Die Parallelen zwischen den Fällen Annalena Baerbock und Diana Kinnert

Plagiatorin Diana Kinnert hat nun mit einer wenig glaubwürdigen Stellungnahme auf die mehr als 200 nachgewiesenen Plagiatsfragmente inklusive eines zusätzlich gefälschten Interviews in ihren Büchern reagiert. Es werden spätestens an dieser Stelle interessante Parallelen zum Plagiatsfall Annalena Baerbock offenkundig:

1. EMPORGESCHRIEBEN UND HOCHGEJUBELT. Sowohl Annalena Baerbock als auch Diana Kinnert wurden von den großen bundesdeutschen Massenmedien vor den Enthüllungen kritiklos hochgejubelt: Baerbock zum neuen Polit-Wunderwuzi, Kinnert zur jungen Parade-Intellektuellen. Annalena Baerbock am Cover von Spiegel und stern ist noch in bester Erinnerung; und eine Zusammenschau der Lobhudeleien über Kinnerts Einsamkeits-Buch ist nun auch in Cicero nachzulesen. Plagiatsforscher-Kollege Jochen Zenthöfer fragt in Cicero zurecht: „Weshalb haben die öffentlich-rechtlichen Medien das Buch der 30-Jährigen […] so gelobt?“ – Ich sage nun nicht, dass nach den Plagiaten keine Substanz mehr übrig bleibt: Ich sage nur, dass wir es nicht (mehr) wissen.

2. FEHLER UND FÄLSCHUNG. Wie bei Baerbock, gesellen sich auch bei Kinnert zu den Plagiatsfragmenten inhaltliche Fehler: Falschzitate, eine fehlerhafte Chronologie, fragwürdige Tatsachenbehauptungen. Wie Baerbock, plagiierte auch Kinnert dort noch, wo sie ganz Persönliches beschrieb: Bei Baerbock war es unter anderem ein Besuch bei einem alternativen Energie-Unternehmen, bei Kinnert ein „selbst geführtes“ Interview mit einer Einsamkeitsforscherin. Die gemeinsame Klammer: Persönlich Erlebtes (oder nie Erlebtes? Wieder gilt: Wir wissen es nicht mehr.) wurde (im Nachhinein?) zusammengegoogelt, Real Life-Erfahrung wurde zumindest auf Text-Ebene vorgetäuscht. Zum Plagiat kommt die Fälschung.

3. SERIENPLAGIAT STATT SINGULARITÄT. Beide, Baerbock und Kinnert, isolieren ihr plagiatorisches Vorgehen zum singulären Phänomen, einem speziellen Umstand geschuldet: Bei Baerbock war es zeitlicher Druck vor der Wahl, Kinnert lässt es offen, ob „Lebenskrise, Doppelbelastung oder strukturelles Problem“ zur plagiatorischen Praxis geführt haben. – Das Narrativ, dass das Plagiat ein isolierter Fehler war/ist, ein einmaliger Fauxpas, den die Betroffene doch gar nicht nötig gehabt hätte, wiederholen dann auch brav die etablierten Massenmedien, siehe zuletzt dieser Kommentar im stern.

Nun wurde aber gerade nachgewiesen, dass Kinnert 2021 und schon 2017 plagiiert hat – bei einer jungen Autorin weist dies wohl eher auf einen Seriencharakter als auf einen einmaligen Ausrutscher hin. Und auch Annalena Baerbock hat in ihren Reden und Kurztexten über mehr als ein Jahrzehnt lang plagiiert, wie mein Kollege Martin Jaksch überzeugend dokumentiert hat. Die Massenmedien interessieren sich aber traditionell nicht für das Systemische, sondern nur für Einzelfälle. Sie sehen nicht das Muster, das Muster hat leider keinen Nachrichtenwert.

4. UNKLARER STATUS DES „KO-AUTORS“. Beide, Baerbock und Kinnert, hatten einen „Ko-Autor“, dessen Namensnennung sie am Buchcover aber konsequent verweigerten. Baerbock erwähnte den „Ko-Autor“ überhaupt nur auf der Impressumsseite, im Kleingedruckten: „In Zusammenarbeit mit Michael Ebmeyer“. Bei Kinnert steht „mit Marc Bielefeld“ erst auf der Haupttitelseite im Buch drinnen, in kleinerer Schrift als der Schriftzug „Diana Kinnert“. – Doch wenn der Vorwurf des Plagiats kommt, ändert sich das Verhältnis von am Cover genannter Autorin und am Cover nicht genanntem Zuarbeiter plötzlich. So schreibt Kinnert nun:

„Das Buch ‚Die neue Einsamkeit‘ hat zwei Autoren. Es ist in einem gemeinsamen Schreibprozess entstanden. Schon deshalb sind Vorwürfe der Vorsätzlichkeit gegen einen einzelnen Autor unseriös. Wir beide Autoren tragen Verantwortung für den gesamten Schreibprozess.“

Sehen Sie den Namen des anderen Autors? (Eigene Abb.)

Nun, wenn das Buch zwei Autoren hat, müsste Marc Bielefeld gleichberechtigt am Cover stehen, oder nicht? Zum Vorwurf des Plagiats und der Fälschung kommt nun also auch noch der Vorwurf der unethischen Autorschaft hinzu. Es mag sein, dass das gelebte Praxis bei Sachbüchern dieser Art ist. Aber genau deshalb gehört diese Verlogenheit endlich abgestellt! So war etwa auch die „Ehrenautorschaft“ in der Wissenschaft gelebte Praxis, bis die ausbuchstabierten Richtlinien guter wissenschaftlicher Praxis dieser endlich entgegen standen.

