Plagiatsvorwurf gegen Springer-Boss: 28 Textübereinstimmungen zwischen seiner Doktorarbeit und einer Nazi-Diss

Exklusivbericht in BuzzFeed vom 06.05.22

Exklusivbericht im Spiegel vom 06.05.22


Es ist die mit Abstand unglaublichste Geschichte meiner gesamten Tätigkeit. Die Schlagzeile liest sich so bizarr, dass man versucht ist, nicht zu glauben, dass sie wahr sein kann. – Was ist passiert? Eine Chronologie.

1. Der Aufschlag: Die „Smoking Gun“ des Martin Heidingsfelder

Am 2. Februar 2022 kontaktierte mich der bekannte Nürnberger Plagiatssucher Martin Heidingsfelder: Er habe eine „Smoking Gun“ bislang ungeahnten Ausmaßes bei sich liegen. Noch am selben Tag erhielt ich von ihm zahlreiche PDF-Files. Sie sollten beweisen, dass Springer-Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner ein Dissertationsplagiator ist. Ich war skeptisch: Heidingsfelders Funde bezogen sich oft auf lexikalische und biografische Einzelheiten. Doch ein Fund hatte es in sich: Eine sichtbar plagiierte Textübernahme aus der Dissertation „Beiträge zur Geschichte der Musikkritik“ eines gewissen Helmut Andres, angenommen 1938 an der Universität Heidelberg.

Bei mir zogen ein Skiurlaub und eine Corona-Infektion ins Land, der brisante Fund blieb liegen. Wochen später machte ich mich ans Werk. Ich ließ alle weiteren von Heidingsfelder dokumentierten Stellen, darunter auch weitere Übereinstimmungen mit Andres, außen vor und ging mit meiner Denklogik neu an die Sache heran. Heraus kam schließlich wenige Wochen später die unten vollständig wiedergegebene Tabelle. Sie liefert sehr starke Evidenzen dafür, dass Mathias Döpfner an zumindest 28 Stellen die Dissertation von Helmut Andres plagiiert hat.

2. Eine neue Spielart: „Distanziere Dich von dem, das Du plagiierst“

Plagiieren ist das eine moralische Problem. Aber es gibt ein zweites, viel schärferes: Die Dissertation von Helmut Andres ist nationalsozialistisch gefärbte Wissenschaft. Andres schreibt schon zu Beginn auf S. 6:

„Man braucht nur an die Bedeutung des Begriffs der Ganzheit von Volk, Nation und Kultur zu denken, man braucht nur den für die Wissenschaft erst noch bis in die letzte Konsequenz auszuwertenden Rassebegriff in seiner Bedeutung zu erkennen, wenn man den weiten Aufgabenkreis einer Soziologie begreifen will, die über formale Kategorien hinauswächst.“

Gleich danach kommt Döpfners Plagiat. – Und Andres beendet seine Dissertation auf S. 106 mit den Worten:

„Es scheint aber angemessen, diese negativen Seiten der Musikerpraxis, soweit sie in den Verhältnissen der Zeit begründet sind, die hinter uns liegt, hier nicht mehr aufzuführen im Hinblick auf die völlige Neuordnung des Verhältnisses der Presse zur Kunst im nationalsozialistischen Staat.“

Mathias Döpfner hat in seiner Dissertation „Musikkritik in Deutschland nach 1945„, angenommen im Jahr 1990 an der Universität Frankfurt, sogar Worte über die Dissertation von Helmut Andres gefunden. Auf S. 21 f. ist bei Döpfner zu lesen:

„Zum Sprachrohr unverhohlen faschistischer Kultur-Ideologie macht sich schließlich Helmut Andres in seiner Dissertation ‚Beiträge zur Geschichte der Musikkritik‘, die 1938 publiziert wurde. In der oberflächlich gearbeiteten Untersuchung wird ein geschichtlicher Abriß der bisherigen Musikkritik gegeben, der Autor versucht ferner inhaltliche Wandlungen des Musikjournalismus darzustellen, bevor er zu seinem eigentlichen Anliegen vordringt, die (natürlich als desolat und verwerflich geschilderte) Lage der Musikkritik vor Hitlers Umstrukturierung darzustellen.“

Döpfner hat sich also weltanschaulich und auch handwerklich von einer Dissertation distanziert – um genau von dieser zu plagiieren? – Wie ist das einzuordnen? Ein studentischer Lausbubenstreich, ein Spaß, ein Spiel mit dem Feuer? Ein Experiment? Die Zuarbeit eines Ghostwriters? Zynismus? Überheblichkeit? Ein akademischer Täuschungsversuch? Oder doch viel mehr: Schimmert hier schon früh eine Geisteshaltung durch?

