Die neue Guttenberg-Dissertation: Erste Ergebnisse einer Plagiats- und Ghostwriting-Analyse

Fast möchte man ja sagen, Herr von und zu Guttenberg hat das Promotionswesen mit der Schrift „Agents, Bills, and Correspondents through the Ages ein zweites Mal verhöhnt. Denn diesmal hat er uns gezeigt, wie furchtbar irrelevant Dissertationen eigentlich sind: Mehr als ein Jahr lang nahm niemand von der Doktorarbeit Notiz. Auch unabhängig von der „Berühmtheit“ ihres Verfassers hat sie die scientific community schlichtweg nicht wahrgenommen, obwohl sie im Volltext online zu finden ist und auch auf researchgate.net publiziert wurde. Laut Google Scholar wurde die Arbeit seit 2018 von der Fachwelt bislang kein einziges Mal zitiert (Stand: 19.08.2020):

Esse est percipi – Berkeleys Theorem gilt insbesondere im wissenschaftlichen Publikationswesen, und so kann man gut konstruktivistisch behaupten, dass Guttenbergs Dissertation schlichtweg nicht existiert hatte, bis die Medien über sie berichtet haben.

Eine psychologisch einmalige Wandlung vom Hardcore-Plagiateur zum Zitier-Saubermann

Unter der Voraussetzung, dass Herr von und zu Guttenberg diesmal die Arbeit selbst geschrieben hat, also weder abgeschrieben hat noch schreiben ließ (d.h. dann abgeschrieben schreiben ließ), wäre er ein statistischer Ausreißer in der wissenschaftlichen Plagiats- und Betrugsforschung: Ertappte PlagiatorInnen leisten sich beim zweiten Anlauf häufig zumindest den Luxus eines professionellen Lektorats (alleine schon, um diesmal „auf Nummer sicher zu gehen“), engagieren oft einen Ghostwriter oder verarbeiten unveröffentlichte „interne“ Studien und Berichte. Sie erfreuen sich überdies oft an einem Netzwerk von Helferleins, die sich gerne solidarisch mit Menschen zeigen, die Fehlverhalten begangen haben. So finden sie in der Regel auch neue BegutachterInnen.

Herr von und zu Guttenberg hat laut Autorschaftserklärungsformular auf S. 3 der Dissertation vollkommen alleine gearbeitet: „I have acknowledged all main sources of help“ steht da, aber in den „Acknowledgments“ wird nicht einmal einem Korrekturleser gedankt. Also eine stille, einsame Arbeit über ein Thema, das nun nicht gerade die nächste Wissenschaftsrevolution im Sinne Kuhns verspricht. Kein Anschluss an aktuelle und vergangene Forschungsprojekte, kein Anschluss an Vorgängerpublikationen, keine (meines Erachtens unverzichtbaren) Ausführungen zum Entstehungszusammenhang, zur Motivation – sonderbar. Wollte uns der Promovierte zeigen, dass man einfach zu irgendwas promovieren kann?

Darüber hinaus weist Herr von und zu Guttenberg diesmal erstaunliche Kenntnisse in Zitierstilen auf, siehe folgende Fußnote auf S. 397:

Das hätte nicht einmal ich schreiben können. Alleine schon für die Auflistung einiger „popular referencing guides“ muss man ein kleiner Insider sein, der Turabian Style wird manchmal mit Chicago gleichgesetzt, manchmal nicht etc.

Die Forschungsfragen und erste Ergebnisse der Überprüfung

Zunächst: Die Dissertation ist erwartungsgemäß plagiatsfrei. Zumindest zeigt das die Analyse mit der Software Turnitin an. Jedes andere Ergebnis wäre aber auch nicht denkbar gewesen. Also rücken diesmal Fragen der Autorschaft und der Stilometrie ins Zentrum des Forschungsinteresses.

Ich bitte um Verzeihung, dass mich das Korrespondenzbankwesen nicht die Bohne interessiert (da dürfte ich in guter Gesellschaft sein). Mich interessiert nur die Beziehung zwischen Autor und Text. Also formuliere ich folgende drei Forschungsfragen:

1) Welche Indizien lassen sich sammeln, dass Herr von und zu Guttenberg seine zweite Dissertation (nicht) selbst geschrieben hat?

2) Wenn er sie selbst geschrieben hat: Wie lässt sich die Wandlung vom Hardcore-Plagiator zum peniblen Zitierer fachlich und psychologisch erklären?

3) Wenn er sie nicht selbst geschrieben hat: Ist die Muttersprache des Ghostwriters Deutsch oder Englisch?

Erfreulicherweise gibt es von Herrn von und zu Guttenberg Publikationen, von denen wir annehmen können, dass sie aus seiner Feder stammen. Nun ist es naheliegend, diese mit einigen Kapiteln der neuen Dissertation abzugleichen. Aber auch eine intrinsische Untersuchung könnte erkenntnisreich sein, etwa der Vergleich der „Acknowledgements“ mit den Hauptkapiteln der Dissertation. Mein Kollege Adi Krpo, der gemeinsam mit einem Partner die Beta-Version der neuartigen Autorschaftsprüfsoftware TransparencyWise programmiert hat (u.a. auf Basis von Googles BERT), hat auf meinen Fragestellungen aufbauend eine erste Software-Analyse durchgeführt.

Das Ergebnis der Softwareprüfung ist, dass die Autoren der Kapitel 1, 2 und 5 der Dissertation sehr wahrscheinlich oder wahrscheinlich nicht identisch sind mit dem Autor der „Acknowledgements“ und dem Autor von zunächst ausgewählten drei publizistischen Texten, die die Autorschaft von Herrn von und zu Guttenberg tragen. Hingegen verweisen die Kapitel 1, 2 und 5 sehr wahrscheinlich oder wahrscheinlich auf denselben Autor.

Quelle: TransparencyWise, 19.08.2020, exklusiv für plagiatsgutachten.com

Die (immer notwendige!) menschliche Interpretation relativiert dieses Ergebnis allerdings stark: Zu verschieden sind das Vokabular in den „Acknowledgements“ und in den Hauptkapiteln der Dissertation, zu verschieden ist auch das Vokabular in den medialen Texten im Vergleich zum Fließtext der Dissertation. Die Analyse beweist somit bei weitem noch keinen Ghostwriter, sondern zeigt vielmehr die Grenzen der softwarebasierten Stilometrie auf, die manchmal bereits zu validen Ergebnissen gelangt, manchmal aber auch nicht.

Eine manuelle stilometrische Analyse wird nun folgen: Warum tauchen in der Arbeit sowohl britisches als auch amerikanisches Englisch auf, warum die Schreibweisen „ö“ und „oe“? Wurde hier von ein und derselben Person einfach nicht vereinheitlicht, oder waren unterschiedliche Verfasser am Werk? Die Arbeit dürfte übrigens nicht von einem native speaker verfasst worden sein, darin sind sich bereits zwei Experten, die ich befragt habe, einig. – So oder so: Mit seiner ersten Dissertation gelang Herrn von und zu Guttenberg 2011 der Anstoß zur Plagiatsforschung. Neun Jahre später wird er hoffentlich seinen Beitrag zur Verbesserung der Stilometrie leisten. Warum hat sich Herr von und zu Guttenberg in seiner zweiten Dissertation eigentlich nicht mit genau diesen Themen beschäftigt?

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