Dissertation an der TU Berlin: Erneut schmerzliche Enthüllungen auf VroniPlag


Anything goes: Quellenangabe „Super Illu“ auf S. 45 der Dissertation

Eigentlich ist es fast schon egal, ob der Promovierte Bürgermeister ist oder nicht, FDP-ler ist oder nicht, als Fachmann auf seinem Gebiet gilt oder nicht, Webseiten zum einschlägigen Thema betreibt bzw. betrieben hat oder nicht: Die neuen Enthüllungen auf VroniPlag über eine 2009 an der TU Berlin angenommene Dissertation sind auch ohne das den massenmedialen Nachrichtenfaktoren entsprechende Beiwerk wieder schwer zu verdauen: Neben den bekannten Spielarten des Textplagiarismus stellt sich hier die (zwar in den VroniPlag-Fällen auch nicht neue, aber doch selten so klar hervorgetretene) Frage nach der Quellenseriosität – unabhängig von korrekter Zitation oder Plagiat. Wenn die Betreuer die Fließtexte schon nicht auf Originalität überprüfen, so müsste es ihnen doch zumindest auffallen, wenn seitenweise Fußnoten auf Presseaussendungen verweisen (in einem Fall gar auf „Super Illu“, siehe Sreenshot), aus denen offenbar ganz ungeprüft Fakten übernommen werden – wie gesagt, unabhängig von der Frage des zusätzlichen Abschreibens. Spätestens hier muss doch der Riecher anschlagen, das wissenschaftliche Hinterfragen einsetzen, und dann hätte man wohl auch sofort die Plagiate entdeckt. Geschieht das nicht, haben die Begutachter entweder die Arbeit nie gelesen, oder sie sind wissenschaftliche Fehlbesetzungen. Beides ist skandalös. Eigentlich müsste man von nun an eher die Namen der Gutachter und nicht die der Plagiatoren öffentlich hervorheben.
Die Übernahme von „Fakten“ aus mehr oder weniger beliebigen Quellen führt dann in dieser Dissertation zu abenteuerlichen Konstruktionen, etwa der Umwandlung von direkter Rede in vermeintlich Fakten referierenden Fließtext. Und genaues Abschreiben ist auch nicht gerade einfach, wie die bislang gesichteten Gegenüberstellungen des VroniPlag-Teams zeigen…
Die Funde erinnern mich frappierend an meine Studie „Der Einsatz und die Seriosität von Internet-Quellen in kommunikationswissenschaftlichen Abschlussarbeiten. Ein Beitrag zur Qualitätssicherung in einem Massenfach“ aus dem Jahr 2007, die schnell in der Schublade des ministeriellen Auftraggebers verschwand. Damals fand ich in einer Stichprobe von 125 Diplomarbeiten folgende nichtwissenschaftliche Webquellen „zitiert“ (zum Teil natürlich falsch, wenn nicht plagiatorisch), aus denen allesamt Fakten 1:1 übernommen wurden:

„• www.glossar.de/glossar/z_www.htm
• www.ciao.de/Der_traumende_Delphin_Bambaren_Sergio__Test_3071518
• www.uteclement.de/d/produkte-interkulturelll.html [Fehler im Original]
• www.momo-lyrik.de/weisheiten/konfuzius.htm
• www.italientipps.de/spezialitaeten/default.asp
• myblog.de/taoistisch/1
• www.farbenundleben.de/farbwirkung/farbwirkung_allgemein.htm
• www.tv-trainer.de
• www.50plus.at/gesund/lebenser.htm
• www.hagia.de/de/index.php?page=matriarchat
• www.evang.at/kirche/ueber/index.htm
• www.planet-bohnen.de
• www.farbe.com
• www.psychonomics.de
• www.billa.at
• www.spielcasinos.at
• www.amazon.com
• www.bachler-team.at
• www.wikinger.de
• www.reisegeschichte.de
• www.competence-site.com
• kikania.de
• www.a-b.de
• www.all-in-one-spirit.de
• www.trickfilmwelt.de/tomjerry.htm
• www.crisisnavigator.de
• www.milchstrasse.de“
(Aus meiner unveröffentlichten Studie, S. 22 f.)

Neben Textplagiarismus bedroht also mittlerweile auch eine Quellen-Entgrenzung die Wissenschaft. Das ist eigentlich schon wieder eine neue Schublade und eine neue Dimension dessen, was hier von VroniPlag zu Tage gefördert wird. Plagiatsprävention und (Web-)Quellenkritik müssten beide prominent in der wissenschaftlichen Grundlagenausbildung platziert werden. Aber da wiederhole ich fast schon die Studie, und das haben auch schon andere Wissenschaftler gefordert, siehe etwa hier oder hier. Was ist seitdem passiert? Wie man an später eingereichten Dissertationen wie dieser sieht: Wenig bis nichts.

