Teil 3: Chronologie eines gescheiterten Rufmords – Wie der Colchicin-Coup abgelaufen sein muss

Dieser dritte Teil über die unglaubliche Colchicin-Fälschung handelt, wie die beiden Teile zuvor, keinesfalls von der Identität des Auftraggebers. Seine Hintergründe und Motive werden hoffentlich an anderer Stelle erörtert werden.

Quelle: Eigene Abbildung

Im dritten und vorläufig letzten Teil soll es um die Frage gehen, wie es möglich war, einen gefakten Kongressband mit 367 Seiten Umfang, gebunden, mit 13 Beiträgen, unter anderem von renommierten und allesamt bereits verstorbenen amerikanischen Medizinern und Biologen wie etwa Stephen E. Malawista, Keith R. Porter oder James G. Hirsch zu konzipieren, zu verfassen, herzustellen und in Umlauf zu bringen.

Diese Rekonstruktion soll einen Beitrag dazu leisten, dass sich eine solche perfide (und letztlich saudumme) Tat in der Wissenschaft nicht mehr wiederholt.

1. Konzeptionsphase: Der Täter war in genauester Kenntnis der Dissertation des Rufmord-Opfers Matthias Graw. Er wusste freilich, dass Graw bei den in seiner Doktorarbeit (Universität Hamburg, 1987) beschriebenen Versuchen mit den beiden Zytostatika (Zellwachstumshemmern) Colchicin und Vinblastin gearbeitet hat. Der Täter entschied sich für Colchicin, das Gift der Herbstzeitlosen.

Aber wie kann ein Plagiatsvorwurf erhoben werden? Das gefakte Original muss ja dann schon vor 1987 in Bibliotheken abgelegt worden sein. Eine Möglichkeit, die mir erst jetzt beim Schreiben einfällt, wäre eine erfundene entfernte Diplom- oder Masterarbeit gewesen, in einer anderen Sprache, die nicht in Bibliotheken abgabepflichtig war. Aber da hätte wohl jeder nach der Identität des Verfassers zu recherchieren begonnen. Also musste eine hohe Dosis Realität in den Fake: Ein fiktiver Kongress zu Colchicin, veranstaltet an einem realen, aber entlegenen Ort, nicht mehr rekonstruierbar nach Jahrzehnten und mit ausnahmslos bereits verstorbenen Wissenschaftlern. Der Täter hätte sich nicht für Colchicin und Rumänien, er hätte sich auch für Vinblastin und Bulgarien entscheiden können. Die Wahl fiel schließlich auf das Krankenhaus „Sfântul Dimitrie” im rumänischen Târgu Neamț, vielleicht, weil es über eine lange In-Memoriam-Website bereits verstorbener Medizinerinnen und Mediziner des Hauses verfügt.

2. Schreibphase: Es gibt für mich kaum noch einen Zweifel daran, dass der ‚Content‘ des Buchs von einer internationalen Ghostwriting-Agentur stammt, vielleicht auch von einem Einzel-Ghostwriter. Ich habe ja selbst im Herbst 2016 einen Test gemacht und erhielt binnen 48 Stunden eine fertige Seminararbeit für 250 Euro, verfasst von einem Freelancer aus Pakistan. Die mir unbekannte Person, die ich mit PayPal bezahlt habe, verfasste nur auf Basis von übers Internet verfügbaren Quellen eine englischsprachige, sehr saubere Arbeit über den österreichischen Philosophen Josef Mitterer.

Im Colchicin-Sammelband spricht für das Engagieren eines Ghostwriters, dass die Inhalte (das Plagiieren mag in Rumänien als üblich gegolten haben) großteils sauber sind, aber beim Drumherum mitunter arg geschlampt wurde: Ein Bild aus Wikipedia, ein weiteres aus einer Fotobörse aus dem Netz, haarsträubende Fehler auf der Impressumsseite und am Buchcover, wo selbst „Romania“ auf rumänisch falsch geschrieben wurde. Das erklärt sich wohl dadurch, dass Ghostwriting-Agenturen nur sehr selten ganze Kongressbände fälschen, meist werden Qualifikationsschriften verfasst, häufig auch Reden und Projektanträge und wenn schon Bücher, dann populäre Sachbücher. Aber sehr selten muss ein Sammelband 40 Jahre zurück in die Vergangenheit „projiziert“ werden. Daher die vielen Fehler. Korrigiert hat das niemand, der Kunde vertraute seinem Ghost.

