Staatliche Universität Linz erklärt Geschlecht (und nicht: Gender) zum „sozialen Konstrukt“ und empfiehlt Schreibweisen „Les_erinnen“ und „Männer*“

Dass die diversen Empfehlungen für gendergerechte Sprache an Hochschulen und in der Verwaltung mittlerweile die obskursten Stilblüten treiben, ist bekannt. In meinem Beitrag soll es hier aber um eine erkenntnistheoretische Reflexion der Aussage gehen, dass Geschlecht (und nicht: Gender) ein „soziales Konstrukt“ sei. Das steht so wörtlich im „Leitfaden für eine inklusive Sprache“, veröffentlicht von der Johannes Kepler Universität Linz im Dezember 2025 (Erstauflage vom Juli 2020):

Quelle: JKU Linz, 2025, S. 20

Nehmen wir an, dass stimmt, was da steht – und man würde ja einer staatlich finanzierten Universität mit einem Budget von knapp 300 Millionen Euro nicht von vornherein unterstellen wollen, dass sie nichtwissenschaftliches Gedankengut verbreitet.

Wenn es also stimmt, dass Geschlecht ein soziales Konstrukt ist, ist dann Geschlecht als soziales Konstrukt ein soziales Konstrukt oder ein Faktum?

Nehmen wir den ersten Fall an: Geschlecht als soziales Konstrukt wahrzunehmen, wäre dann auch nur ein weiteres soziales Konstrukt. Dies würde dann aber bedeuten, dass die Wahrnehmung von Geschlecht als sozialem Konstrukt genauso „fluide“ wäre, wie es im Leitfaden von den konstruierten Geschlechteridentitäten behauptet wird Es wäre also genauso gut möglich, Geschlecht nicht als Konstrukt wahrzunehmen, sondern etwa als biologisches Faktum [1]. Damit wäre aber die Ausgangsthese widerlegt, dass Geschlecht (per se/immer/für alle) ein soziales Konstrukt sei. Es handelt sich ja im Leitfaden der JKU um eine verbindliche Allaussage. Die Behauptung landet somit im performativen Widerspruch. (Diese Kritik am Konstruktivismus und Idealismus mit Hilfe des Arguments der gescheiterten Selbstanwendung haben schon viele Philosophen von Ian Hacking bis Paul Boghossian dargelegt.)

Dem Vertreter der Auffassung, dass Geschlecht ein soziales Konstrukt sei, bliebe zweitens die Option, ebendiese Behauptung selbst aus den sonstigen Konstruiertheiten herauszunehmen. Dass Geschlecht ein soziales Konstrukt sei, wäre dann etwa ein kulturelles Faktum oder eine ideologische Setzung. Damit landet der Vertreter der These erneut im Widerspruch, da er die Konstruiertheit für seine eigene Behauptung nicht in Anspruch nehmen kann. Er muss sie also dogmatisieren.

Und genau das ist in der gesamten Geschlechterforschung geschehen: Entweder, die Behauptung wird dogmatisiert und damit erneut ontologisiert (es sei nun einmal ein Faktum, dass Geschlecht ein Konstrukt sei) oder es wird unterstellt, dass auch jene, die behaupten, dass Geschlecht ein Faktum sei, dieses „in Wahrheit“ konstruieren. Wie unschwer erkennbar, beißt sich hier die Katze in den Schwanz und wir landen eigentlich in einer Situation, die an das verstärkte Lügner-Paradoxon erinnert.

Die ganze Debatte zwischen Realismus und Konstruktivismus mündet in eine Pattstellung, und somit auch die gesamte Genderforschung: Der Realist wirft dem Konstruktivisten vor, dass auch er, der Konstruktivist, ontologisch-dogmatisch setzt (wie hier im JKU-Leitfaden geschehen). Der Konstruktivist wirft dem Realisten vor, dass er, der Realist, nicht merkt, dass auch er nur konstruiert. – Wird die Rede von der „Konstruktion“ auf alle Sachverhalte angewandt, verkommt sie zur bloßen Redensart. Erneut hat diese Kritik niemand besser als Josef Mitterer herausgearbeitet [2].

Die Genderforschung hat sich in den vergangenen Jahren offenbar zunehmend zu folgendem logischen (Kurz-?)Schluss verstiegen:

  1. Vorausgesetzt wird eine Unterscheidung zwischen biologischem Geschlecht (Sex) und kultürlich-sozialem Geschlecht (Gender).
  2. Dann muss eingestanden werden, dass auch die Unterscheidung von Sex und Gender eine kultürlich-soziale ist.
  3. Daraus wird nun geschlossen, dass auch das biologische Geschlecht (Sex) ein kultürlich-soziales sei.

