fällt das wohl in die Kategorie „Haushalt“. Was aber ist der Besuch eines Fitnessstudios, bei dem man (mutmaßlich) mehrere Menschen angesteckt hat, also der Spreader im Cluster war – ist das „Freizeit“ oder „Sport“ oder „Gesundheit/Sozial“? (Ich gehe etwa wegen meiner Gesundheit ins Fitnessstudio, das ist nicht Freizeit und nicht Sport.) Und hat eine solche Zuordnung das Statistikprogramm entschieden oder der Mensch?

Sind die Stellschrauben genau die falschen?

Man würde die fehlenden Definitionen und Zuordnungsbeispiele bei jeder Seminararbeit bemängeln! Kategorien (oder Klassifikationen) fallen nicht vom Himmel, sie müssen erklärt und begründet werden, im besten Fall gibt es schon Präzedenzfälle. Aber nicht nur die intransparente Cluster-Benennung der AGES lässt mich den Kopf schütteln. Mehr noch verwundern die Zahlen, wenn man denn die Zuordnungen einmal als reliabel voraussetzen könnte (was ich in Ermangelung an Informationen nicht tun kann): Offenbar spielen genau jene Bereiche, die nun ab nächster Woche wieder rigoros geschlossen werden sollen, bei der Verbreitung des Virus nur eine äußerst geringe Rolle. Hier einige Auszüge:

Kalenderwoche 43:
Anteil der Cluster in der Kategorie „Hotel/Gastro“ in Prozent: 0,8
Anteil der Cluster in der Kategorie „Sport“ in Prozent: 0,4

Kalenderwoche 42:
Anteil der Cluster in der Kategorie „Hotel/Gastro“ in Prozent: 1
Anteil der Cluster in der Kategorie „Sport“ in Prozent: 0,8

Dagegen:

Kalenderwoche 43:
Anteil der Cluster in der Kategorie „Haushalt“ in Prozent: 67
Anteil der Cluster in der Kategorie „Freizeit“ in Prozent: 19,4

Kalenderwoche 42:
Anteil der Cluster in der Kategorie „Haushalt“ in Prozent: 55,6
Anteil der Cluster in der Kategorie „Freizeit“ in Prozent: 22,7

Quelle aller Zahlen: „Epidemiologische Abklärung Covid 19“ vom 30.10.2020

Qualitative Analyse widerspricht Lockdown des öffentlichen Lebens

Die Clusteranalyse wurde nur drei Wochen zurück publiziert. Die konkret genannten Fälle, man könnte sagen: die qualitative Einzelbeispiel-Auswertung, umfasst Cluster in: Chorproben (u.a. mit anschließendem Mittagessen), Altenheimen, Pflegeheimen, Geburtstagsfeiern, einem Fußballvereinslokal, einem Kindergarten und einem Gymnasium. Private Feiern in geschlossenen Räumen scheinen somit eine zentrale Rolle im Infektionsgeschehen zu spielen.

Habe ich hier etwas missverstanden? Genau jene Bereiche, die bei der Verbreitung des Virus laut AGES kaum eine Rolle spielen – von Gastronomie und Hotellerie bis zu Fitnessstudios – sollen nun geschlossen werden? Aber die Geburtstagsfeier in der hauseigenen Holzhütte oder im Keller kann und wird weiter stattfinden, nur halt geschickt vor der Exekutive verborgen? Kann mir das bitte jemand erklären? Oder hofft man, durch die weitreichenden Schließungen im öffentlichen Bereich ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass auch die anderen privaten Zusammenkünfte No-Gos sind? Aber zu welchem horrenden Preis?

Falschangaben im Text

Update: Im Text befinden sich auch Falschangaben. Zu Beginn heißt es:

„Seit 31.08.2020 konnten in Österreich 33.736 Fälle von Infektionen mit SARS-CoV-2 insgesamt 7.258 Clustern zugeordnet werden.“

Später ist zu lesen:

„Mit 30.10.2020 können 48.847 Fälle von insgesamt 100.051 Fälle einem der 9.529 Cluster (Fallhäufungen) zugeordnet werden.“

Die Zahlen zu Beginn des Textes dürften also veraltet sein.

Hier der bereits geleakte Entwurf der neuen COVID-19-Schutzmaßnahmenverordnung, Version vom 29.10.2020

5 Kommentare zu „Am Vorabend des zweiten Lockdowns: COVID-19-„Clusteranalysen“ der AGES halten einer empirischen Qualitätsprüfung nicht stand

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  1. FF

    Gibt es in der Clusteranalyse der AGES eigentlich eine Klasse „nicht zugeordnet“. Meiner Meinung nach,  müsste so eine Klasse ja auch geführt werden. Und wenn ja, wie ist denn das Verhältnis der bekanntgegeben Klassen zu nicht zugordneten?

    Oder kann es sein, dass auch schwer zuzuordneten Fälle irgendwo in andere Klassen zugeordnet wurden?

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    1. Stefan Weber Beitragsautor

      Die AGES schreibt ja, dass mehr als die Hälfte der Fälle keinem Cluster und damit auch keinem „Setting“ zugeordnet werden konnte: „Mit 30.10.2020 können 48.847 Fälle von insgesamt 100.051 Fälle einem der 9.529 Cluster (Fallhäufungen) zugeordnet werden.“

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  2. ABC

    „Genau jene Bereiche, die bei der Verbreitung des Virus kaum eine Rolle spielen – von Gastronomie und Hotellerie bis zu Fitnessstudios – sollen nun geschlossen werden?“
    Ach, auch schon gemerkt?

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    1. Stefan Weber Beitragsautor

      Ja, es macht mich sprachlos, dass offenbar wegen vorwiegend privater Feiern (wie auch im Berchtesgadener Land übrigens) ganze Wirtschaftssektoren in Ländern zusperren müssen und Ausgangssperren verhängt werden. Der Eingriff erscheint mir nicht verhältnismäßig. Die Maßnahme hat nicht nur ebenfalls gravierende gesundheitliche Folgen (wie auch möglicherweise ein Nicht-Lockdown), sondern auch wirtschaftliche. Wir werden nicht alle paar Monate einen Lockdown machen können. Die Krisenkommunikation der Regierung war zudem diesmal ein Desaster. Noch vor wenigen Tagen hieß es von Herrn Anschober, man sei von einem zweiten Lockdown „meilenweit“ entfernt. Dann kam die Ankündigung der Ankündigung von Herrn Kurz. So schafft man keine Akzeptanz für neue Maßnahmen. Die Bevölkerung wird weiter Schlupflöcher suchen und finden, und so wird sich das Virus bei privaten Feiern weiter verbreiten. Niemand lässt sich vorschreiben, ab 20:00 Uhr vor dem Fernseher zu sitzen.

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