„Distanziere Dich von dem, das Du dann bestiehlst“: Dieses Phänomen nennt man Wissenschaftsspionage. So kann etwa ein Gutachter, der vertraulich einen Projektantrag eines anderen Forschers evaluieren soll, diesen Projektantrag ablehnen, um fortan genau die Texte und Ideen aus diesem Antrag als eigene auszugeben. Im Bereich des Textplagiarismus war mir diese Strategie neu. Warum aber machte das Döpfner?

Als Leser und auch als jahrelang erfahrener Plagiatssucher würde man es ausschließen, dass sich Döpfner ausgerechnet bei Andres bedient hat. Ich muss gestehen: Die Dissertation von Andres wäre die letzte gewesen, die ich im Rahmen eines Prüfauftrags gescannt hätte. Martin Heidingsfelder sagte mir gegenüber, er habe diesbezüglich keinen „Zund“ (österr.) von seinem Kunden bekommen, sondern er sei selbst auf die Idee gekommen. Chapeau!

Plagiatssoftwareanalysen mit Turnitin halfen bei der Rekonstruktion kaum weiter, bedingt auch nur Text-mit-Text-Vergleichssoftware wie WCopyfind. Den Vergleich von Quellenangaben, wie sie – abweichend von den Originalen – wort- bis buchstabenidentisch bei Andres und Döpfner nachzulesen sind, mit dem jeweiligen Wortlaut auf den Originalen leistet (noch) keine Software, keine künstliche Intelligenz. Das ist noch „echte Handarbeit“, wiewohl dieser sogenannte „zitationsbasierte Ansatz“ der Plagiatsforschung in anderen Fällen auch softwarebasiert sehr erfolgreich war: klarerweise immer dann, wenn es um Identitäten und nicht um Differenzen ging.

3. Die Investigation und das Zögern vor dem großen Gegner

Martin Heidingsfelder hat seine ersten Funde gleich an einen Journalisten von BuzzFeed weitergespielt, der dann sofort auch mich um eine Einschätzung bat. Ich riet ihm, siehe oben, zu größter Vorsicht. Nach meiner Untersuchung, am 4. März 2022, mailte ich dem Journalisten indes:

„Ich hoffe, Sie sind sich der Tragweite dieser nunmehr vorliegenden neuen Funde bewusst, die nicht in der Dokumentation von Herrn Heidingsfelder zu finden sind. Ich kann nun nachweisen, dass Herr Döpfner tatsächlich von der Dissertation von Herrn Andres bewusst plagiiert hat. Im folgenden Absatz hat er den Einschub zum Nationalsozialismus bewusst nicht übernommen. Dann setzt Döpfner mit Richard Wagner fort, das tut auch Andres in seiner Dissertation.“

Es folgte eine wochenlange Investigation mit zwei Kolleginnen von BuzzFeed. Man nahm es extrem genau: Die Funde wurden Wissenschaftlern vorgelegt, Hochschulrechtler wurden kontaktiert, es gab mehrere Telefon- und Videokonferenzen. Mittlerweile war das Thema auch bei der Süddeutschen, beim Spiegel und beim Stern durchgesickert. Ein bekannter Journalist sagte: Man müsse wissen, wer hier sein Gegner ist. Und Döpfners ganzer Stolz seien schließlich seine Musikkritiken. Letztlich traute er sich nicht. Der Journalist des Spiegel war zunächst begeistert, ein Krankheitsfall verhinderte aber die weitere Recherche, bis die Sache kurz vor dem ersten Exklusivbericht wieder Fahrt aufnahm.