Diesen Konstruktivismus vertreten nur sieben Prozent aller Wissenschaftler

Laut allen Umfragen unter Wissenschaftlern weltweit lehnen rund 80 Prozent die Konklusio in Punkt 3 ab und werten sie somit als ein Non-sequitur. Mit anderen Worten: Diese Wissenschaftler sind Realisten.

Interessant an der Genderforschung ist nun, dass eine Minderheitenmeinung von etwa sieben Prozent der Wissenschaftler zur Auffassung aller Wissenschaftler universalisiert wird, das heißt zu einer für die gesamte Universität gültigen Aussage erklärt wird. Offenbar hat das bislang an der JKU keinen realistisch denkenden Naturwissenschaftler oder keinen Realisten unter den Philosophen gejuckt, oder es findet sich dort keiner, was statistisch betrachtet aber höchst unwahrscheinlich wäre:

Quelle: https://survey2020.philpeople.org/survey/results/all


Aus den vielen unästhetischen bis unmöglichen Schreibweisen, die in dem Leitfaden der JKU empfohlen werden, greife ich nur die folgenden beiden heraus:

EinE LeserIn (S. 17)

Frauen* und Männer* (S. 16)

Abgesehen von der absolut wichtigen erkenntnistheoretischen Debatte (die aber nicht geführt, sondern ideologisch bestimmt wird) sind das aus meiner Sicht fast wahnhafte Sprachverschandelungen.

Im Moment werden Unsummen an Steuergeld und Arbeitszeit in solche Leitfäden investiert. So gibt es alleine den hier kritisierten Leitfaden der JKU in einer Langversion, in einer Kurzversion und in einer Version in Leichter Sprache:

Quelle: Website der JKU

Beteiligt waren fünf Institutionen:


[1] Siehe dasselbe Argument als Kritik am Radikalen Konstruktivismus Humberto R. Maturanas bei Josef Mitterer: „Wie radikal ist der Konstruktivismus?“, in: „Das Jenseits der Philosophie“, 2011a, Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, S. 115.

[2] Josef Mitterer: „Der Radikale Konstruktivismus: ‚What difference does it make‘?“, in: „Die Flucht aus der Beliebigekit“, 2011b, Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, S. 119-126.

8 Kommentare zu “Staatliche Universität Linz erklärt Geschlecht (und nicht: Gender) zum „sozialen Konstrukt“ und empfiehlt Schreibweisen „Les_erinnen“ und „Männer*“

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  1. anonym

    Kluge Gedanken von Ihnen. Ich bin in der Debatte nicht so drin, aber was Sie schreiben, klingt nachvollziehbar.

    Ich habe mir über das ganze Thema noch kein abschließendes Urteil gebildet.

    Gendern zu verbieten, halte ich aber aus einem allgemeinen Grund für schwierig: Man würde einen Teil der Sprachentwicklung verbieten. Man könnte ja auch verbieten, Anglizismen zu verwenden, was aber schwierig ist, wenn es kein deutsches Wort gibt. Man sollte Sprachentwicklung nicht von oben vorgeben. Weder in die eine noch in die andere Richtung (Genderzwang, Genderverbot).Es darf also keine Nachteile geben wenn ich sage „Unsere Uni hat 1500 Studenten“. Darin sehe ich keine Diskriminierung.

    Aber ich finde die Attribute „selbsternannt“ und „umstritten“ vor der Wortfolge „Plagiatsforscher Stefan Weber“ diskriminierend. Ihnen gegenüber. Das würde ich dann auch gerne in einem Leitfaden aufgenommen sehen. Wäre nicht falsch, Leute zu sensibilisieren, dass solche Adjektive inhaltlich Quatsch sind und verletztend sein können.

    Ob es Aufgabe einer Uni-Leitung ist, solche Ratgeber zu erstellen, darüber kann man natürlich streiten im Sinne von Ressourcenverwendung, Prioritätensetzung usw. Aber wenn es eine Mehrheit innerhalb der Uni gibt, bitteschön. Solange es keine Grundrechte verletzt. Und natürlich darf das kritisiert werden.

    Auch auf der politisch rechten Seite gibt es dogmatische Entwicklungen. zB sehen manche die Staatsbürgerschaft nicht als Recht, sondern als Konstruktion. Für manche ist nur Deutscher, wer „Bio-Deutscher“ (= Eltern in Deutschland geboren, weiße Hautfarbe, usw) ist. Das kann ebensowenig überzeugen. Mein Eindruck ist, dass die AfD den Dogmatismus der Linken nicht abschaffen, sondern nur durch ihren eigenen Dogmatismus ersetzen will.

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  2. Mario Kräft

    Lieber Herr Dr. Weber!

    Man kann vielleicht über Rollen streiten, nicht aber über Chromosomen. Das ist keine Meinung, keine Haltung, kein politisches Statement, sondern ein biologischer Mindeststandard. Wer daran rüttelt, sollte zumindest offenlegen, welche Disziplin er dabei gerade verlässt. Fragen Sie Ihren Humangenetiker.