Der Ghost hat einen Fehler produziert, der alle bisherigen in den Schatten stellt: Er hat den Vor- und Nachnamen einer rumänischen Ärztin verwechselt. „Rein zufällig“ steht das so auch auf der In-Memoriam-Webseite des Krankenhauses:

Quelle: https://spital-tirguneamt.ro/in-memoriam-2

Alle Ärzte werden hier zuerst mit Vor- und dann mit Nachnamen angeführt. Nur bei Dr. Cornelia Mateiasi ist es andersrum: Im Web steht „DR. MATEIASI CORNELIA“. Daraus wurde im Sammelband die Verfasserin „M Cornelia„:

Quelle: Colchicin-Band, S. 219

Auch die Ergänzung „since 1979,“ weist klar auf ein Abschreiben der Webquelle hin. Welche Ärztin würde das ernstlich zu ihrer „affiliation“ dazuschreiben?

3. Produktionsphase: Bei Satz und Layout wurde geschlampt (Verwendung zweier erst nach der Jahrtausendwende eingeführter Schriften), ebenso beim Buchdruck selbst (laut zwei befragten Buchhändlern ist das knallrote Buch mit hellem Papier keine zehn Jahre alt; in der DDR wären niemals Lesebändchen verwendet worden etc.). Hier hat es der Täter wohl verabsäumt, zu einem professionellen Fälscher zu gehen, der Produkte alt aussehen lassen kann. Dieser Fehler lässt sich wiederum dadurch erklären, dass es viel leichter ist, einen Ghostwriter zu finden als einen Produktfälscher, der altes Papier und alte Einbände hat. Vielleicht war der Coup in diesem Stadium auch bereits eine Geldfrage. Oder der Täter wollte nicht zu viele Mitwisser haben.

4. Disseminationsphase: Aber würde es den „Plagiatsjägern“ genügen, wenn sie einfach nur PDF-Files des Buchs erhalten? Würden die nicht das „Original“ irgendwo bestellen wollen? Aber wo, wenn das Buch weltweit bibliothekarisch nicht verzeichnet ist? Klar ist, den Plagiatsjägern war von Anfang an zu vermitteln: Die (nahezu) weltweite Nicht-Verfügbarkeit des Titels beweist nur einmal mehr die unglaubliche Perfidie des Plagiators.

Die Antwort auf das Verfügbarkeitsproblem lautete: Das Buch musste im Antiquariat angeboten werden. ZVAB wäre in Frage gekommen, aber der Täter entschied sich für eBay. Das musste so arrangiert werden, dass die tatsächliche Erhältlichkeit bei einem erneut entlegenen Händler als ausreichender Beweis dafür angesehen wird, dass das Buch echt ist.

Der ebay-Händler ging am 17.02.22 online. Elf Tage später kontaktierte mich zufälligerweise schon der Auftraggeber. Und so nahm die unglaublichste Geschichte meiner „Plagiatsjäger-Karriere“ ihren Lauf. Eine Geschichte, die meinen Blick auf meinen Job bereits jetzt verändert hat und wohl noch weiter verändern wird…

Genug Stoff für eine geile „Tatort“-Folge sollte jedenfalls schon da sein.

Teil 1: Mögliche unglaubliche Wende im Fall Matthias Graw: Ist das „Original“ des „Plagiats“ eine Fälschung?

Teil 2: Colchicin-Fall: Die Fälschungshinweise verdichten sich – Ein Aufruf zur Mitarbeit und eine öffentliche Entschuldigung

29 Kommentare zu “Teil 3: Chronologie eines gescheiterten Rufmords – Wie der Colchicin-Coup abgelaufen sein muss

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  1. Gespannter Leser

    2 Punkte:
    1) Wenn ich aus Episode 1 dieses „Fortsetzungskrimis“ zitieren darf: „Aber wenn Version 1 stimmt, suche ich mir einen neuen Job. Denn irgendjemand wollte dann eine (letztlich aber gescheiterte!) Rufschädigung betreiben und hätte damit nicht nur Herrn Graws Ruf kurzzeitig, sondern auch mein – in hunderten anderen Fällen berechtigtes – Anliegen mit nachhaltiger Wirkung in den Dreck gezogen. Ich war immer nur an der Wahrheitsfindung orientiert, ich habe nie Vorwürfe konstruiert oder mich auch nur instrumentalisieren lassen. Aber ein Fehler dieser Art wäre hier einer zu viel.“ Anscheinend, sehen sie jetzt doch wieder davon ab persönliche Konsequenzen zu ziehen – wollen Sie erläutern warum?
    2) Offensichtlich konnte dies alles nur gelingen, weil des Spiel bewusst durch einen „Auftrag“ bei Ihnen gestartet wurde. Damit ist auch klar, dass der Auftraggeber mittel-oder unmittelbar beteiligt sein muss. Daraus ergibt sich natürlich die dringende Frage, ob es legitim und verantwortbar ist diesen weiter geheim zu halten, bzw. ob es, falls er Ihnen nicht namentlich bekannt ist, verantwortbar ist, anonyme Auftraggeber nach wie vor zu nutzen.

