Schwerwiegender Plagiatsvorwurf gegen den österreichischen Wissenschaftstheoretiker und Buchautor Erhard Oeser

Erhard Oeser, Universitätsprofessor an der Universität Wien im Ruhestand, leitete lange Jahre das Institut für Wissenschaftstheorie ebendort. Er gilt als profunder Kenner von Popper und der Evolutionären Erkenntnistheorie, seine akademischen Themengebiete umfassten unter anderem das Gehirn-Geist-Problem und die Informationstheorie. In den vergangenen Jahren, seit seiner Emeritierung, ist er als umtriebiger Buchautor in Erscheinung getreten, mit Themen von der Hunde-, Katzen- und Pferdeliebe bis zur Fremdenfeindlichkeit.

Man mag sich fragen, warum so ein Wissenschaftler, der in Österreich den Ruf eines redlichen Intellektuellen genießt, ein zu mehr als 50 Prozent plagiiertes Buch veröffentlicht. Die Rede ist vom Werk „Herausragende Frauen in der Geschichte der Menschheit“, erschienen 2021 im Verlag Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt. Das Buch spannt den breiten historischen Bogen vom Kurtisanenwesen bis zur MeToo-Bewegung.

Ich habe im Moment nur eine Erklärung: Erhard Oeser hat dieses Buch (ab)schreiben lassen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Wissenschaftsphilosoph ein Buch „verfasst“, das seitenweise abgeschrieben ist, tatsächlich am Stück, davon alleine 18 Prozent aus der Wikipedia. Die Beispiele sind so drastisch, so erdrückend, dass man es kaum für möglich hält:

Quelle der Screenshots: S. 10, S. 12 und S. 234 des Buchs „Herausragende Frauen in der Geschichte der Menschheit“, farblich markiert die Übereinstimmungen mit Fremdtexten, davon rot mit Wikipedia.

Die Fälle bei populärwissenschaftlichen Sachbüchern werden offenbar immer schlimmer, Verlage scheren sich anscheinend immer weniger um Qualitätsprüfung. Dass so ein Buch von einem Lektorat durchgewunken wird, ist völlig unmöglich. Denn auch dort, wo „zitiert“ wird, stimmt rein gar nichts: Da werden absatz- bis seitenweise Medienquellen wörtlich abgeschrieben, von APA bis zum „Hamburger Abendblatt“, am Schluss der abgeschriebenen Stellen wird höchstens ein „(vgl. APA)“ positioniert.

Herr Oeser wird der Öffentlichkeit erklären müssen, welcher Teufel ihn hier geritten hat. Ich habe jedenfalls seit Beginn meiner Tätigkeit im Jahr 2002 noch nie Vergleichbares gesehen. Und ja, ich habe das in letzter Zeit öfters geschrieben. Die Fälle werden in der Tat immer extremer.

Eine empörte Leserin schreibt mir über das Buch (redigiert und gekürzt von mir):