    Was sich derzeit an manchen Universitäten (auch in Deutschland ) beobachten lässt, ist keine Erweiterung von Erkenntnis, sondern ihre sprachliche Umschichtung.

    Ein naturwissenschaftlicher Tatbestand wird nicht widerlegt, sondern umetikettiert. Nicht, weil neue Daten vorlägen, sondern weil alte Tatsachen als unzeitgemäß gelten. Die Wirklichkeit gilt als zu grob, zu binär, zu wenig anschlussfähig.

    Die semantische Operation ist dabei bemerkenswert eindeutig:
    Geschlecht – ausdrücklich nicht Gender, sondern Geschlecht – wird zum sozialen Konstrukt erklärt. Die Trennung zwischen Rolle und Körper, zwischen gesellschaftlicher Zuschreibung und biologischem Befund wird aufgehoben. Nicht argumentativ, sondern administrativ. Der Körper wird zur Fußnote, die Sprache zur Hauptsache.

    Dass dies im Rahmen staatlicher Universitäten geschieht, ist meines Erachtens der eigentliche Skandal. Universitäten sind keine Haltungsakademien und keine Aktivistenwerkstätten. Oder sie waren es einmal. Heute scheinen sie zunehmend Orte zu sein, an denen sich die Wirklichkeit legitimieren muss, bevor sie ausgesprochen werden darf.

    Die empfohlenen Schreibweisen – Unterstriche, Sternchen, typografische Kunstgriffe – sind dabei nicht das Ziel, sondern das Instrument. Sprache soll nicht mehr beschreiben, sondern erzeugen. Wer sie nicht korrekt benutzt, gilt nicht als falsch, sondern als verdächtig. Wahrheit wird zur Frage der Gesinnung, Abweichung zur pädagogischen Baustelle.

    Das ist keine Wissenschaft. Das ist eine Umkehr der wissenschaftlichen Arbeitsrichtung.
    Früher passte man Theorien an die Wirklichkeit an. Heute passt man die Wirklichkeit an Theorien an – notfalls mit orthografischer Gewalt.

    Man darf über soziale Rollen streiten. Man darf über Identität, Zuschreibung und Selbstverständnis streiten. Man darf sogar biologische Modelle kritisieren, wenn man weiß, was man tut.
    Was man nicht kann, ohne den Begriff Wissenschaft zu entkernen: Chromosomen zur Verhandlungssache erklären.

    XX und XY sind keine Meinungen.
    Sie sind keine Narrative.
    Sie sind keine „Lesarten“.
    Sie sind spätestens seit Watson und Crick überprüfbare Tatsachen – reproduzierbar, überprüfbar, unabhängig von Leitfäden und Schreibempfehlungen. Wer sie relativiert, betreibt keine Erkenntnis, sondern Symbolpolitik im Laborkittel.

    Universitäten, die diesen Weg beschreiten, produzieren keine Wissenschaft mehr, sondern Konformität. Und Konformität ist der zuverlässigste Indikator dafür, dass Erkenntnis gerade keine Rolle spielt.

    Oder anders gesagt:
    Wenn biologische Tatsachen per Sprachleitfaden relativiert werden, dann ist nicht das Geschlecht ein soziales Konstrukt – sondern die Universität.

    Man kann über Rollen streiten, nicht über Chromosomen.
    Fragen Sie Ihren Humangenetiker.
    Noch.

    Antworten
    1. Josef Streicher

      Ja, Gender-Studies wollen die Wirklichkeit an die Theorie anpassen. Ich denke, sie wollen es nicht nur. Nein, sie müssen es. Ansonsten würde das Gebilde in sich zusammenstürzen.

      Wir kennen das schon aus der Coronazeit. Auch damals wurde fast ausschließlich mit Modellen gearbeitet, um Weltuntergangsszenarien herbeizuphantasieren. Auf Basis dieser Modelle wurden Lockdowns, Kontaktbeschränkungen, Masken- und Impfpflichten verordnet. Die wirkliche Welt hätte die Daten dafür nicht hergegeben.

      Das hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Das ist Machtpolitik. Da wie dort.

      Antworten
        1. Josef Streicher

          Jaja, das mag sein. Was die „Bundesstelle“ vermutlich nicht weiß: Ich beobachte schon seit Längerem zurück!

        2. Stefan Weber Beitragsautor

          Dann sind wir Brüder im Geist, denn ich werde mir die beiden Studien zur angeblichen österreichischen Verschwörerszene auf Telegram auch sehr genau ansehen. Vielleicht haben wir ja die Ehre und finden uns im Kapitel „Schwurbler und Sonstige“ schon bald in einem Bericht angeführt.
          Im Übrigen möchte ich die alternative Hypothese aufstellen, dass die größte demokratiegefährdende Sekte Österreichs die Linken sind.

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