    Insgesamt kann man nur hoffen, dass vor allem die Medien in Zukunft mit der Veröffentlichung von Verdachtsmomenten von Ihnen und anderen „Jägern“ verantwortungsvoller umgehen, d.h. Ihnen kein voreiliges Medium bieten, dass so etwas erst ermöglicht.

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  2. V. Schröder

    Hallo – nur eine Detailfrage: wie viele Exemplare dieses Buches wurden Ihres Wissens produziert? Besitzen die Uni Hamburg und Ihr deutscher „Kollege“ eigene Exemplare oder haben Sie das Ihre mit ihnen geteilt? Falls es zwei oder drei Exemplare gibt, wurden diese alle bei demselben eBay-Verkäufer erworben (was doch etwas seltsam wäre für angeblich gebrauchte Bücher)? Auf eBay ist aktuell nur noch ein verkauftes Exemplar zu ermitteln.
    Danke, und alles Gute bei der Aufarbeitung dieses Falls!

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  3. Tom

    Sieht fast so aus als sei das Cover von diesem Band inspiriert worden https://www.ebay.de/itm/155147927964?hash=item241f89819c:g:6PwAAOSwvVRjFLJT&amdata=enc%3AAQAHAAAA4CgoiU3FOf1baqIubcOgnWchStC3rTcFbwBoqUtICXq4Z7MMhUkiweOvUroqa%2F0YdaMRmXmm86uRezEcnhXtbd4xTPx%2F5Ez1d%2Bmz4N5nddQQpCBg8Bx3B2ENXScxARJ9xQdFEl%2FS%2By31aIVUK3xwlc3xq4I2eGvoUsub5AvCj5FR8wr9GvS7bW%2FRaGBQFUhcdOOcV7E%2F00RsgmPX4p2d6EXq53LzA0Ztehrfy3BFbcAk3aia7wwM9LVcJ5boaarsJWPI6ofY3UjhK5x2sSbPk%2B1w%2FB3FwCxnbkfRHkbP9Meg%7Ctkp%3ABk9SR-CRqpH-YA

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  4. Dr. Thomas Gerdau

    Selbstverständlich gab es Lesebändchen in der DDR. Siege die Reihe Bibliothek fortschrittlicher deutscher Schriftsteller aus den 50ern.

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  5. Mostler

    Wenn Sie Ihrem in Teil 1 („Mögliche unglaubliche Wende….“) geäußerten Vorsatz nachkommen wollen, müßen Sie sich einen neuen Job suchen, denn Version 1 ist offensichtlich die Wahrheit.

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  6. Ralf Rath

    Der Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt kritisiert schon seit längerem unter der Bevölkerung überaus weit verbreitete Praktiken im Umgang mit Texten, die letztlich darin enden, sie, „wie das Gold im Märchen, zu stumpfer Kohle“ werden zu lassen (ders., 1995: 306). Wenn man so will, könnte angesichts dessen das vorläufige Fazit gezogen werden, dass Matthias Graw, aber auch die Plagiatsforscher Stefan Weber und Martin Heidingsfelder als Objekte für solch eine zutiefst sadistische Projektion herhalten mussten. Insofern die bis auf die Gegenwart fortgesetzte Lebensnot des Menschen sich laut Sigmund Freud nur lindern lässt, falls es gelingt, „die Energien von der Sexualbetätigung auf die Arbeit (zu) lenken“ (ders., 1926: 524), zeugt der gefälschte Kongressband von einem äußerst kontraindizierten Handeln. Insbesondere die soziale Natur der Heilkunst (Salomon Neumann) soll offenbar ad absurdum geführt werden. Es nimmt dann nicht wunder, wenn Erkrankungen infolge dessen auch künftig unheilbar sind und darunter leidende Patienten einen frühen Tod zu sterben haben. Der Arzt und Philosoph Manfred Spitzer schätzt denn auch bekanntlich die Zahl der auf diese Weise zusätzlich zu verzeichnenden, jedoch von vornherein vermeidbaren Toten allein in Deutschland für das Jahr 2020 auf rund 40.000. Fraglich somit, weshalb eine in Wirklichkeit auf diese Weise enorm gesteigerte Morbiditäts- und Mortalitätsrate weiterhin als zu duldendes Lebensrisiko gilt und hoheitlich bis dato keinerlei Anstalten unternommen werden, damit endlich ein Umschlag zugunsten einer richtigen Praxis erfolgt.

