TU Wien sagt entgegen ihrer Pressemeldung das mehrjährige Projekt „Digitale gute wissenschaftliche Praxis“ endgültig ab

„Ich halte viel davon, dieses Projekt zu starten. Ich glaube, dass es der Reputation der TU Wien sehr gut tun würde, insbesondere dem Digitalisierungsgedanken, dass es strategisch wichtig ist und auch universitätspolitisch natürlich wichtig ist, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.“

Das waren die Worte der Rektorin der TU Wien und Präsidentin der uniko, des Zusammenschlusses der 22 staatlichen Universitäten in Österreich, Sabine Seidler, in einem Meeting am 25.01.2021 zum damals nur sehr rudimentär vorliegenden Projektvorschlag zu „digitaler guter wissenschaftlicher Praxis“ von TU Wien-Professor Markus Haslinger und mir.

Nun hat die TU Wien ja bekanntlich die mehrjährige unbezahlte Zusammenarbeit mit mir zur Projektentwicklung nach meinem wahren Plagiatsvorwurf gegen Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) am 04.10.2022 jäh beendet, auf Wunsch des BMBWF bzw. genauer: eines ÖVP-Sektionschefs. Das Projekt selbst solle aber weitergehen, wurde das Büro der Rektorin damals im „Standard“ zitiert.

Und nach meinem freilich ebenso wahren Plagiatsvorwurf gegen Niki Popper hieß es noch in einer Presseaussendung der TU Wien vom 17.01.2023:

„Das Projekt ‚Digitale gute wissenschaftliche Praxis‘ wird an der der TU Wien als Bestandteil der aktuellen Leistungsvereinbarung 2022 – 2024 durchgeführt werden und Instrumente und Prozesse schaffen, die von allen österreichischen Universitäten genutzt werden können. Es geht darum, beim wissenschaftlichen Nachwuchs Bewusstsein zu schaffen und Fehlern und Vergehen vorzubeugen.“

Umso überraschender nun die Nachricht am 13.04.2023, bei meinem ersten (und Gott sei Dank letzten!) Verhandlungstag vor dem Arbeitsgericht Wien: Wie der Anwalt der TU Wien in Anwesenheit einer Arbeitsrechtlerin des Hauses verlautete, werde das Projekt nicht mehr weiter verfolgt werden. Es werde somit auch keine Stellenausschreibung(en) geben.

Noch vor wenigen Wochen sagte Vizerektor Kurt Matyas zu mir, das Konzept werde abermals umgeschrieben und es werde 2023 auch eine Stelle ausgeschrieben werden.

Wie kam es zu diesem Meinungswandel? Wegen meiner arbeitsgerichtlichen Entgeltforderung? Was hätte das eine mit dem anderen zu tun? Und von meiner Forderung habe ich abgelassen, nachdem die Richterin nach wenigen Sekunden klar machte, auf wessen Seite sie steht.

Ich denke, dass die TU Wien kein wirkliches Interesse am Thema gute wissenschaftliche Praxis hat. Ein diesbezüglicher Code of Conduct stammt aus dem Jahr 2007, ein Plagiatsleitfaden aus dem Jahr 2014. Beide Dokumente sind Schnee von gestern. Ich habe an der TU Wien seit 2019 unterrichtet, das Vizerektorat für Lehre hat es in dem gesamten Zeitraum nicht einmal hinbekommen, die Schnittstelle zwischen der Lernplattform TUWEL und der Plagiatssoftware Turnitin zu implementieren. So musste ich meine schriftlichen Klausuren allesamt auf meinem eigenen Turnitin-Account prüfen. Die allermeisten Lehrenden dürften über einen solchen Account nicht verfügen – also keine Möglichkeit der massenhaften Plagiatskontrolle. Was für ein Armutszeugnis für eine technische Universität!

So gesehen glaube ich rückblickend, dass man nie ein Projekt zu guter wissenschaftlicher Praxis haben wollte und schon gar keinen „Schnüffler“ Stefan Weber im Haus. Die staatlichen Universitäten definieren sich eher dadurch, dass man nicht zu genau hinschauen soll. Das obige Zitat von Rektorin Seidler, das war höchstwahrscheinlich nur Blabla, heiße Luft. Denn ein Streit mit Stefan Weber dürfte ja nicht die Einstellung der Rektorin zum Thema gute wissenschaftliche Praxis ändern. Ich habe meine zu GWP ja auch nicht geändert.

Ich habe teures Lehrgeld/Leergeld in der Sache bezahlt. Ich werde meinen Job weitermachen. Im Herbst erscheint „Auf Plagiatsjagd“ in der Edition Atelier, im Frühjahr 2024 mein „Prozesslehrbuch Gute wissenschaftliche Praxis“. Die TU Wien macht ihren Job in diesem Bereich nicht.

Eine Kollegin hat einmal das Bild geprägt: Die staatlichen Universitäten sind wie riesige Tanker, die man nur ganz schwer ein wenig vom Kurs abbringt. In Wahrheit sind sie längst im Eis stecken geblieben.

2 Kommentare zu “TU Wien sagt entgegen ihrer Pressemeldung das mehrjährige Projekt „Digitale gute wissenschaftliche Praxis“ endgültig ab

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  1. Ralf Rath

    Wie der Physiker Werner Heisenberg im Vorwort zu dem Briefwechsel zwischen Albert Einstein und Hedwig und Max Born schreibt, sind die Natur- und Technikwissenschaften stets auf einem philosophischen Denken aufgespannt, das ihnen „einen festen Halt gibt“ (ebd., 1969: 13). Zugleich weist die Juristin Jutta Limbach längst darauf hin, dass die „Philosophie ohne Soziologie blind ist“ (Laudatio, 1999: 21). Wenn man so will, könnte somit kritisiert werden, dass in Österreich nicht zuletzt die TU Wien im Nachgang ihre Hochschulgrade verleiht und dabei die zuvor dort vorgelegten Qualifikationsschriften unbesehen lässt. Auf diese Weise ist es möglich, für völlig haltlose Behauptungen die wirkliche Welt umfälschend noch die höchsten akademischen Weihen zugesprochen zu bekommen.

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