Selbst das Medium, das die Story als erstes erfahren hatte, nämlich BuzzFeed, ließ sich also lange Zeit, was ja nicht gegen, sondern für die Qualität der Berichterstattung spricht. Eine Ausschlussdiagnose musste her, und das klingt ja vernünftig: Was ist, wenn Andres ein Plagiator ist, jemand also vor Andres bereits die inkriminierten Texte und Quellenangaben genauso geschrieben hat und Döpfner sich bei dieser älteren Quelle (vor 1938) plagiatorisch bedient hätte – er also dann wohl gar nicht wusste, dass auch Andres sie plagiiert hat? Die Schlagzeile „Döpfner hat Nazi-Diss plagiiert“ wäre dann sehr wahrscheinlich falsch, die Schlagzeile „Döpfner hat plagiiert“ allerdings weiter richtig. Und auch Andres könnte Opfer eines späteren Plagiators geworden sein: Was ist, wenn Döpfner von dieser späteren, post-nationalsozialistischen Quelle plagiiert hat – wiederum ohne zu wissen, dass die spätere Quelle Andres plagiiert hat?

Ich machte mich also umfassend auf die Suche nach Arbeiten vor und nach 1938 zum Thema, ich verbrachte Tage in der Universitätsbibliothek Mozarteum in Salzburg und in Musikalienhandlungen. Die früher erschienenen Dissertationen von Freystätter, Koch, Krome und Mahling wurden mit Andres und Döpfner akribisch abgeglichen, ebenso unter anderem die nach Andres erschienenen Werke von Dolinski und Stuckenschmidt. Nirgends fanden sich auch nur ansatzweise ähnliche Formulierungen, nirgends wurden die Quellen genau mit diesen Abweichungen von den Originalen angeführt wie bei Andres (und rund 50 Jahre später bei Döpfner).

Bilder: Negativer manueller Abgleich von insgesamt 14 Werken zum Thema mit Andres und Döpfner

Ich bin mir daher sicher, dass Herr Döpfner überführt ist. Ich würde nur zu gerne wissen, warum er es gemacht hat. Vielleicht sagt er es einfach der Öffentlichkeit. Das wäre mal ein Ansatz.

4. Die volle Dokumentation

Plagiatsbericht Döpfner Seite 01
Plagiatsbericht Döpfner Seite 02
Plagiatsbericht Döpfner Seite 03
Plagiatsbericht Döpfner Seite 04
Plagiatsbericht Döpfner Seite 05
Plagiatsbericht Döpfner Seite 06
Plagiatsbericht Döpfner Seite 07
Plagiatsbericht Döpfner Seite 08
Plagiatsbericht Döpfner Seite 09
Plagiatsbericht Döpfner Seite 10
Plagiatsbericht Döpfner Seite 11
Plagiatsbericht Döpfner Seite 12
Plagiatsbericht Döpfner Seite 13
Plagiatsbericht Döpfner Seite 14
Plagiatsbericht Döpfner Seite 15
Plagiatsbericht Döpfner Seite 16
Plagiatsbericht Döpfner Seite 17
Plagiatsbericht Döpfner Seite 18
Plagiatsbericht Döpfner Seite 19
Plagiatsbericht Döpfner Seite 20
Plagiatsbericht Döpfner Seite 21
Plagiatsbericht Döpfner Seite 22
Plagiatsbericht Döpfner Seite 23
Plagiatsbericht Döpfner Seite 24

5 Kommentare zu “Plagiatsvorwurf gegen Springer-Boss: 28 Textübereinstimmungen zwischen seiner Doktorarbeit und einer Nazi-Diss

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  1. Andy Dufresne

    ‚Nein!! Doch!! Oooh‘ ……

    Die Schlagzeile liest sich fast wie ‚Weber hat in seiner Doktorarbeit plagiiert‘. Das wäre Stoff für die „Tagespresse“ …..

    Meine Theorie (natürlich nur Kaffeesudleserei): Andres hatte in seiner Diss Inhalte geschrieben, die Döpfner für seine Diss „verwendbar“ erschienen (inhaltlich „harmlose“, neutrale Passagen, in denen Nazi-Ideologien nicht mitschwangen) und übernahm sie. Gleichzeitig dachte er, dass er Andres wohl nur sehr schwer als Quelle angeben konnte – so nach dem Motto „Ich kann ja nicht ein Nazi-Werk als zitierfähige Quelle angeben – wie sieht denn das aus“ (auch wenn DIESE übernommenen Inhalte keinerlei „braune Färbung“ aufwiesen). Also unterschlug er die Quelle – davon ausgehend, dass gerade diese Quelle garantiert nie jemals von irgendjemandem gelesen oder analysiert werde. Dass dies unredlich wäre, steht außer Frage. Dieses Dilemma hätte redlich gelöst werden können durch eine einleitende Passage wie „Obgleich die Distanz zu Andres Weltbild und Ideologie selbstverständlich betont sei, werden in weiterer Folge Inhalte ausgeführt, die aus dessen Dissertation behandelt worden sind, in denen von Andres aber keinerlei politisch-ethnische Wertung vorgenommen wurde und somit als neutrales Wissen gewertet werden können.“…. Oder wie auch immer.

