Eine Schattenseite der Digitalisierung: Verlust der Zitierkompetenz und Belegkultur

Das Phänomen ist kaum erforscht. Viele wissen Bescheid, aber offen sagen es nur sehr wenige: Die Studierenden haben seit ca. der Jahrtausendwende erhebliche Schwierigkeiten, korrekt zu zitieren. Dadurch werden Fakten oft verzerrt/falsch wiedergegeben, dadurch ist es für die Leser/innen studentischer Arbeiten kaum noch möglich, eigene von fremden Gedanken zu unterscheiden. Damit gerät die gesamte Wissenskultur in eine Schieflage: Neue Ungewissheiten, Verschwörungstheorien und Fake News hängen mehr als indirekt mit diesem Phänomen zusammen, das ich als eine Digitalisierungsfolge betrachte. Es handelt sich um ein Problem, auf dessen verschiedene Ausprägungen ich seit nunmehr 15 Jahren hinweise.

Ich habe mir die Mühe gemacht, rund 80 schriftliche Klausuren aus zwei Lehrveranstaltungen, die ich im Sommersemester 2020 beim jeweils ersten Prüfungstermin erhalten habe, auf diese Problematik hin zu analysieren. Die Studierenden hatten von mir sogar noch eine Mini-Zitier-Fibel bekommen. Ca. 30 der Klausuren beschäftigten sich inhaltlich mit guter wissenschaftlicher Praxis und wissenschaftlichem Fehlverhalten – diese Klausurteilnehmer/innen hatten von mir noch zusätzlich Folien mit den Dos und Don’ts des Zitierens erhalten. (Man sollte ein Buch schreiben: „Wie nicht zitieren“.) Dennoch zeigten sich bei mehr als zwei Drittel der Klausuren jeweils mehrere der folgenden Defizite:

  1. Falsche „Absatzenden-Zitation“: Ein Absatz wird selbst geschrieben oder bloß wiedergegeben (wer weiß das schon?), und am Absatzende wird ein „(vgl. N., xxxx)“ oder ein „[x]“ platziert. Damit weiß der/die Leser/in aber nicht, ob dieser Absatz nun eine kritische Reflexion, eine Wiedergabe in eigenen Worten, eine Zusammenfassung, eine Übersetzung oder was sonst noch des am Absatzende zitierten Literaturtitels ist. Vor allem am Absatzanfang hängt der/die Leser/in völlig in der Luft. Derartig belegte Absätze sind manchmal eine halbe Seite lang oder noch länger. Die „Absatzenden-Zitation“ ist wie ein universitärer Fluch, man müsste sie endlich verbieten.
  2. Keine Quellenkritk – massenmediale und sonstige Quellen werden wie wissenschaftliche Quellen zitiert: Es ist immer wieder unglaublich, lesen zu müssen, wie massenmediale Quellen gleichrangig wie wissenschaftliche Quellen zitiert werden. Mit demselben Glauben an die Verlässlichkeit von referierten Fakten wie etwa bei der Zitierung des Journal of Academic Ethics werden in den Klausuren zitiert: das Wissensmagazin scinexx, GEO, Focus, Die Zeit, Süddeutsche Zeitung, Apotheken-Umschau, profil, taz, Der Standard, Stern, Focus, Deutschlandfunk, Der Spiegel, New York Times, Salzburger Nachrichten, Die Welt, Bayerischer Rundfunk, ARD und WDR. Diese Massenmedien tauchen in den References dann gemeinsam mit Science oder Nature auf. Nur die allerwenigsten Studierenden trennen dort zwischen wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Quellen. Und im Fließtext muss etwa ein Artikel aus den Salzburger Nachrichten für die Information bürgen, dass Ghostwriter-Arbeiten im Schnitt 3.500,– Euro kosten. – Die Probleme 1 und 2 treten mitunter auch gemeinsam auf: Ein ganzer Absatz wird am Absatzende belegt mit: „(Vgl. Stern, 2006)“
  3. Zitation von Wikipedia: Auch wenn ich auf einer der beiden Klausuren explizit darauf hingewiesen habe, dass Wikipedia nur für die Erstrecherche zu Rate gezogen und nicht zitiert werden darf, finden sich in einigen Klausuren Literaturverweise zu Wikipedia.
  4. Keine Seitenzahlen bei direkten Zitaten, bei übernommenen Graphiken und Tabellen: Dieses Phänomen beobachte ich zunehmend. Wörtliche Zitate werden häufig nicht mehr mit Seitenzahlen belegt, auch 1:1 übernommene (oder modifizierte, wer weiß das schon?) Graphiken oder Tabellen erhalten nur noch den Beleg „(N., xxxx)“.
  5. Unvollständige und sonstige schlampige Quellenangaben im Fließtext und unvollständige und sonstige schlampige bibliographische Angaben in den References: Gerne fehlen Ko-Autor/innen, Seitenzahlen, Jahreszahlen; gerne wird auch im Harvard-Style auf eine alphabetische Ordnung im Literaturverzeichnis verzichtet.
  6. Die wichtigste Konsequenz aus all diesen Mängeln, vor allem aber aus Punkt 1 und 2: Keine eigenständige Interpretation und Kontextualisierung von fremden Arbeiten. Da die gesamte Belegkultur nicht stimmt, kann eine eigenständige Interpretation oder Kontextualisierungsleistung nicht mehr erwartet werden. Man muss als Leser/in ja froh sein, wenn überhaupt die Fakten richtig wiedergegeben wurden. Aber wie kann man als Beurteilende/r das überprüfen, wenn die Zitierweise nicht stimmt? Das wissenschaftliche Zitieren sollte gewährleisten, dass genau das nicht notwendig ist: dass ich jede Behauptung im Zitat mit der Behauptung im Original abgleichen muss.

