Zur Herbst-Rede des Bundeskanzlers: Ist die so verstandene „Digitalisierung“ tatsächlich der Heilsbringer?

Fünfmal kam in der heutigen Rede von Bundeskanzler Sebastian Kurz das Wort „Digitalisierung“ vor, acht Wörter enthielten insgesamt den Wortstamm „digital“. Wie die mit der Software MAXQDA erstellte, um Stoppwörter bereinigte obige Tabelle zeigt, hebt sich „Digitalisierung“ erkennbar vom übrigen semantischen Raum der Rede ab. Doch wer hinterfragt das Zauberwort „Digitalisierung“?

Es scheint so, als hätte spätestens die Corona-Krise gezeigt, dass Digitalisierungsskeptiker endgültig verloren haben. Wer will nun noch – wie Manfred Spitzer, Nicholas Carr oder Andrew Keen – vor dem flächendeckenden Einzug von Laptops in Schulen ernstlich warnen? Wer glaubt nun noch, dass wissenschaftliches Arbeiten nicht rein digital geschehen kann, dass man also zum guten alten Buch oder gar in die gute alte Bibliothek gehen muss? Sind Digitalisierungsskeptiker allesamt nostalgische Anhänger alter Medienformate wie gedruckter Bücher, gedruckter Fachzeitschriften oder gedruckter Tageszeitungen, die die neuen Zeiten ablehnen?

Doch es geht um ganz andere Punkte, die in der öffentlichen Debatte fast immer untergehen: Eine Frage ist etwa, inwieweit sich die Digitalisierung auf die Beherrschung der klassischen Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen, vor allem aber auf das (konzentrierte, lineare) Lesen und das (individuelle, kreative und nicht abschreibende) Schreiben auswirkt. Eine andere Frage ist, welche psychischen (etwa: Konzentrationsdefizite, Stress) und physischen (etwa: Kurzsichtigkeit) Auswirkungen massive Hinwendungen zu digitalen Medien ab der frühen Jugend oder gar Kindheit haben (können). Sollten sich hier Probleme zeigen, geht es nicht (nur) um ein „Zurück zum Buch“, sondern vor allem auch um einen medienkompetenten Umgang mit Digitalmedien.

In der heutigen Herbst-Rede von Bundeskanzler Kurz wurde der Begriff „Digitalisierung“ indes wieder ausnahmslos so verwendet, als wäre die Digitalisierung das Allheilmittel bzw. Patentrezept nicht nur gegen die Krise, sondern neben der „Ökologisierung“ einer unserer Heilsbringer überhaupt. Hier die Ausschnitte:

„Und durch die digitale Transformation könnten bis zu 20.000 zusätzliche Jobs entstehen. Diese Potenziale wollen wir nutzen.“

„Wir müssen uns aber bewusst sein: Wenn wir resilienter werden wollen, dann müssen wir vor allem in der Digitalisierung stärker werden und Teile dieser stetig steigenden Wertschöpfung nach Österreich und Europa ziehen.“

„Das […] hat uns auch gezeigt, dass wir bei der Digitalisierung in der Schule rasch und großzügig investieren müssen.“

„Diese neu geschaffene TU Linz wird sich auf die Ausbildung von Forschern und Fachkräften im Bereich der Digitalisierung fokussieren.“

„Unser Fokus wird in den in den kommenden Monaten gemeinsam mit unserem Koalitionspartner darauf liegen, die Coronakrise bestmöglich zu managen, unseren Wirtschaftsstandort zu stärken und dadurch Arbeitsplätze zu sichern, in Bildung und Digitalisierung zu investieren […].“

Ich bin sehr dafür, dass so viele Prozesse wie möglich digitalisiert werden. Denn wie sieht die Realität immer noch aus? Wenn ich meinen Führerschein verliere, muss ich bei der Polizeidirektion vorstellig werden, eine Formularwüste ausfüllen, Geld bei einem Geldschalter einzahlen. Wenn ich einen Aufsatz aus einem fernen Land per Fernleihe bestelle, muss dieser aus urheberrechtlichen Gründen in Print-Kopie geliefert werden. Wollen wir uns darüber auch einmal unterhalten? Hier dazu nur einige Gedankensplitter:

  • Noch immer sind in der öffentlichen Verwaltung viel zu viele Prozesse nur analog und nicht digital möglich.
  • Ein antiquiertes Urheberrecht aus dem Print-Zeitalter steht der Digitalkopie im Weg.
  • Es bedarf etwa einer Grundsatzdiskussion über Sinn und Zweck des Erlernens der Handschrift.
  • Oder über eine Einführung des Schulfachs „Programmieren“ als weitere „Fremd“sprache.
  • Aber es gibt eben auch Grenzen der Digitalisierung: Ist ein „close reading“ verlangt, sind mitunter Printformate besser geeignet.

Hier sollte man eigentlich ansetzen, wenn man von Digitalisierung spricht!

Dabei muss immer zwischen Medienmaterialität (analoger oder digitaler Medienkanal) und Medieninhalten unterschieden werden. Vor lauter Digitalisierungsfetisch neigen wir leider auch dazu, die Frage nach der Qualität der digitalen Inhalte selten zu stellen. Dabei geht es auch ganz zentral um Fragen der Qualitätssicherung von digital erstelltem Content (Plagiatsprüfung, Autorschaftsprüfung).

Der Bundeskanzler redet von „Digitalisierung“. Es kommt mir dabei immer so vor, als wäre damit primär der Ankauf von Hardware und der Einsatz von Software gemeint. So lesen sich auch diverse ministerielle Aussendungen.

Eine neue technische Universität sollte sich nicht als Digitalisierungsbeschleuniger verstehen. Das wäre dann nicht Wissenschaft, sondern Ideologie. Vielmehr kann es nur darum gehen, die Vor- und Nachteile der Digitalisierung empirisch ergebnisoffen zu erforschen! Und hier haben wir wirklich enorme Defizite.

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