Diplomarbeit von Simulationsforscher Niki Popper: Fast die Hälfte des Fließtextes aus dem Internet plagiiert

Die Diplomarbeit „Simulation of the Respiratory System: Compartment Modelling and Modelling of Perfusion“ vom später durch das Coronavirus österreichweit bekannt gewordenen Simulationsforscher Niki Popper, angenommen im Jahr 2001 an der TU Wien, enthält zahlreiche 1:1-Plagiate aus dem Internet auf über 30 Seiten. Die Arbeit handelt von verschiedenen Modellen zur Simulation der menschlichen Atmung.

Dazu ist zu bemerken:

1. Notorisches Wissen (d.h. im Fach allgemein bekanntes Wissen) muss nicht zitiert werden. Daraus folgt jedoch keinesfalls, dass es aus dem Internet in die Abschlussarbeit hineinkopiert werden darf. Vielmehr stellt diese mögliche Auslegung der Norm ein weit verbreitetes Missverständnis dar, und vielleicht auch ein zu Teilen geduldetes Übel in der österreichischen Universitätslandschaft.

2. Direkte Zitate unter Anführungszeichen kommen in der Mathematik und Informatik so gut wie nie vor. Aber auch daraus folgt keinesfalls, dass deshalb in der Mathematik und Informatik mit Copy/Paste ohne Quellenverweise (references) gearbeitet werden darf. Selbst der toleranteste Zitierleitfaden der Mathematik normiert eine Quellenangabe zu Beginn einer Ausführung bei nahezu identischen Übernahmen.

In allen folgenden Beispielen aus der Diplomarbeit von Niki Popper fehlen Quellenangaben völlig. Es wurden simpel Texte aus Webquellen wie etwa dieser (Lawrence, 1999) in die Diplomarbeit hineinkopiert, 1:1. Damit ist der Tatbestand des Plagiats erfüllt. Grafiken und Abbildungen wurden in der gesamten Arbeit nicht belegt.

Meine Hypothese ist seit langem, dass es um die Jahrtausendwende zu einer „Blüte des Plagiatswesens“ kam. Die Universitäten hatten noch keine Softwaresysteme zur Verfügung, „Nachgoogeln“ begann sich gerade erst durchzusetzen. Die Studierenden nutzten ihren Vorsprung aus und füllten die Seiten ihrer Abschlussarbeiten schnell und effizient mit der Copy-Paste-Methode.

Über die Inhalte und die Eigenleistung in der Diplomarbeit kann man wenig sagen, da ja nun der Verdacht besteht, dass vieles, wenn nicht alles abgeschrieben wurde.

Hier die bislang gefundenen 30 Plagiatsfragmente:

Wo Niki Popper mit Sicherheit selbst getextet hat, finden sich Typos wie etwa hier:

Schon am Deckblatt sind das Wort „Universität“ und der Titel „Dr. techn.“ falsch geschrieben:

Nicht besser sieht es in der Dissertation aus. Hier hat Niki Popper unter anderem aus Wikipedia plagiiert (wird fortgesetzt).

53 Kommentare zu “Diplomarbeit von Simulationsforscher Niki Popper: Fast die Hälfte des Fließtextes aus dem Internet plagiiert

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  1. wertfrei

    S.g. Herr Weber,
    ich schätze ihre Arbeit, die eine Qualitätssicherung für die Wissenschaft darstellt! In ihrer aktuellen Argumentation fehlt mir jedoch wissenschaftliche Konsequenz.

    Sie schreiben auf ihrer Hompage „Niki Popper hat plagiiert“ und im Blogartikel:
    „Über die Inhalte und die Eigenleistung in der Diplomarbeit kann man wenig sagen, da ja nun der Verdacht besteht, dass vieles, wenn nicht alles abgeschrieben wurde.“

    Auf eine sehr detaillierte Stellungnahme des „Claus Fischer“, in der dieser die Notwendigkeit der detaillierten Problemstellung und der Belanglosigkeit der Quelle selbiger erläutert, antworten sie nur lapidar mit einem Verweis auf eine vorhergehende Antwort in der sie schrieben:
    „Aus dem Aufzeigen von Textplagiaten folgt keinesfalls, dass ich die Originalität der Gleichungen und des experimentellen Versuchs ebenso pauschal in Abrede stelle […] Über den Wert der Forschung (Anwendung des Perfusionsmodells) sage ich nichts aus, das wäre in der Tat eine Selbstüberschätzung. Ich könnte das beim besten Willen gar nicht beurteilen.“

    Wie passen diese ihre Aussagen unter dem Motto „wissenschaftliche Redlichkeit“ zusammen?
    Hat Niki Popper relevante Teile seiner (eigenständigen) wissenschaftlichen Arbeit „mit Täuschungsabsicht“ plagiiert, oder sind sie nicht in der Lage dies zu beurteilen?