5. VORSATZ WIRD ABGESTRITTEN. Beide, Baerbock und Kinnert, sind Meister im Abstreiten des vorsätzlichen Plagiierens. Waren es bei Baerbock ganz viele kleine Notizen, die sie ständig gemacht hat und letztlich zur Konfusion führten (so die Erklärung vor einer Runde von Kindern), so rechtfertigt Kinnert das Plagiieren mit der Verwechslung von „Recherchestellen mit Schreibteilen“, übrigens – das muss ich ihr zugestehen – eine durchaus kultige Formulierung. Gut, zugegeben: Der Plagiator, der „Erwischt!“ sagt, der muss erst geboren werden.

6. BEIDE BÜCHER ERSCHIENEN IN TOP-VERLAGEN und wurden „Bestseller“, was immer das heute bedeuten mag. Einmal ullstein, einmal Hoffmann und Campe. Beide Bücher wurden laut Dankwort ausführlich von Profis, von Akademikern lektoriert. Beide Bücher wurden von hochrangigen Kolleginnen und Kollegen rezensiert: Niemand entdeckte Plagiate oder andere Unstimmigkeiten. Und beide Bücher wurden nach den Plagiatsvorwürfen zurückgezogen.

7. INVESTIGATION FINDET IN ALTERNATIVEN MEDIEN STATT. Bei beiden Plagiatsfällen, Baerbock und Kinnert, ist das investigative Interesse der großen bundesdeutschen Medien gering. Schon der Exklusivbericht der FAZ zum Fall Kinnert hob mit einer Entschuldigung der Autorin an. Seitdem wird die gesamte Investigation hier im Blog, auf Wikipedia und in Alternativmedien geleistet. Wem das von der Diskussion um Baerbocks Lebenslauf-Mogeleien bekannt vorkommt, der ist hier nicht im Irrtum. Merke: Medien dekonstruieren nur sehr ungern ihr eigenes Narrativ.

3 Kommentare zu “Die Parallelen zwischen den Fällen Annalena Baerbock und Diana Kinnert

Neuen Kommentar verfassen

  1. Ralf Rath

    Ausnahmslos jeder Mensch hat die objektiven Konflikte einer modernen Gesellschaft notwendig in sich selbst auszutragen (Adorno, Th. W.: Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie, in: ders.: Gesellschaftstheorie und Kulturkritik, Frankfurt/Main, 2019, S. 117, 11. Aufl.). Nicht sicher zu sein, die Auseinandersetzungen des jeweils Einzelnen mit der Wirklichkeit trügen „etwas aus“ (Dörre, K.: Arbeitssoziologie und Industriegesellschaft, in: Schumann, M.: Das Jahrhundert der Industriearbeit, Weinheim/Basel, 2013, S. 170), ist deshalb fatal. Genau dieser Ungewissheit leisten aber sowohl Diana Kinnert als auch Annalena Baerbock massiv Vorschub. Empirisch längst feststehende Befunde zur Lage der Dinge in der sozialen Welt erscheinen dann plötzlich als fragwürdig. Vor allem der spätestens seit den frühen 1990er Jahren sich in globalem Maßstab vollziehende Wechsel des Rationalisierungsparadigmas menschlicher Arbeit, den manche in seiner Reichweite mit der kopernikanischen Wende vergleichen (Altmeyer, M.; Thomä, H.: Einführung, in: dies. (Hrsg.): Die vernetzte Seele, Stuttgart, 2006, S. 9) kann dann als solcher nicht mehr erfasst werden. Letztlich mündet derlei Unfug darin, dass sogar angezweifelt werden müsste, ob die Erde tatsächlich keine Scheibe ist, wie Betriebsräte längst kritisieren (vgl. Alles, W.; Belz, U.: Alstom Mannheim, in: Detje, R. et al. (Hrsg.): Arbeitspolitik kontrovers, Hamburg, 2005, S. 157). Damit steht nichts Geringeres als das Überleben der Menschheit auf dem Spiel, falls weiterhin der Prozess des Findens von hartgesottenen Praktikern mit einer unnachgiebigen Theorie dadurch fortgesetzt gestört sein sollte.

    Antworten
  2. Wilhelm Hopf

    Hallo Herr Dr. Weber,

    wenn Sie sich erinnern, hatten wir kommuniziert, W. Hopf, LIT-Verlag und wollten uns einmal treffen. […]

    Mit dem Vergleich haben Sie meines Erachtens eine gängige Struktur aufgedeckt. Vor Jahren war es Frau Weisband. Eine vom Klett-Verlag verschickte Leseprobe ihres Buches mußte jeden ob der Platitüden „beeindrucken“. Ich glaube, sie hat sich nicht mal die Mühe gemacht, abzuschreiben. Im Klappentext wurde sie schon als zukünftige Bundeskanzlerin vorgestellt. Heute gilt sie, weil in Kiew geboren, als Ukraine-Spezialistin.

    Ein kleiner Band hätte Charme. Gern höre ich von Ihnen.

    Mit freundlichen Grüßen

    W. Hopf

    Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

The maximum upload file size: 20 MB. You can upload: image. Links to YouTube, Facebook, Twitter and other services inserted in the comment text will be automatically embedded. Drop file here