Sideletter, Chatprotokolle, Postenschacher & Co.: Über die Kunst der Korruption in Österreich

Ich habe mir in den vergangenen Tagen und Wochen überlegt, warum dieses Land so ist, wie es ist – und dies auch ein wenig mit dem Blick eines geborenen Österreichers, der sieben Jahre in Ostdeutschland gelebt und somit „sein“ Land eine Zeit lang aus der Distanz wahrgenommen hat.

Da ist diese eine Seite von Österreich: Die Berge und die Seen, die Komponisten und die Denker, die Kunst und der Sport, das Essen, das Bier, der Wein. Neujahrskonzert, Streif, Wiener Schnitzel. Und da ist diese andere Seite des Landes: Niedertracht, Habgier, Korruption, Standesdünkel und Innovationsabwehr – und dies scheinbar, wohin man blickt. – Wie passt das zusammen? Warum auf der einen Seite etwa modernster Tourismus sowie sportliche und kulinarische Höhenflüge – und auf der anderen Seite eine Welt der gesetzeswidrigen Sideletter, der abgründigen Chats und der antidemokratischen Twitter Hate Speech-Blasen? Meine (noch nicht zu Ende gedachte) Antwort lautet: Offenbar gehört genau das bei uns zusammen, genau das ist die Paradoxie Österreichs.

Ich suche also nach einer Erklärung für die Nachrichten der vergangenen Wochen und Monate, für Sideletter, Chatverläufe und auch die ebenso fast immer zweifelhaften Modi ihrer Publikmachung, für die Hate Speech-Universen auf Twitter, die von allen Seiten bespielt werden, und dafür, warum es offenbar vor allem in Wien nur das Schema Rechts vs. Links bzw. Schwarz vs. Rot gibt (mit blauen und grünen Farbtupfern). Und bei der emotionalen Aufladung, da machen auch viele „Intellektuelle“ munter mit.

Ich sehe in Österreich drei Grundfesten, die wohl zusammen so eine Art „Österreich-USP“ ergeben:

Erstens den Titelkult, oder breiter: ein zum Teil groteskes Distinktionsgehabe und eine seltsame Lust an der Stratifizierung der Gesellschaft, wohl noch herrührend aus dem Kaiserreich (mir wurde von Historikern gesagt: wer insbesondere in der k.u.k.-Zeit mehr Titel akkumulierte, hatte mehr Rechte und Privilegien) und aus eventuell noch früheren Zeiten der Habsburgermonarchie.

Zweitens ein Verlangen nach einer Führerfigur, einer „Lichtgestalt“, das seine Wurzeln wohl ebenso im Kaiserreich oder noch früher hatte und im Nationalsozialismus sein abscheulichstes Gesicht zeigte.

Drittens ein Proporzdenken im Sinne einer Parteienherrschaft, eines Parteienstaates, wie er in dieser Form (und gemixt mit den anderen Komponenten) ziemlich einzigartig in Europa sein dürfte. Ich habe eine historische Hypothese, nämlich die, dass dieses Proporzdenken ein nicht aufgearbeitetes kollektives Erbe der Besatzungszeit ist: In den Köpfen der Österreicher ist irgendwie die Idee fest verwurzelt, dass alles und jede/r zu einer bestimmten Reichshälfte gehören muss, vom Universitätsprofessor bis zum Schulwart, vom Forschungsinstitut bis zur Liftgesellschaft, vom Chef staatsnaher Betriebe bis zum Finanzamtsleiter, und von Aufsichtsräten, Uniräten etc. wollen wir erst gar nicht reden.

Tabellarisch dargestellt:

Austriazistisches Spezifikum (Partei-)Proporzdenken, Parteienstaat (Verlangen nach einer) Führerfigur Titelkult
Geschichtliches Erbe Besatzungszeit Nationalsozialismus, Kaiserreich Kaiserreich

Die Liebe zur Hierarchie, das Buckeln vor dem Chef scheint mir in Österreich besonders ausgeprägt zu sein. Dazu passt der Titelkult. Ich befand mich in einem Angestelltenverhältnis selbst jahrelang in dieser Falle: Ich machte das kollektive Buckeln inklusive der absurden Anrede „Herr Professor“ mit. Der gelernte Österreicher buckelt auf der Vorderbühne so viel, dass er auf der Hinterbühne Dampf ablassen muss: Dann wird geschimpft über den Chef, dann wird dieser parodiert. Diese Verlogenheit, in die viele Österreicher im Lauf ihres Berufslebens hineingeraten, ist eine Folge des übertriebenen Buckelns, der übertriebenen Hierarchisierung von Arbeitsbeziehungen, verbunden mit einer Art Führerprinzip. Es ist also ein kompensatorisches Verhalten. Das Buckeln funktionierte übrigens auf der Hinterbühne jahrelang perfekt vor einem Hans Dichand, dem geheimen Staatsoberhaupt und Ministermacher Österreichs (Verlangen nach einer, hier stets inoffiziellen, Führerfigur!), es funktionierte – wenn auch nur für kurze Zeit – mit und vor Sebastian Kurz.

Wenn in Österreich generell persönliche Beziehungen und Parteibuch wichtiger sind als Kompetenz (bzw. genauer: Kompetenz höchstens innerhalb eines sozialen Beziehungsnetzes wie einer Partei schlagend wird), wenn der Anschein nach außen wichtiger ist als die tatsächlichen Inhalte, dann kann man eben kaum verstehen, warum Österreich so gut dasteht. Man muss sich dann auf die Paradoxie dieses Landes einlassen, und da bin ich selbst noch bei der Anamnese, noch kaum bei der Diagnose und schon gar nicht bei der Therapie.

