Warum Plagiatsveröffentlichungen wichtig sind: Ein Interview

Ein Journalist eines elektronischen Mediums hat mich um ein Interview gebeten, von dem am 15.01.23 einige kurze Zitate gesendet werden. Ich publiziere die Fragen und meine Antworten hier in voller Länge:

Warum ist das Veröffentlichen der Vorwürfe (seit 2021 z.B.: Aschbacher, Zadić, Karner, Popper) aus Ihrer Sicht sinnvoll und notwendig?

Das Wissenschaftssystem tickt nicht richtig, eine Folge der Universitätsautonomie einerseits und der Beamtenstrukturen inklusive Amtsverschwiegenheit andererseits. Plagiatsvorwürfe wurden in der Vergangenheit häufig unter den Teppich gekehrt. Mitunter kam es zu einer Opfer-Täter-Umkehr und dann auch zu einem Schulterschluss mit den Plagiatoren. Der Fall Ströker mag als historische Mahnung dienen.

Die Veröffentlichung von Plagiatsvorwürfen ist eine Reaktion auf den falschen Umgang der Universitäten mit dem Plagiatsthema. SchülerInnen spüren oft ernsthafte Konsequenzen, wenn sie plagiieren – bei Akademikern schaut man dann weg. Das ist eine Schieflage im Bildungssystem, das zeige ich auf, freilich aufgehängt an prominenten Beispielen.

Schadet das Veröffentlichen dem Ansehen der Universitäten?

Nein, die Universitäten müssen begreifen, dass die Veröffentlichung von Plagiatsfällen für sie sogar nützlich ist! Die Universitäten sollten daraus lernen und die Botschaft aussenden: Wir schauen hinkünftig genauer hin, wir achten mehr auf Qualität. Wir wollen nicht primär viele, sondern primär bestens ausgebildete AbsolventInnen. Nun, die Wissensbilanzen und die ministerielle Vorgabe der Prüfungsaktivität zielen nur auf Mengen ab, nicht auf Qualität. Das ist eine falsche Entwicklung, die die Politik initiiert hat: das Dogma der Akademisierung der Gesellschaft um jeden Preis.

Was ist Ihr persönlicher Nutzen dadurch?

Es gibt keine positive Korrelation zwischen einem veröffentlichten Plagiatsvorwurf und Anfragen bei mir. Nur Konsequenzen aus veröffentlichten Plagiatsvorwürfen zeigen eine Wirkung: Nach dem Rücktritt von Frau Aschbacher schnellten die Anfragen bei mir über viele Wochen in die Höhe.

Mein persönlicher Nutzen ist aber auch, dass ich die Themen „gute wissenschaftliche Praxis“ und „wissenschaftliches Fehlverhalten“ in Theorie und Empirie wahnsinnig spannend finde. Ich würde liebend gerne dazu forschen und publizieren. Leider gibt es bislang immer noch keine Universität, die sich das traut. Zuletzt ist ja die TU Wien nach einer Intervention der ÖVP eingeknickt und hat eine bereits in der Leistungsvereinbarung stehende Kooperation mit mir gecancelt.

Wie und warum kommt es überhaupt zu Plagiatsprüfungen?

Entweder im Rahmen eines bezahlten Prüfauftrags oder aus forschendem Eigeninteresse. Aschbacher, Raab, Karner und zuletzt Popper waren Prüfungen aus wissenschaftlichem Eigeninteresse. Die „Bezahlfälle“ betreffen oft Psychologen, andere Sachverständige, Juristen und Ärzte. Diese Fälle werden meist nicht medial bekannt.

Welche Kriterien müssen erfüllt sein, um eine Arbeit als Plagiat einstufen zu können? Ist die Einstufung einer Arbeit als Plagiat gleichbedeutend mit einer bewussten Täuschung oder kann es sich schlicht auch „nur“ um Fahrlässigkeit handeln?

Alle Definitionen von Plagiat* lassen offen, ob Täuschungsabsicht, grobe oder leichte Fahrlässigkeit dahintersteckt. Man kann das nur selten beurteilen, da man bei Abschreibern keinen Lügendetektor montieren kann.

* Hier einige Beispiele:
„geistiger Diebstahl“
„Diebstahl geistigen Eigentums“
„unbefugte Verwertung unter Anmaßung der Autorschaft“ (die Definition des deutschen Strafrechtswissenschaftlers Albin Eser)

8 Kommentare zu “Warum Plagiatsveröffentlichungen wichtig sind: Ein Interview

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  1. Markus W.

    Ich sehe ein, dass es schwierig ist, für die eigene Forschung Fördergelder zu lukrieren, da braucht man jetzt nicht gleich eine Verschwörung dazu bemühen. Vielleicht kommt man bei den Drittmittelagenturen leichter durch, wenn man das Ganze mit Machine Learning verbindet? Ist nicht nur ein sogenanntes Hot Topic, wird im Lichte von ChatGPT etc. auch tatsächlich immer relevanter werden vermute ich.

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    1. Stefan Weber Beitragsautor

      Nun gut, die „Verschwörung“ ist sehr gut beweisbar und wurde von der TU Wien nach einer politischen Intervention aus dem BMBWF brav umgesetzt.

  2. Michael Brunner

    “Ich würde liebend gerne dazu forschen und publizieren.”

    Na bitte wer hält Sie denn auf? Setzen Sie eine Forschungsfrage auf, research design und gemma gemma…viel Erfolg beim Publizieren in peer-reviewed journals. Dürfte ja wohl Neuland sein für Sie sein.

    Texte mit Plagiatssoftware prüfen und dann alle zwei Wochen einen neuen Blogeintrag raushauen ist definitiv kein wissenschaftliches Arbeiten!