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  2. Andreas Slateff

    Die Dissertation, die Sie offenbar jetzt analysieren, stammt von 2015. Da sind die Regeln bereits wesentlich strenger als 2001. Auch wurden zu dieser Zeit Codes of Scientific Conduct, also ethische Richtlinien zur wissenschaftlichen Arbeit, an der TU Wien bereits verschriftlicht und verlangt, und spätestens seit „Guttenplag“ 2011 mit der Affäre Guttenberg weiß jeder im deutschsprachigen Raum, was Plagiate sind und wie Plagiatsanalysen ablaufen. Bin gespannt, was herauskommt. Insgesamt bedaure ich die Vorgänge, es tut mir für Niki Popper aufrichtig leid – aber wenn er damals wirklich so deppert gewesen sein sollte, wie es jetzt den Anschein hat, und unsauber gearbeitet hat, dann muss man den Fakten leider ins Auge sehen. :-/

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  3. WM

    Hallo Herr Weber,
    meines Erachtens gehen Sie etwas leichtfertig mit dem Begriff „Plagiat“ um. Ein Plagiat würde meinem Sprachverständnis nach voraussetzen, dass eine Täuschungsabsicht vorliegt. Was Sie bisher gefunden haben, fällt zwar recht klar unter „fehlende Quellenangabe“ (vorausgesetzt, da ist wirklich keine), aber kein Mathematiker oder Informatiker würde erwarten, dass ein Fachkollege in einer facheinschlägigen Veröffentlichung eigene Erkenntnisse über die Lunge veröffentlicht. Daher kann mit dem, was Sie bisher veröffentlicht haben, nicht von einer Täuschungsabsicht ausgegangen werden, und somit ist die Bezeichnung „Plagiat“ meines Erachtens unzulässig.
    Eine Folge Ihres Umgangs mit dem Begriff „Plagiat“ könnte auch sein, dass wirkliche Plagiateure, z.B. vom Niveau eines Herrn von und zu Guttenberg in Zukunft es noch leichter haben, ungeschoren davon zu kommen, denn wenn Sie so undifferenziert Plagiatsvorwürfe verteilen, wird es mit der Zeit immer einfacher, als schwerer Plagiator auf die vielen Beispiele zu verweisen, die den Vorwurf eines „Plagiats“ mangels Täuschungsabsicht ohne Konsequenzen überstanden haben.

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    1. Stefan Weber Beitragsautor

      Nein, der Begriff „Plagiat“ setzt nicht Täuschung voraus. Selbstverständlich gibt es auch Plagiate aus grober oder leichter Fahrlässigkeit.

    2. wertfrei

      DA muss ich mich anschließen.
      Schreibt doch Weber selbst auf dieser Homepage: „Weiter muss die Absicht einer Täuschung über die Autorschaft […] nachweisbar sein. Immer gilt: Schlechte Wissenschaft ist noch kein Plagiat!“

      Wissenschaft lebt von Transparenz und gegenseitiger Überprüfung. Aber hier wurde der Wissenschaft ein Bärendienst erwiesen.
      Popper und Aschbacher in einen Topf zu werfen ist… wie einen Sonntags-Zeitung-Dieb mit einem Massenmörder zu vergleichen.

      Habe nicht geglaubt, dass Herr Weber so etwas notwendig hat.

  4. Andreas Slateff

    In der Diplomarbeit, die mir mittlerweile in elektronischer Kopie vorliegt, ist auf der letzten Seite am Ende des Literaturverzeichnisses angeführt:

    „Various pictures were taken from sites in the WWW, the sources are not noted seperately (sic!). I want to thank all these sources, the pictures are only used in this thesis and will not be published somewhere else.“

    Das ist zwar wirklich unsauber, entkräftet aber zumindest bei den Bildern den Vorwurf des Vorsatzes einer Täuschung.

    Kritischer finde ich hingegen, dass Lawrence Martin nirgends im Literaturverzeichnis aufscheint. Denn es gibt tatsächlich längere wörtliche Übereinstimmungen. Zu prüfen wäre hier noch, ob es für diese wörtlichen Übernahmen vielleicht eine gemeinsame dritte Quelle gibt, die im Literaturverzeichnis genannt ist. Ich würde auch nicht unbedingt behaupten, dass es die Internet-Quelle von Lawrence Martins Buch gewesen wäre, von der die Passagen übernommen wurden, vielleicht wurde tatsächlich das Buch verwendet, aber nicht zitiert. Wenn es damals auch nicht ganz klar war, wie Internetquellen zu zitieren gewesen wären (und ob überhaupt) — als Fachbuch über Lungenphysiologie hätte es in jedem Fall klar angeführt werden müssen, und ungekennzeichnete lange wörtliche Textübernahmen aus einem Fachbuch waren auch 2001 nicht erlaubt. Hier dürfte dann leider tatsächlich ein Plagiat vorliegen.