Oder sollte man es so formulieren: Wir haben das Glück einer so schönen Natur und leben und arbeiten alle auf den Schultern von so vielen Ehrfurcht einflößenden Riesen (von Mozart bis Wittgenstein), dass wir es uns leisten können, uns in der Gegenwart so aufzuführen wie die zweifelhaften Protagonisten der täglich neuen Politskandale. Oder?

Eine Wiener Journalistin hat einmal über all die täglichen Skandale, Skandälchen, Grabenkämpfe und Sandkastenspiele zu mir gesagt: „Es geht uns einfach zu gut.“ Oder ist es eh so, wie der Brenner im „Knochenmann“ sagte: „Es passt ois so, wias is.“? Kann es sein, dass wir so „gut“ sind, weil wir so verlogen sind?

Einen Plagiatsjäger würde es dann nicht brauchen, sondern eher einen neuen Universitätslehrgang „Kunst der Korruption“.

14 Kommentare zu “Sideletter, Chatprotokolle, Postenschacher & Co.: Über die Kunst der Korruption in Österreich

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    1. thra

      Wenn ich das jetzt so genau wüßte. Das müßte ich eigentlich mal recherchieren, denn noch einmal kann ich die Werkausgabe nicht durcharbeiten. Zumindest die Schlechtaedition ist ja digitalisiert. Jedenfalls ist das für mich die Quintessenz seiner Philosophie, wenn die implizite dialektische Problematierung des Scheins expliziert wird. Könnte ich so aber auch bei Adorno eins gelesen habe. Für mich gibt es auch kaum ein interessanteres philosophisches Problem als den Schein, der für mich kein Wittgenscheinsches Scheinproblem ist. Aber der gesellschaftliche Schein ost ja nicht uninteressant, siehe Marx über den Warenfetischismus. Auch dem Kapital ist ein Scheinproblem inhärent.
      Und war waren die Romane von Schnitzler, Roth, Kafka ohne Titel?
      Schöne Grüße

  1. Jan Pichler

    Die Titelgeilheit findet man nicht nur in Österreich, sondern auch in Ländern, in denen man es kaum erwarten würde – siehe z.B. die USA. Dort wird ein ehemaliger Amtsträger sein Leben lang mit der Bezeichnung des höchsten/oder letzten Amtes angesprochen, welches er innegehabt hat. Selbst auf das „Ex“ oder „former“ wird verzichtet (nur wenn man über jemanden spricht, wird dergleichen mitunter vorangestellt). So heißt es dann beispielsweise „President Obama“ und „Mayor Guliani“, obwohl beide längst nicht mehr in Amt und Würden sind.

    Eines noch: Warum schreiben Sie „Doz. Dr.“ oben groß in den Header rein? Warum nicht einfach nur „Plagiatsgutachter“? Ihre akademische Qualifikation kann schließlich jeder Interessierte in Ihrer Vita nachlesen.
    Und wenn ich mich richtig entsinne, haben Sie in einem Schreiben, in dem Sie sich wegen einer maskenlosen Ärztin aufgepudelt haben, auch Ihren akademischen Grad verwendet. Dort war das gleich noch überflüssiger, da es nicht einmal etwas mit Ihrem Beruf zu tun hatte. War das aber womöglich gar ein versuchtes Autoritätsargument? ‚Passts ja auf, ich bin ned bloß ein dahergelaufener Hackler, sondern ich habe promoviert – mein Wort hat mehr Gewicht!‘

    Was ich sagen will: Wieso gehen Sie nicht mit gutem Beispiel voran und verzichten auf das Führen des Doktorgrades? Warum sich nicht einfach mit der Promotionsurkunde zufrieden geben, die Sie sich auf Ihr Nachtkastl stellen können? 😉

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    1. Stefan Weber Beitragsautor

      Lieber Herr Pichler!
      Am Nachtkastl sind nur zwei Wecker. Aber ja, Sie haben Recht: Ich verwende selbst auf meiner Website meine Titel als Vertrauensverstärker für meine Dienstleistungen. Gar keine Frage. Ich bin da nicht besser oder schlechter als „Dr. Oetker“ oder „Dr. Doerr“. Aber ob Sie mir das jetzt trotzdem glauben oder nicht: Seit Jahren sage ich bei Ärzten, im Krankenhaus etc., sobald ich mit „Dr. Weber“ angesprochen werde: „‚Weber‘ genügt, spart Lebenszeit.“
      LG

    2. A.H./WIen

      Wer sich dazu bemüht fühlt, einen Brief aufzusetzen, weil eine Medizinerin, mit der er persönlichen Kontakt hatte, keine Coronamaske trägt, die praktisch nichts bringt, der ist weniger klug, als er so gerne glauben will.

      Zum obigen Text: Über die Diskrepanzen der gesellschaftlichen Strukturen in den Sonderfällen Österreich und Deutschland haben sich schon andere Menschen Gedanken gemacht. Ich empfehle, ohne es als Beleidigung zu meinen, sich mit Horkheimer und Adornos Werken zu beschäftigen, bevor Sie Überlegungen auf dem Niveau eines Maturanten veröffentlichen.

  2. Schrittesser Werner

    Da ist diese eine Seite von Österreich […] Und da ist diese andere Seite des Landes […] Wie passt das zusammen?

    Nun ja, man könnte es Diversität nennen, auch wenn man das auf den ersten Blick komisch finden mal. Denn unter der soziologischen Wunderwaffe Diversität – Grundlage gelungener Gesellschaft – wird eher Diversität des so facettenreichen Guten verstanden. Das Böse ist ja uniform und niemals divers. Vielleicht sollte man Diversität auch anders verstehen.

    In diesem Sinne – um die eleganteste aller Formulierungen zu verwenden 😉 – ist gerade die Inklusion von Gutem und Bösem genau das, was Österreich besonders auszeichnet.

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