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    1. Stefan Weber Beitragsautor

      In der Tat Neuland, da bisher jeder Forschungsantrag zu GWP verhindert wurde. Liegt sicher nicht am Thema, sondern daran, dass ich so ein schlechter Wissenschaftler bin (wie Sie messerscharf erkannt haben).

  3. Vermutlich...

    Hallo, Herr Weber,
    aber sagen Sie nicht selbst, dass nicht jeder Fehler ein Fehlverhalten ist und nicht jedes Fehlverhalten ein Plagiat sein muss? Nicht jedes Fragment muss gleich schwerwiegend sein, oder? Sie sind doch Verfechter von Abstufungen, nicht? Sie selber wollen doch, gerade das bewusste, vorsaetzliche und schwerwiegende Plagiat jagen, oder liege ich da falsch? Fehler sollten im Nachhinein Fehler sein dürfen, oder wollen Sie jedem und jeder Mag.*a. bei dem Sie Zitierfehler finden, den Grad entziehen lassen? Klar sollte aber sein, dass weniger Bachelor- und Masterstudierende oft mehr sind, das ja. Und das natürlich die Betreuung von Arbeiten gut aber auch konsequent sein muss. Ich denke, dass Aufnahmeverfahren, mehr Klausuren zu fachlichen Basiswissen und weniger Arbeiten im Bachelor, die aber dann genauer begutachtet werden und die man auch verbessern koennen soll, ein Schritt waere. Im Master muss dann gelten: härteres Aufnahmefahren, Jahresgebuehren jenseits von 5000 Euro (aber Stipendien fuer gute Studierende) und ein Betreuung der MA, die funktioniert. PhD nur noch ueber Graduiertenschulen und im Beschaeftigungsverhaeltnis…? Ja, dann wird die Quote zwar sinken, Oe hat aber mehr davon, auch von weniger Reifepruefungen. Die BMS und Lehre als Alternative und die Ausbildung (eine Art Lehre) nach dem Gymnasium? Im Uebrigen ist Weiterbildung nie verboten, sie ist aber nur dann eine Chance, wenn sie auch eine Herausforderung ist. Wie sehen sie das? Eine Antwort waere natürlich super. Danke! Und: Beste Gruesse

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    1. Ampelkoalition

      Na ja, wie wohl in allen Lebensbereichen ist hier eine überlegte, ausgewogene Vorgangsweise angezeigt. Ganz klar, dass nicht jeder Fehler zur Aberkennung eines Titels führen soll. Ja, selbst schlechte Arbeiten müssen nicht unbedingt dazu führen, wenn sich die Studierenden zumindest bemühen haben, Ansätze für eine Betreuungsleistung feststellbar sind und man am Ende sagen kann, alle haben ein bisschen was hinzugelernt. Davon ist bspw. im „Seepocken“-Fall wohl nicht auszugehen.
      Ich glaube, die Aktivitäten von Doz. Weber zielen in erster Linie darauf ab, grobe Missstände aufzudecken, aufzuzeigen, wo Schindluder in großem Stil betrieben wird, wo es systematisch an Betreuung fehlt, wo Arbeiten durchgewunken werden (z.T. ohne wirkliche Durchsicht), die nur Ramsch darstellen. Wo es den Betreuern an Willen, an Fähigkeit, vielleicht auch an beidem fehlt. Es geht um systemisches Versagen, von Betreuern, Fakultäten, Universitäten. Eine Kontrolle, die eigentlich das Wissenschaftsministerium durchführen müsste. Dozent Weber sollte dafür ein Ministergehalt bekommen (oder, seien wir bescheiden, das Gehalt eines Generalsekretärs ebendort).

  4. Ampelkoalition

    Bravo! Dozent Weber wird immer mehr zu so etwas wie einer „moralischen Instanz“ der Universitäten in Zeiten um sich greifender intellektueller Amoralität.
    Dies erklärt wohl auch die blinde Wut, die Dozent Weber immer mehr entgegenschlägt. Und zwar weniger von den „armen Würstchen“, den entlarvten Plagiatoren (wie die Plagiatoren von Prof. Rieble, dem unerreichten Grandseigneur der Plagiatorenexorzisten, in fast schon liebevoller Weise bezeichnet worden sind) als von der institutionalisierten Korruption.
    Noch ein Zitat von Prof. Rieble, das hier hervorragend passt. Mit derselben Frage konfrontiert wie in diesem Interview, nämlich ob er nicht die Gefahr sehe, dass das Aufdecken von Plagiaten und anderen Missständen den Universitäten schade, meinte er: „Die Universitäten erleiden dadurch keinen größeren Schaden als sie es sich verdienen.“

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  5. Ralf Rath

    In einer mehrdimensional verfassten Welt bilden ihre unterschiedlichen Ausdehnungen durch einander einen tragenden Zusammenhang. Erkenntnisgewinnung ist angesichts dessen nur möglich, wenn sie „in der beschreibenden Analysis der Sache selber ihren Boden findet“ (Adorno: Fragen der Dialektik, hrsg. v. Ziermann, Berlin, 2021, S. 28). Im Unterschied dazu ist ein Plagiat nicht am „Boden“ der dadurch empirisch stets vollständigen Wirklichkeit verankert. Es fehlt ihm schlicht die notwendige Gebundenheit. Insofern zeugt ein Plagiat von einem völlig falschen Verständnis der Wissenschaftsfreiheit. Dass allen voran österreichische Universitäten solch eine kaum mehr sagbare Perversion ihres „Eigenlebens“ (Jaspers) stillschweigend dulden, erstaunt dann doch über alle Maße hinweg. Immerhin gilt es unter allen Umständen, der sadistischen Versuchung unbedingt zu widerstehen, wenn nicht die Humanität als das Positive der europäischen Kultur preisgegeben werden soll.

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