    Trottdem will ich trotz der Fakten immer noch hoffen, dass ein anderer Grund dahintersteckt!

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  2. Ralf Rath

    In den Studien über L. G. A. de Bonald schreibt Robert Spaemann in seiner Dissertation aus dem Jahr 1959, dass der Ursprung der Soziologie seinen Ausgang in dem Aufstand des Menschen nimmt, „… die Gesellschaft zu zerstören, um an ihre Stelle eine andere zu setzen, deren Gesetzgeber und Machthaber er selbst ist“. Übernimmt also Mathias Döpfner solch einen offenkundig falsch verstandenen Begriff von Emanzipation von Helmut Andres ohne das jeweilige Zitat kenntlich zu machen, geschweige denn es notwendig zu kritisieren, handelt sich der amtierende Vorstandsvorsitzende der Axel Springer SE das Problem ein, dass damit das von Natur aus gegebene Soziale eine Unterjochung unter das Selbst erfährt; während ein aufgeklärter Manager sich aus freien Stücken heraus ihr unterwirft. Mathias Döpfner weist sich dadurch eigenhändig als von vornherein untauglich aus, einem privatwirtschaftlich geführten Unternehmen vorzustehen. Womöglich vereitelt dessen längst wissenschaftlich inkriminiertes Kompetenzdefizit sogar den ökonomischen Erfolg und die soziale Integrationsfähigkeit des Unternehmens, wie Herbert Oberbeck als Mitherausgeber der Festschrift für Günter Geisler auf der dortigen Seite 105 schon im Jahr 2003 in seinem Beitrag zu bedenken gibt. Offen bliebe dann, womit die Axel Springer SE in Wirklichkeit die bilanzierten Gewinne erzielt, wenn nicht als ehrbarer Kaufmann, wie es die Industrie- und Handelskammern von ihren Mitgliedern verlangen.

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  3. Dr. Philipp Müller

    Als ob Österreich nicht schon genug Unheil über die Welt gebracht hätte! Braucht es da wirklich noch einen selbst ernannten Plagiatejäger aus Salzburg? Langsam reicht es der Menschheit mit Ihnen Herr Dozent Doktor Weber! Jetzt ziehen Sie auch noch den allerehrenwertesten Dr. Döpfner in den wissenschaftlichen Dreck. Sie Weber beherrschen doch selber nicht die elementarsten Grundregeln wissenschaftlichen Arbeitens! Regel 1: Ein Dr. Döpfner macht keine Fehler. Merken Sie sich das mal! Selbst wenn er wollte, er könnte das gar nicht. Das ist so wie bei Jesus. Der hätte vielleicht auch gerne mal gesündigt, aber das konnte er eben nicht per defitionem. Per definitionem sündenfrei geboren Weber! Das müssen Sie doch verstehen. Und jetzt trollen Sie sich in Ihre österreichischen Berge und halten endlich mal Ihre vorlaute Goschen!

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  4. Pingback: 2022- Plagiarism allegations against Mathias Döpfner - media -

  5. Reinhold+Knoll

    Ihre Arbeit war Schwerarbeit. Nun ist aus der Darstellung weiters zu fragen, ob die Entnahmen von D. In dessen Arbeit „umgetauft“ wurden? Das heißt, der NS-Schwachsinn ist zur Grundlage anderer Interpretation geworden. Darin liegt für mich das weitaus schlimmere crimen…ich erlebe hin und wieder diesen schweren Versto in Methode und Hypothese! Das wiegt schwerer – ohne ihre investigative Arbeit zu schmälern. Spitz formuliert meine ich: wenn einer eine gute Arbeit abschreibt, lernt er wenigstens etwas. Bitte nehmen Sie es als ironische Randbemerkung, nicht als Aufforderung !

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