Benjamin Lahusen (Link, S. 416) hat vor Jahren gewarnt: Dem Kopisten ist Kritik fremd. Was wir hier gegenwärtig verlieren, wiegt aus meiner Sicht viel schwerer als vieles andere. Mit meinen Warnungen bin ich interessanterweise seit vielen Jahren recht alleine auf weiter Flur.

2 Kommentare zu „Eine Schattenseite der Digitalisierung: Verlust der Zitierkompetenz und Belegkultur

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  1. Bernd Heidel

    Ein interessanter Artikel, Herr Weber.

    Ihre Analyse die Problematik der Zitierung kann ich aus meiner gerade zu Ende gegangenen Studienzeit auszugsweise auch bestätigen. Ich habe dreieinhalb Jahre als studentische Hilfskraft im Dekanat/Promotionsbüro/Prüfungsamt eines Fachbereichs der Geschichts- und archäologischen Wissenschaften mitgearbeitet. Bedingt dadurch hatte ich im Abgabezeitraum häufig Einblick in Seminararbeiten anderer Studierender. Zu Semesterbeginn dann den Weg anderes herum, die Abholung der Seminararbeiten durch die Studierenden. Dabei hatte ich Gelegenheit die Kommentierung und Benotung der Dozenten einzusehen. Bei der Zitierung fanden sich Möglichkeiten, die mehr als kreativ war. Bspw. wurde Gott zum Autor der Bibel, der Reclam-Verlag ebenso, Zeitungsartikel ohne Angabe von Zeitung, Ausgabe, Datum, Nicht-Nennung von Spalten bei Handbüchern (insbesondere in der Antike und Mittelaltergeschichte), etc. pp.. Von damit zusammenhängenden inhaltlichen Schwächen mal ganz abgesehen.

    Das Curriculum des B.A.-Studien des Fachbereiches sieht vierstündige Basismodule vor. Dabei ist die Hälfte der Stunden für das grundlegende Handwerk des Faches vorgesehen, also Recherche, Literatur- und Quellenkritik, Zitierrichtlinien (jedes Fachgebiet hat eine eigene Zitierrichtlinie), etc. pp.. Da keine Anwesenheitspflicht obligatorisch ist, ist mindestens ein Drittel der Seminarteilnehmer abwesend. Jedes der drei Basismodule schließt mit einer Klausur und einer Hausarbeit ab. Das Resultat ist in den Hausarbeiten sichtbar.

    Trotz allem bin ich der Auffassung, dass die Studierende nur einen Teil – der Hauptteil? –  der Verantwortung für die Verfehlungen tragen. Die Dozenten, welche nicht frühzeitig auf solche Mängel hinweisen, machen einen anderen Teil aus. Dazu kommt noch, dass die Basismodule von jungen Promovierenden geleitet werden – abhängig von dem Job, abhängig vom Professor/Professorin (Halbgötter mit Büchern) – und diese über wenige didaktischen Fähigkeiten/Erfahrungen verfügen.

    Bei Sitzungen der Professoreninnenschaft, des Fachbereichsrates und auch der Fachgebietssitzungen kommen manche Blüten zu Sprache. Konsequenzen sind mir nicht bekannt. Bei der letztjährigen Evalutation wurde das Konzept der Anfangsphase der Studien insbesondere hervorgehoben. Auf dem Papier sieht es auch gut aus. Das Notenniveau ist im guten Bereich – von 25 Seminarteilnehmer schreiben durchschnittlich 14 bis 16 die Seminararbeiten -, das zügige Voranschreiten ist nah am sogenannten idealen Studienverlauf und bei den Abschlüsse steht der Fachbereich auch im guten/sehr guten Bereich – nur ca. 12 % erreichen den Masterabschluss.

    Ihre Analyse ist ein Teil, aber was ist ihre Konsequenz daraus? An welchen Stellenschrauben muss wer drehen, um die Qualität zu erhöhen? Wie gedenken Sie in ihren Lehrveranstaltungen die Fähigkeiten der Studierenden zu verbessern?

    Freundlichst grüßt Sie,

    Bernd Heidel

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