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  7. R. Meier

    Ja, Sie müssen Ihre Vorgehensweise kritisch überprüfen und ändern! Der Vorgang ist ein Fall für den Staatsanwalt und für zivilrechtliche Schritte, mit einer Entschuldigung ist es nicht getan. Das erinnert mich an den Stern- und den Relotius-Skandal.
    Hoffentlich lassen Sie sich und Herr Heidingsfelder nicht mehr so leicht für derartige Rufmordkampagnen einspannen.

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  8. CG

    Am Ende war das ein Probelauf, wie man Wissenschaftler und Wissenschaft an sich diskreditieren kann, wenn der Auftraggeber schon keine persönliche Fehde auszufechten hatte.

    Wie dem auch sei: Dieses Rezept könnte mit den hier veröffentlichten Fehlern in der Vorgehensweise verfeinert werden.

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  9. Soderle

    Faszinierende Geschichte! Bedenkt man die inzwischen entdeckten Unstimmigkeiten, legt das den Verdacht nahe, dass dabei aber weniger der Mediziner desavrouiert als vielmehr der medial präsente „Plagiatsjäger“ reingelegt und dazu gebracht werden sollte, sich durch mangelnde Quellenkritik öffentlich zu blamieren.

    Als Inspiration könnte vielleicht ein Fall aus der Kunstgeschichte gedient haben, der schon einige Jahre her ist, aber vor 8 Jahren ziemlich viel Aufmerksamkeit fand und damals einen deutschen Promi der Zunft schlecht aussehen ließ:
    https://www.tagesspiegel.de/wissen/tatort-sternenbote-8472700.html
    https://www.tagesspiegel.de/wissen/es-traf-uns-wie-ein-blitz-3545581.html

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  10. DirkNB

    Faszinierende drei Artikel. Wirklich top. Nur bei so sehr absoluten Aussagen habe ich manchmal meine Probleme und ich versuche, dran zu kratzen. Hier: In der DDR gab es keine Bücher mit Lesebändchen. Nun konnte ich damals auch schon lesen und Erinnerungen sind manchmal schrecklich und manchmal irreführend. Aus meinen Bücherregalen blitzen einige Lesebändchen heraus, aber alle waren erst nach 1990 erworben worden. Mittlerweile verstorbene Verwandte von mir hatten zwei Buchreihen, denen ich definitiv Lesebändchen unterstelle, es leider aber nicht mehr nachprüfen kann. Sie könnten aber auch weiter östlich gedruckt worden sein, was dann ja auch nicht zählen würde.
    Aber: Ein Buch habe ich dann doch noch gefunden: Gesamtherstellung: VEB Offizin Andersen Mexö in Leipzig, das Buch selbst 2. Auflage 1965, eine Sammlung von Aphorismen, Essays und Brieben von G.C. Lichtenberg. 😉
    Es gibt also mindestens ein Buch aus DDR-Produktion mit Lesebändchen. 😉

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    1. RotherHRO

      Selbstverständlich gab es auch in der DDR Bücher mit Lesebändchen, wenngleich selten, das ist wahr! Ich nenne als weiteres Beispiel Carl Gustav Carus: Lebenserinnerungen und Denkwürdigkeiten, Verlag Gustav Kiepenheuer Weimar 1966, Gesamtherstellung Philipp Reclam jun. Leipzig.
      Trotz dieses Lapsus‘ bezeugen ich meinen ausdrücklichen Respekt nicht nur für die Selbstkritik, sondern vor allem auch für die Aufklärung.

  11. Constantin S.

    Hallo Herr Weber,

    Respekt für diese selbstkritische Aufarbeitung. Ich finde die ‚Fehler‘, die Ihnen unterlaufen sind absolut nachvollziehbar. Wer konnte auch mit so einer konstruierten Fälschung rechnen? Auf jeden Fall eine ‚Tatort‘ verdächtige Geschichte!
    Beste Grüße

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    1. Heinrich Acker

      So einfach ist das nicht. Es könnte ja im Prinzip ein gescanntes, digital bearbeitetes Negativ aus der Zeit sein. Auch in den 1980er Jahren wurde schon auf hohem Niveau fotografiert, meist nur von Profis. Ohne das Bild in der höchsten Auflösung zu kaufen, können Sie unmöglich *nachweisen*, dass es nicht von vor 1983 stammen kann.