    Ein kleines Detail am Rande. Auch die Conversion Table (sie gibt die Umwandlung verschiedener Einheiten an) in Anhang B stammt offensichtlich aus einer nicht näher bezeichneten Quelle und wurde einfach als Bild eingefügt.

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  5. Interessierter Leser

    Ich stimme den Kommentaren unten bezüglich der Bewertung von Naturwissenschaftlichen Arbeiten zu. Es geht in diesen Arbeiten nicht wirklich um die Schreibleistung. Aber für mich ist das schlimme das Copy-Paste. Eine Quellenangabe hätte im Fall Popper meiner Meinung nach auch nichts geholfen. Copy-Paste in diesem Umfang geht einfach nicht. Ich habe Physik studiert und im Studium zig Laborprotokolle schreiben müssen. Alle hatten einen Grundlagenteil der mit der Versuchsdurchführung nichts zu tun hatte. Aber niemals wurden diese Grundlagen mit Copy-Paste von irgendwo herkopiert. Und in einer Masterarbeit geht das natürlich auch nicht.

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  6. Heinrich Jenny

    Selbst wenn man alle Kommentare der Herren Naturwissenschafter hier berücksichtigt, bleibt eines aber nach wie vor bestehen: eine eklatante, massive Verletzung des Urheberrechts, die sicher nicht durch das Zitatrecht gedeckt ist, da ja eben offenbar keine Quellenangaben gemacht wurden. Diese Dimension wird m. E. in all diesen Plagiatsdiskussionen einfach unterschlagen.

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  7. Claus Fischer

    Sehr geehrte Doctores,

    als jemand, der in Simulation promoviert hat (Simulation von Halbleiterbauelementen), mit vielen Differentialgleichungen gearbeitet hat, die Instabilitäten von Systemen mit exponential upwinding in stabile Simulationssoftware verpackt hat, massive Matrizen mit schlechter numerischer Kondition “gezähmt” hat und sich danach mit der Problematik auch noch drei Jahre in der internationalen Halbleiterindustrie (Intel, Santa Clara) herumgeschlagen hat, möchte ich kurz zu der etwas plakativen Aussage “Niki Popper hat plagiiert” Stellung nehmen:

    (A) Mathematische und naturwissenschaftliche Arbeiten sind grundsätzlich anders zu beurteilen als geisteswissenschaftliche

    (B) Denn in der Naturwissenschaft, speziell bei Simulationsrechnungen, geht es darum, eine Abbildung der Realität im Modell zu entwickeln, die der Realität selbst so nahe wie möglich kommt

    (C) Das bedingt zweierlei: Erstens, dass für den Einstieg in eine Arbeit und die Bewertung einer Arbeit oft eine langatmige Darstellung der Realität vonnöten ist, umso aufwendiger und detaillierter, je spezialisierter die Arbeit dann ist. Eine derartige Darstellung ist selbst unter Fachkollegen typischerweise notwendig.

    (D) Zu diesem Erstens gehört auch, dass die “Realität”, die abgebildet wird, auf einer anderen Ebene, hier zum Beisipiel jener der Medizin, wiederum ein Modell sein kann, denn auch in der Medizin ist der Erkenntnisprozess meist über gedankliche Modelle

    (E) Zweitens, dass diese Darstellung natürlich niemals, auch nicht versehentlich, bei der Bewertung einer Arbeit als Teil der zu bewertenden Arbeit missverstanden wird. Das ist so einleuchtend, dass man das nicht extra anmerken muss. Diese Darstellung des Problems ist wie die Angabe eines Mathematik-Beispiels zu verstehen. Die eigentliche wissenschaftliche Arbeit liegt dann in der Lösung des Problems. Die Einleitung ist notwendig, damit Lesende, besonders solche ohne detailliertes Fachwissen DER ZU MODELLIERENDEN GRUNDMATERIE auf den notwendigen Wissensstand gebracht werden, um dann den Lösungsschritt nachvollziehen und beurteilen zu können. Der Beurteilende hat natürlich idealerweise auch Kenntnisse der zugrundeliegenden Materie, aber bei etwas weiter entfernten Zweitbegutachtern hapert’s da oft schon, und schliesslich soll die Arbeit ja auch externen Interessierten zugänglich sein.

