Welche Wissenschaft wollen wir? – Brauchen die Universitäten Betrüger? Einige grundsätzliche Überlegungen

Es ist schon immer wieder befremdlich, wenn ich die Kopfnoten in den Schuljahreszeugnissen meiner Kinder lese: Da werden unter anderem „Leistungsbereitschaft“, „Zuverlässigkeit und Sorgfalt“ und „Selbstständigkeit“ benotet (Anmerkung: Meine Kinder gehen in Sachsen zur Schule). Die akribisch vorgehenden DeutschlehrerInnen streichen in der Schule zu Recht vieles rot an und vergeben Punkte nach einem genauen System. Nun, später an der Universität nimmt man es mit all diesen Tugenden und Bewertungsmaßstäben – also auf beiden Seiten – oftmals nicht mehr so genau. Aber nicht, weil man die Beherrschung dieser Tugenden bereits voraussetzen könnte!

Ich habe häufig sogar eine „Umwertung aller Werte“ (das ist, lieber Zitatforscher Gerald Krieghofer, hoffentlich tatsächlich von Nietzsche!) in der akademischen Welt erlebt: Genaues Arbeiten war verpönt. Wer Texte einer Rechtschreib- und Stilkontrolle unterziehen wollte, galt als Nerd, der andere „ins Boxhorn jagen“ will. Wer generell zu gut war (will heißen: schnell, genau und kreativ), der hatte sowieso keine Chance. – Warum eigentlich ticken Teile des Wissenschaftssystems so? Warum bringen wir SchülerInnen etwas bei, wofür man sich später schämen muss, was einem später zum Nachteil werden kann?

Es werden nicht nur häufig die Leistungsbereiten, Zuverlässigen, Sorgfältigen und Selbstständigen (siehe Kopfnoten) beschnitten und bestraft. Ja mehr noch: Wie ein aktueller Fall in Österreich zeigt, wird sogar der Betrug absichtlich gefördert! Warum das? Warum machen das die Universitäten?

Universitäten bereiten auf das Arbeitsleben vor. Aber wir würden eine bessere und ehrlichere Gesellschaft mit weniger Phrasendreschern, Schaumschlägern und expliziten Betrügern haben, wenn Universitäten anders agieren würden. (Ich erinnere mich an einen Verteidiger des Plagiats an der TU Dresden, der einmal sagte: „Das [die Plagiatsjagd] macht die Welt nicht besser.“ Er irrte sich.)

Auf der Suche nach strukturellen Ursachen habe ich die folgenden gefunden:

1) Prinzip des geringsten Aufwands: Die Vergabe eines „Nicht genügend“ für Unsinn oder gar eines „X“ für einen entdeckten Schummelversuch bedeutet für die Lehrenden einen Mehraufwand und damit Stress, siehe dazu auch diesen überaus lesenswerten Beitrag. Ein Studierender, der eine 5 oder ein X erhält, schreibt forsche E-Mails, dass er/sie damit nicht einverstanden sei. Der/die negativ Beurteilte oder Unbeurteilte kann sich etwa an der Universität Wien an das Büro des Studienpräses wenden und um Löschung ansuchen. Der Lehrende muss dann Beweise vorbringen. Einwände des Studierenden werden gehört. Die Sache kann hin- und hergehen und zäh werden. Beschwerden bei der Studienprogrammleitung und bei der Hochschülerschaft sind an der Tagesordnung. Lehrende, die viele „Nicht genügend“ vergeben, sind wenig geachtet. Da kann ein Lehrender schon mal entscheiden, dass es für ihn/sie nervenschonender wäre, auf den Fünfer oder das X fortan ganz zu verzichten.