  12. Werner Paulsen

    Fehlt noch das Motiv. Da fällt mir nur persönlicher Hass und absoluter beruflicher Vernichtungswille ein. Das bleibt weiterhin spannend.
    Und mein Respekt für ihre persönliche Entschuldigung in der Sache.

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  13. Ralf Rath

    Angesichts dessen, dass ein „Mangel an klarer sozialer Struktur, … einen nachweislichen pathogenen Einfluß auf die weitere Lebensgeschichte hat“ (Spitzer, 1996: 330) bedrohen Praktiken wie der gefälschte Kongressband vor allem die Menschlichkeit einer menschlichen Existenz, wie der Soziologe Hans Paul Bahrdt längst zu bedenken gibt (siehe das Vorwort zu Löffler/Sofsky, 1986). Mit der nunmehr entlarvten Fälschung ist der Bedrohung notwendig eine Absage erteilt worden. Insofern erweist die Plagiatsforschung der Allgemeinheit, aber besonders auch Matthias Graw einen großen Dienst. Nicht zuletzt seine eigene körperliche Unversehrtheit bleibt dadurch erhalten. Das ist keine Selbstverständlichkeit. So verbuchte erst jüngst eine renommierte Physikerin der ETH Zürich, deren Arbeit mit Preisen vielfach ausgezeichnet wurde, das nackte Überleben als ihren persönlich wichtigsten Erfolg (NZZ v. 4. Juni 2018). Sollte es deshalb nur noch darum gehen, mit heiler Haut davonzukommen, ist wissenschaftliches Arbeiten bereits im Ansatz bis zur Unmöglichkeit erschwert. Die Kritik des Physikers Hans-Joachim Queisser an den in der Konsequenz „deutlich schwierigeren Studiengängen“ anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Wissenschaftsstadt Ulm müsste dann noch sehr viel schärfer ausfallen. Es kann schließlich nicht sein, dass für das erlebte Glück einer gewonnenen Erkenntnis ein mitunter jahrzehntelanges Leiden und sogar der Tod in Kauf zu nehmen ist.

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    1. Leser

      @Ralf Rath: Bin ich der einzige, der die halben Andeutungen nicht versteht? Für mich klingt der Kommentar mehr verwirrend als informativ.

    2. Ralf Rath

      @Leser: Bertolt Brecht spricht im Zusammenhang mit dem Tod von Walter Benjamin in einem Gedicht von einem „quälbaren Leib“. Eskalieren dem Einzelnen somit die Qualen bis ins Unerträgliche hinein, ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass Dritte der sadistischen Versuchung nicht widerstehen, wie Max Horkheimer im Jahr 1968 in dem Aufsatz „Die Psychoanalyse aus der Sicht der Soziologie“ kritisiert. Was daran unverständlich sein soll, wie Sie kurzerhand behaupten, müssten Sie noch erläutern. Im Übrigen bin ich keineswegs in der Bringschuld, Ihnen davon einen Begriff zu liefern, sondern allein Sie selbst haben sich notwendig einen eigenen Begriff von den Gegebenheiten zu machen, falls Sie nicht einem schieren Wahn verfallen möchten.

  14. Markus Kühbacher

    Zum Thema Echtheitsbestätigung von Dokumenten:

    Wie lässt sich eigentlich das Alter eines „vermeintlichen“ Wasserschadens einer Dissertation bestimmen?

    Antworten
  15. Andy Dufresne

    Geschätzter Herr Weber!

    Das sind verständliche Ansätze. Ad Punkt 3: Wie ist es möglich, zwischen Hasskampagnen und Anliegen im Sinne der Wissenschaft zu differenzieren? Und: Sie leben ja trotzdem von diesem Geschäft? Wäre das „Wegbrechen“ von Aufträgen, bei denen es in Wahrheit um Rache am Ex-Mann, an der Anpatzung eines Politikers einer Gegenpartei, des untragbaren Chefs usw geht, nicht fatal?
    Ich hätte da eine Anregung und mich würde Ihre Meinung dazu interessieren. Bemerkung zuvor: ich möchte Sie nicht im negativen Sinn kritisieren, sondern Ihnen als Sympathisant Anregungen geben. Lesen Sie die folgenden Zeilen also im positiv gemeinten Sinn:

    Vielleicht sind Sie – ähnlich wie etwa bei einem Polizeibeamten, der (im Unterschied zu etwa einem Strafverteidiger) grundsätzlich dazu geneigt, von einer Art „Schuldigkeit“ auszugehen, was möglicherweise zu einer Art Betriebsblindheit führen kann? Was ich meine, ist, dass Sie vielleicht eine Art Paradigmenwechsel bräuchten. Sie sind da im Unterschied zu manchen Kollegen eh sehr fortschrittlich. Was meine ich konkret: Im Plagiatsjägerjargon gibt es Termini wie „Bauernopfer“. Ich persönlich- aber das ist nur meine Meinung – glaube, dass der Großteil der angehenden Akademiker oder Doktoranden sauber arbeitet. Ich bin überzeugt, dass die meisten ehrlich und redlich arbeiten. Und für viele sind AKRIBISCHE Zitierregeln Priorität 2 – denn Priorität 1 ist der Inhalt. Das bringt mich zu den Bauernopfern. Ich glaube nämlich: Wenn jemand eine Quelle angibt, will dieser jemand grundsätzlich nicht täuschen oder verschleiern. Sonst würde dieser jemand sich nämlich die Mühe machen, alles bis zur Unkenntlichkeit extrem zu paraphrasieren und würde die Quelle überhaupt unterschlagen. Ich rede nicht von jemandem, der einen wörtlich zitierten Satz sauber angibt und danach munter einen ganzen Absatz weiterschreibt. Das ist Täuschung. Wenn aber jemand am ENDE einer Sinneinheit eine Quelle angibt, glaube ich nicht, dass er täuschen wollte. Vielleicht neigen Sie als Plagiatsjäger dazu, zu sagen „Hier stehen 5 Sätze. Am Beginn steht nirgends ‚Laut Erpendorfer sei …….‘, nach Satz 5 steht die Quelle ‚Erpendorfer‘, aber alle 5 Sätze sind aus der Quelle ‚Erpendorfer ‚ – ergo: Plagiat“. Dem Leser, der inhaltlich liest, ist aber völlig klar, dass ebendieser Inhalt natürlich NICHT auf der eigenen Forschung des Verfassers beruht (Was weiß ich: „Im Jahre 1890 wurde die Rolle von Maschinen in Fabriken bedeutender, weil …….“). Der inhaltlich lesende Leser würde die Quelle im Umfeld suchen (nicht VOR dem Satz – aber „bald mal danach“) und sich nicht getäuscht fühlen. Ich lese heute Arbeiten, in denen stehen Dinge wie (das ist jetzt erfunden, aber so lesen sich diese Texte): „Dieses Schloss wurde 1769 erbaut (Jenny, S. 69). Es wurde vom Grafen XY bezogen (Jenny, S. 69). Ebendieser Graf lebte dort mit XY (Jenny, S. 69)…….“, weil sich jeder heutzutage anschwitzt, ein unbewusstes Bauernopfer zu setzen. „Laut Jenny sei dieses Schloss 1769 erbaut worden. Es sei vom Grafen XY belebt worden…..“ mag aber begreiflicherweise auch keiner schreiben, da man dieses in zig Quellen belegte Faktum ja nicht nur Jenny zuschreiben mag. Und wörtlich zitieren wäre bei solchen allgemeinen Fakten ja auch Unsinn. Problem verstanden, oder? Aber was ist, wenn dann in 20 Jahren ein Plagiatsjäger kommt und sagt „Jenny ist erst nach einem halben Absatz als Quelle angeführt – Bauernopfer“? . ….
    Über fehlende Anführungszeichen bei banalen Formulierungen könnte ich ähnliches schreiben.
    Was will ich damit sagen: Nachdem Sie die wahren Beweggründe Ihrer Auftraggeber vermutlich oft nicht kennen werden, denke ich: Es spricht nichts dagegen, auch künftig alle Aufträge anzunehmen. Aber dann sollte man vielleicht mit einer „im Zweifel für den Angeklagten“-Einstellung herangehen und sich vor allem auch ein bisschen inhaltlich damit auseinandersetzen. Und dann können Sie dem Aufrraggeber etwa bei solchen Bauernopfern oder ähnlichen Dingen wie fehlenden Anführungszeichen bei irgendwelchen banalen Wortketten kommunizieren: „Es sind definitiv Mängel in der Zitierweise gegeben, aber für ein Plagiat mit Täuschungsabsicht (!) ist die Suppe wohl zu dünn.“ Dies hätte 3 Effekte:
    A) Die Auftragsanzahl würde nicht geringer werden
    B) das Spiel „Weber spricht von Plagiaten – Uni erkennt keine Täuschungsabsicht“ wäre vorbei, weil nur mehr selektierte Arbeiten, bei denen seitens des Verfassers ECHT über das Ziel geschossen wurde, bei der Uni oder der ÖAWI landen würden
    C) Durch das Hinweisen und Publikmachen von Zitierfehlern würden Sie Aufklärungs- und Präventionsarbei leisten, aber wären nicht ein bezahlter Spielball, um jemanden aus völlig anderen Gründen zu „ruinieren“.