3 Kommentare zu „Dissertation an der TU Berlin: Erneut schmerzliche Enthüllungen auf VroniPlag

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  1. Sangamo

    In Deutschland, so wird immer deutlicher, kann einen Dr.-Titel auch erwerben, wer zu wissenschaftlichem Arbeiten gar nicht fähig ist (in manchen Fächern eher als in anderen). Jedenfalls komme ich immer mehr zur der Einsicht, daß einige der Beschuldigten keine Plagiatoren sind, nicht in dem Sinne, daß sie vorsätzlich Texte kopierten, umarbeiteten und verschleierten, sie haben es nie anders gelernt und können es vermutlich auch nicht anders. Wissenschaftliches Arbeiten, das heißt die Sichtung des Materials, der Forschungsergebnisse anderer, eine Auswertung und die anschließende Formulierung der Summe in eigenen Worten, um daran neue, eigene Erkenntnisse zu knüpfen, dazu scheinen nicht alle Promovierten und Promovenden in der Lage zu sein. Insofern kann ich dem Kommentar von „Losehand“ nur zustimmen.

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  2. Illusion-der-Exzellenz

    Es spricht schon für eine gewisse Inkompetenz oder Naivität oder einfach nur Faulheit, eine Tabelle aus besager Zeitschrift zu übernehmen, denn derlei Daten bekommt man (online) völlig umsonst vom Statistischen Bundesamt (oder in Buchform für 5,- EUR wenn ich mich richtig erinnere). Ich persönlich hätte eine solche Quelle gerügt, weshalb ich es schon seltsam finde, daß die Prüfer (sofern die Arbeit überhaupt richtig gelesen wurde) solchen Firlefanz durchgehen ließen. Bei einem Studienanfänger wäre das vielleicht noch angegangen, da man auch Recherche erst einmal lernen muß, aber in einer Dissertation erwartet man schon vernünftige Quellen.

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  3. Joachim Losehand

    Ich denke, daß das, was an Beispielen oder „Blüten“ uns durch „VroniPlag“ hochgespült wird, nichts anderes ist als das Ergebnis mehr oder minder jahrzehntelanger tätiger Verweigerung der „neuen Medien“ durch das Gros des deutschen Universitätskaders (mit Ausnahme der MINT-Disziplinen).

    Genauso „Arm ab“ wie in Sachen „open-access“ bzw. digitale Publikationskultur – man erinnere sich an den teilweise völlig sinnfrei argumentierenden Literaturwissenschaftler und Intiator des „Heidelberger Appells“ – genauso inkompetent und ahnungslos wie die „politische Elite“ in Berlin oder Wien in Sache Internet ist auch der Lehrkörper weitgehend berührungsfrei hinsichtlich der „Neuen Medien“ geblieben.

    Der universitäre Nachwuchs wird schon auf den höheren Schulen weitgehend sich selbst überlassen, von Medienerziehung weit und breit nichts Relevantes und Nachhaltiges in Sicht, ich kenne Gymnasialprofessoren, die schulische Hausarbeiten akzeptieren, die nichts anderes sind als Vollzitate aus Wikipedia und andere, dubiose Quellen, weil sie froh sind, da überhaupt etwas an Input zu bekommen – und sich vor der Auseinandersetzung mit den Eltern fürchten, wenn sie eine solche Plagiatsarbeit nicht annehmen.

    Es trifft also an unseren Universitäten – pauschal gesagt – inkompetente Naivität auf naive Inkompetenz; weder sind die angehenden Akademiker unwillige Bornierte noch bösartige Raubkopierer. Es hat ihnen einfach bislang niemand in der Praxis gezeigt, warum man was und wie man das (richtig) macht – und niemand (?) macht sich ernsthaft die Mühe, außer die jungen Leute semesterweise durch irgendwelche drögen Tutorien zu schleusen, bei denen der Willigste vor lauter Fadesse eingeht.

    Einerseits muß endlich das Internetzeitalter nicht nur durch die schiere Anwesenheit der „digital natives“ im Lehralltag deutlicher präsent sein. Andererseits – und das ist ein weitaus schwierigerer Prozeß – werden wir nicht umhin kommen, auf die veränderte Textrezeption und -produktion auch positiv zu reagieren, also nicht durch eine reine Ablehnung oder gar eine noch strengere Formalisierung. Ich meine, bspw. Siegfried Haller ist kein „Plagiator“, also ein Ideendieb par excellence, sondern – und das glaube ich ihm durchaus – er hat nach bestem Wissen und Gewissen das formal getan, was er für richtig hielt. Und mit dem positiven Promotionsverfahren ist sein Vorgehen ja im Grunde von der Universität bestätigt worden. Worauf soll sich ein Student oder ein Dissertant denn verlassen können, wenn nicht auf seine Lehrer und Gutachter? Jetzt im Nachhinein nach teilweise Jahren das große Wehklagen und Empören zu kriegen, erschüttert doch auch die Autorität und Kompetenz der Prüfungskommissionen, deren Spruch unter veränderten öffentlichen Bedingungen kaum mehr das Papier wert ist, auf dem er niedergelegt wurde, nicht?

    Natürlich ist „Super Illu“ als Quelle natürlich „super dämlich“ – vor allem, weil das Blatt sicherlich seinerseits aus einer Quelle schöpfte. Aber das hat offenbar keinen der drei Gutachter ernsthaft gestört, so what? Die Plagiatsfälle sind da doch weniger Skandal für die „Plagiatoren“, vielmehr für die Gutachter und die Universitäten.

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