  • „Keine Seite ohne Fehler.
  • Auffallend: Schlechter Stil, die vielen grammatikalischen und orthografischen Fehler, halbe Sätze, falsche Präpositionen, doppelte, sich wiederholende Absätze, fehlende Verben, Punkte mitten im Satz, dafür am Ende ein Komma, Satzbeginn mit Kleinschreibung, kreative oder nachlässige Schreibweisen der genannten Personen. Präsens und Imperfekt bunt gemischt. Die unterschiedlichen Personen sind nicht durch Absätze getrennt, sondern tauchen mitten im Fließtext auf. Zitaten folgen oft keine Quellenangaben. Die im Literaturverzeichnis aufgelisteten Werke werden längst nicht alle zitiert. Dann tauchen im Text Publikationen auf, die nicht im Literaturverzeichnis stehen.
  • Die Übersetzungen aus dem Englischen, Französischen oder Lateinischen sind grenzwertig oder falsch.
  • Lebensdaten werden eher weniger genannt, und wenn, dann falsch. Lady Anne Blunt wurde dem Buch zufolge 1867 geboren, um dann 1877 mit ihrem Ehemann zu verreisen (S. 176). Mit zehn Jahren demnach.
  • Die 85 im Buch abgehandelten Frauen finden sich allesamt hauptsächlich im Lexikon Wikipedia. Und die Texte daraus inklusive Fehlern stehen exakt so in diesem Buch, wortwörtlich.
  • Manchmal wurden einige Sätze ausgelassen, das erklärt dann die zusammenhanglosen, wirren Textpassagen.
  • S. 162: Hier geht es sicherlich nicht um weibliche Studentinnen (Studentin ist bereits femininum, was soll das Adjektiv weiblich denn betonen?) oder den weiblichen Dekan, Piloten oder Pharao. Dekanin, Pilotin, Pharaonin wäre die angemessene Benennung.
  • Für Alexandra David-Néel gibt es im Buch drei weitere Namensvarianten: David-Neel, Neel-David, David-Neal. Virginia Woolf heißt Virginla, Walentina Tereschkowa heißt Valentina, Alexandrin Tinne heißt Tinné, Pückler-Muskau heißt Pückler – Muskau, Slimėne heißt mal Slimene oder Slimne, Magda Quandt heißt Quant, die Lockheed heißt mal Lookheed oder Lockhead.
  • Beschriftungen von Bildern sind ohne Datum oder nicht richtig. Z. B. auf S. 203 ist Magda Goebbels mit ihren sieben Kindern zu sehen, darunter steht jedoch ‚Die sechs Kinder von Magda…‘.
  • Dieses Buch ist demnach ein einziges Plagiat, zusammengestoppelt aus diversen Websites, ohne eigene Denkleistung, denn auch die ‚Schlussbetrachtung‘ besteht nur aus einer Aneinanderreihung von aus den Kapiteln kopierten Sätzen. Nicht einmal schaffte es der emeritierte Wiener Professor Oeser, sich sprachlich ans Thema anzupassen.“

Also bitte, Herr Oeser, ich frage Sie öffentlich: Wer arbeitet so, wie viel Geld hat er/sie dafür von wem bekommen, und warum hat niemand, weder Sie noch der Verlag, eine Qualitätsprüfung durchgeführt?

Erklärung zu einem möglichen Interessenskonflikt: Erhard Oeser war im Jahr 2004 einer meiner vier (positiven) Gutachter in meinem Habilitationsverfahren an der Universität Wien.

7 Kommentare zu “Schwerwiegender Plagiatsvorwurf gegen den österreichischen Wissenschaftstheoretiker und Buchautor Erhard Oeser

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  1. Ronald

    Gibt es eigentlich Zahlen? Wie hoch ist die Dunkelziffer? Wieviele haben ihren akademischen Grad redlich verdient und wieviele nicht?

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  2. Andy Dufresne

    Für die Beauftragung eines Ghostwriters fehlt mir ohnehin schon jede Form von Verständnis. Aber wenn man nicht einmal ÜBERPRÜFT, was dieser Ghostwriter schreibt – beziehungsweise man sich das Elaborat, das unter dem eigenen Namen nicht nur abgegeben, sondern – wie in diesem Fall -auch noch publiziert (!) wird – fehlen mir die Worte!
    Unter anderen Umständen würde ich vermuten, jemand anderer hat dieses Buch als Oesers Werk herausgegeben, um dessen Ruf zu schaden, wenn – glaubt man den Rezensionen – bei der Lektüre selbst ohne Plagiatssoftware bereits für jeden Leser offensichtlich wird, dass hier konzeptlos zusammenkopiert wurde.

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  3. A.H./WIen

    Langsam bekommt man in Österreich den Eindruck, daß es weniger Arbeit wäre, zu prüfen, wer seine Arbeit eigentlich selbst verfasst und nicht hinten und vorne geklaut und betrogen hat.

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