    Das sage ich Ihnen als jemand, der sich viel mit wissenschaftlichem Arbeiten beschäftigt hat.
    Über eine kurze Stellungnahme (vielleicht sehe ich manches ja anders als Sie – und Sie sind ja eh sehr tolerant und schreien nicht sofort „Plagiat“ wegen Dingen wie Absatzendezitaten – die ich auch heute noch manchmal sehe.). Ich glaube einfach, man sollte in Hinblick auf die Zukunft mehr auf Prävention und Bewusstsein für dieses wichtige Thema setzen, und was die Vergangenheit anbelangt: Plagiate erst ab einem gewissen „Dreistigkeitsgrad“ als solche bezeichnen, und sich mal in den Verfasser reinversetzen und sich fragen „Wollte er tatsächlich TÄUSCHEN“.

    Aus der Sache mit Graw haben Sie gelernt. Sehen Sie es im vorher genannten Sinne als Prävention – und niemand wird Ihnen langfristig böse sein, hoffe ich. Graw wird froh sein, dass das Thema vorbei ist – und er hätte sich selber auch aktiv einbringen können. Sie haben nur so gearbeitet, wie es richtig erschien. Und so soll es auch bei Plagiatssuchen sein. Forschend, aber anprangernd nur bei ganz offensichtlichen Härtefällen.

    Abgesehen davon wird mit Betreuern von Arbeiten meiner Meinung nach viel zu wenig ins Gericht gegangen. Klar kann man nicht jede Täuschung erkennen – aber Stilbrüche etc müssten auffallen, sofern die Arbeit gelesen wird. Ich hatte eine ausgezeichnete Betreuung bei meiner Arbeit – und es ist auch ein Hohn gegenüber jenen Betreuern, die sich wirklich etwas antun, wenn andere die Arbeiten offenbar GAR nicht lesen.

    Das wars
    Freundliche Grüße
    Andy

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    1. Interessierter Leser

      Man sollte an dieser Stelle auch einmal ein Lob an die Ombudsstelle aussprechen, die in diesem Fall sehr vorbildlich und unabhängig agiert hat und auf diese Weise einen redlichen Wissenschaftler vor falscher Rufschädigung und der sicher geglaubten Aberkennung seines akademischen Grades bewahrt hat. Es hätte auch anders kommen können. Man sollte sich vor Augen halten, wie schwerwiegend ein solcher Plagiatsvorwurf (bzw. Fälschungsvorwurf) ist und dass hier beinahe das Leben eines Menschen ruiniert wurde. Umso verwerflicher finde ich es das Schreiben des Martin Heidingsfelder an die Hamburger Ombudsstelle, welches nach wie vor (unkorrigiert!) auf seiner PolitPlag-Seite einsehbar ist.

    2. Sebastian Laser

      Herr Graw hat alles richtig gemacht. Er hatte vor Monaten schon geantwortet das die Anschuldigungen keine Grundlagen haben und es genug Zeugen seiner Forschungsarbeit gibt. Danach keine weitere Stellungnahmen. Immerhin ist er Rechtsmediziner und Anwälte hatten diese Plagiatsvorwürfe schon als Begründung für Ablehnung seiner Gutachten eingebracht. Jedes weitere Wort von ihm wäre weiter gegen ihn benutzt worden.
      Wie die Kollegen mit Stellungnahmen umgehen kann man beim Herrn Heidingsfelder lesen. Seine Antwort an die Ombudsstelle in Hamburg ist eine öffentliche Beleidigung die dann auch nur zu gerne von der Presse aufgenommen wird.