2) Gute Evaluationen durch milde Noten: „Die besten Lehrer werden entlassen“, hat Manfred Spitzer einmal bei einem Vortrag in Dresden gesagt (Quelle: eigene Mitschrift, 2018). Die milden LehrerInnen haben in der Regel keine Probleme mit Studierenden. Sie schneiden bei Evaluationen besser ab. Bei diesen beschweren sich immer jene Studierende, die eine Lehrveranstaltung abgebrochen haben, die nicht studierfähig waren. Diese Kausalität entspricht meiner jahrelangen Erfahrung. Beschwerden über die Unfähigkeit der Lehrenden kommen meist von studierunfähigen Studierenden.

3) Viele AbsolventInnen bedeuten mehr Mittel: Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogische Hochschulen werden danach bemessen und gefördert, wie viele „prüfungsaktive Studierende“ sie haben, wie es in Österreich heißt. Ein „Nicht genügend“ zählt nicht als Prüfung! Das heißt: Will man möglichst viele prüfungsaktive Studierende haben, um mehr Mittel zu erhalten, muss man nicht nur die Attraktivität des Standorts im Wettbewerb um die Studierendenschar-in-spe mit den bestmöglichen PR-Tricks kommunizieren. Man muss vor allem die Prüfungen leichter machen und wenige bis keine „Nicht genügend“ vergeben. Ich denke nur an die Schlagzeile: „Der Notendurchschnitt wird immer besser.“ Heißt das, die Studierenden werden immer besser – oder heißt das, die Tests werden immer leichter und/oder die Beurteilungen immer milder?

4) Das Dogma der Akademisierung: Das Pochen auf die Werte der guten wissenschaftlichen Praxis passt nicht zum Dogma, dass wir (wieder gesprochen für Österreich) angeblich eine immer noch zu geringe AkademikerInnenquote haben. Würden wir alle Verstöße gegen GWP ahnden, hätten wir vielleicht zwischen 5 und 10 Prozent weniger AkademikerInnen. Und das würde den OECD-Statistiken gar nicht schmecken. Man müsste dann schon wieder sehr schlau mit der Statistik tricksen, um die Quote wieder nach oben zu fahren (auch darin ist Österreich geübt). Auch die zum Teil fragwürdigen Wissensbilanzen sind voll von diesen Metriken: Die Anzahl der AbsolventInnen mit akademischen Graden liest sich wie ein Gradmesser für die Qualität einer Institution. Die Aufgabe der Universitäten sei es heute, möglichst viele Leute zum Abschluss zu bringen, steht etwa in einer Wissensbilanz. Da kann ich nur den Kopf schütteln! Die Aufgabe muss vielmehr sein, nur die Studierfähigen und idealerweise die Besten zum Abschluss zu bringen!

5) Falsche Solidarität – Seilschaften – Korruption: Das wohl am schwierigsten zu bekämpfende Übel an den Universitäten ist die Solidarität mit den Wissenschaftsbetrügern auf Grund einer Seilschaft, die durch eine Studentenverbindung, eine politische Partei oder durch andere Sozialsysteme geknüpft worden sein kann (das betrifft im Übrigen mittlerweile Männer- wie Frauenseilschaften gleichermaßen). Ich habe mit diesem Phänomen immer wieder einschlägige Erfahrungen gemacht: Es begann für mich 2006 mit einem Vizerektor, der den (juristisch korrekten) Satz „Das Plagiat muss die Note verbessert haben, die eine Arbeit mit korrekten Kenntlichmachungen desselben Textes, also anstelle des Plagiats bekommen hätte“ in den (juristisch inkorrekten) Satz „Das Plagiat muss die Note verbessert haben, die eine Arbeit ohne den plagiierten Text bekommen hätte“ umgedreht hat. Es endet vorläufig 2020 mit den unfassbaren Entscheidungen einer anderen österreichischen Universität im Falle des psychologischen Gerichtsgutachters, dem zwei schwerwiegende Plagiatsdelikte und ein Titelbetrug vorzuwerfen sind – sanktionsfrei.

Wann kommt es zu einem Paradigmenwechsel, zu einem organisatorischen Wandel zum Wohl der Gesellschaft?

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