    3. Heinrich Acker

      Andy,
      raffiniertes Pseudonym, Sie haben Humor! Zu Ihrem überlegten Text nur ein Einwand: Wenn es sich bei einer Arbeit um ein aufdeckungswürdiges Plagiat handelt (also deutlich oberhalb der Bagatell- oder Flüchtigkeitsgrenze oder schlichtem Unvermögen), ist es im Grunde egal, ob der Hinweisgeber scharf darauf ist, dem Plagiator zu schaden. Das ist lediglich unschön. Es kommt darauf an, die Wissenschaft sauber zu halten. Sie ist das primäre Opfer, denn Sie ist auf Vertrauen zu ihrem Funktionieren angewiesen. Da die Wissenschaft keine Sanktion verhängen kann, ist die Entfernung des Plagiats aus dem anerkannten Publikationsfundus die einzig mögliche Reaktion. Sie muss erfolgen unabhängig davon, warum das Plagiat als solches erkannt wurde. Was mit dem Autor passiert (Entziehung von Graden usw., bis zu arbeits- oder beamtenrechtlichen Konsequenzen) ist vielleicht Sache wissenschaftlicher Institutionen, nicht aber der Wissenschaft als Idee. Die Kaskade von Folgen für den Plagiator kann dann natürlich nicht gestoppt werden, weil die Sache unschön aufgedeckt wurde. Aber an erster Stelle steht für mich die Reinigung der Wissenschaft.

    4. Andy Dufresne

      @ Heinrich Acker:

      Ich verstehe Ihre Überlegungen gut! Trotzdem denke ich, dass vieles, was heute als Plagiat gewertet wird, nicht mit Vorsatz geschah. Ich denke hier wie gesagt an Quellenangaben am Ende einer aus mehreren Sätzen bestehenden Sinneinheit (wie in meinem ursprünglichen Posting erörtert), an fehlende Anführungszeichen bei übernommenen 0815-Wortketten (als indirektes Zitat gekennzeichnet) usw. Die Kategorie „Bauernopfer“ sollte nur dann greifen, wenn wirklich „lange“ Passagen abgeschrieben wurden und die besagten Textstellen auch NACH der Quellenangabe weitergehen! Ich habe wirklich einige Arbeiten gelesen (ich beschäftige mich viel mit Wissenschaft – aber eher inhaltlich als formal), bei denen zwar unsauber zitiert wurde, was manche als Bauernopfer bezeichnen – aber wo im INHALTLICHEN Kontext völlig klar ist, dass es sich um keine „inhaltliche Neuheit, die der Verfasser selbst kreiert hat“ handeln KANN. Wenn – was weiß ich – irgendwo 6 Sätze über die Rolle der Frau in der Renaissance stehen und am Ende, nach dem letzten Satz, eine Quelle steht, ist doch klar, dass dieser ganze Sinnzusammenhang aus dieser Quelle stammen muss (und die Fakten über die Frau in der Renaissance nicht der Verfasser der Arbeit selbst erhoben hat). Und wenn Wortketten wie „Schon zu dieser Zeit war es üblich, dass“ ohne Anführungszeichen übernommen werden und jemand halt nicht in „Bereits damals war es Usus“ umparaphrasiert hat, dann meine Güte! Die Arbeit sollte in erster Linie untersucht werden auf a) ist großteils ein inhaltlicher Neuwert gegeben (etwas, das vorher noch nie so untersucht wurde) und b) wurde offenbar bewusst getäuscht (keine Quelle, Strukturübernahmen ohne Quelle, Übersetzungen ohne Quelle, paraphrasierte Inhalte offensichtlich ohne Quelle als scheinbar inhaltliche neue Eigenkreation dargestellt usw). Bei irgendwelche Fakten, gerade in Einführungskapiteln, in denen erst mit dem „Drumherum“ (historischer Kontext, Forschungsstand etc) das eigentliche Thema eingeleitet wird, ist doch jedem klar, dass hier nicht der Verfasser zum ersten Mal irgendwelche Neuerkenntnisse präsentiert. „Die Anzahl der Buddhisten betrug im Jahre x Weltweit x Prozent“. Selbst wenn hier erst nach ein paar weiteren Sätzen die Quelle steht, käme niemand auf den Gedanken, dass dieses Faktum vom Verfasser der Arbeit selbst erhoben wurde – und es ist auch nicht dessen Intention, dies zu suggerieren. Deshalb plädiere ich dafür, sich mangelhafte Zitierweisen in erster Linie im INHALTLICHEN Kontext anzusehen, und nicht nach dem Motto „Hier steht die Quelle erst vier Sätze danach! Hängt ihn höher!“ vorzugehen. Ist das so plausibel?

    1. Stefan Weber Beitragsautor

      Lieber Thomas!
      1. Akademische Heckenschützen können Undenkbares aushecken, da müssen wir von nun an sehr vorsichtig sein.
      2. Bibliographisch nicht erfasste Literatur muss grundsätzlich einer Echtheitsprüfung unterzogen werden, die der Kunde zu bezahlen hat.
      3. Wir dürfen uns nicht zu Erfüllungsgehilfen von Hass und Kampagnen machen lassen.
      4. Wir werden im November das Team neu justieren.
      Unter diesen Prämissen kann und wird die Arbeit weitergehen.

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