    (F) Im Gegensatz zu z.B. Schachproblemen, wo man oft eine Aufgabenstellung mit dem Zusatz eines Problemstellers oder der Kontrahenten und der Jahreszahl angibt, ist es bei derartigen Angaben in keiner Weise bedeutend, ob man die Formulierung des A, des B, oder eine eigene in der Problemstellung verwendet. Dies stellt sicher einen großen Unterschied dar zu geisteswissenschaftlichen, politischen, journalistischen, und anderen Arbeiten, wo jeder Text selbst bereits eine Interpretation ist, die in die Arbeit dann eingeht. Dort kann man oft keinen klaren Unterschied machen zwischen der Interpretationsleistung und der Erkenntnisgewinnung des Zitierten und des Zitierenden. In der Simulation ist dieser Unterschied hingegen von vornherein klar.

    (G) Für die Bewertung einer wissenschaftlichen Arbeit auf dem Gebiet der Simulation ist es eigentlich nicht relevant, was die Problemstellung ist, solange man sie durch eine andere, abstrahierte, aber isomorphe Problemstellung ersetzen kann. Man könnte sie also weglassen. Allerdings versteht erstens kein Mensch eine abstrakte Problemstellung, und kein Mensch tut es sich an, durch abstrakte Dinge durchzulesen, von denen man den Praxisbezug nicht von vornherein erkennt. Darum sind solche Einleitungen sinnvoll.

    (H) Die Dissertation (oder Habilitation) von Edmund Hlawka, TU-Professor und zu seiner Zeit eine Koryphäe der Zahlentheorie, hat angeblich eine Seite gehabt. Ich glaub’s sofort, aber heute wäre das nicht mehr möglich, weil wir in einer Welt des Scheins leben und alles bunt lackiert sein muss. Hätte er vorher 50 Seiten mit einer Einführung in die Problemstellung geschrieben, so könnte man ihm sicher den Vorwurf machen, er habe da oder dort abgeschrieben, wie es die Mathematiker bei Problemstellungen halt so tun.

    (I) Für einen Naturwissenschaftler hat also eine Einleitung, in der fachfremde (medizinische) Erkenntnisse dargestellt werden, den einzigen, aber bedeutsamen Hintergrund, dass der Naturwissenschaftler bereits bei der Einleitung mitzudenken beginnt, wie sich denn die physikalischen Grundlagen der medizinischen Beschreibung abbilden lassen. Das bedeutet aber keineswegs, dass der naturwissenschaftliche Leser das mit einer eigenen Entwicklung des zu Beurteilenden oder Darstellung der Entwicklung verwechselt.

    (J) Ich bin überzeugt, dass Plagiatsforschung auch in der Naturwissenschaft notwendig und essentiell ist, aber sie setzt leider ein tiefes Verständnis des Inhalts der Arbeit voraus. Ein guter Naturwissenschaftler kann exakt denselben Inhalt mit ganz anderen Texten ausdrücken und hat doch die Arbeit zu 100% plagiiert. Und er kann andererseits viele wortidentische Textversatzstücke von anderen verwenden, und doch ist der wesentliche Inhalt der Arbeit sein eigener.

    (K) Insbesondere hat die Frage, wieviel (an lesbarem Text) vom Text der Arbeit kopiert ist und wieviel selbstgeschrieben, völlig irrelevant.

    Wenn Sie, S.g. Dr Weber, also den Plagiatsgehalt einer Arbeit über Simulation beurteilen wollen, müssen Sie zuerst herausschälen, wo wirklich die Modellbildung, die mathematische Abbildung des Modells, die Konstruktion des Simulationswerkzeugs, und ähnliche Schritte stattfinden, und erst anhand dieser Schritte kann man dann entscheiden, wo und wieviel eigene Leistung in der Arbeit steckt.
    Bitte verwechseln Sie insbesondere das “Modell”, das die Mediziner vom menschlichen Atmungsapparat haben und das, grosso modo, in allen medizinischen Darstellungen etwa gleich sein wird, nicht mit dem Modell, das sich der Simulationsersteller dann von dieser Realitätsgrundlage macht, um es in brauchbare mathematische Form für die Erstellung einer Simulationslösung zu gießen.

    MfG

    Claus Fischer

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    1. Stefan Weber Beitragsautor

      Lieber Herr Fischer!
      Danke für Ihren Kommentar. Ich darf Sie auf meine Antwort auf den Kommentar von Herrn Seifert verweisen.
      LG

    2. Ralf Rath

      Handelt es sich bei dem von Nikolas Popper in Österreich gegenwärtig in Anschlag gebrachten Modells um dasselbe wie in Deutschland zur sozioökonomischen Berichterstattung, ist es schon deshalb hinfällig, insofern es Rationalisierung „voraussetzungslos“ (siehe die daran längst geübte Kritik von Baethge/Oberbeck: Zukunft der Angestellten, Frankfurt/New York, 1986, S. 410) betreibt. Immerhin gilt es laut Husserl zu bedenken, dass jedweder Naturerkenntnis stets eine Theorie zum Konstituens einer modernen Gesellschaft vorausgeht. In den von Habermas einst im Jahr 1971 an der Princeton University gehaltenen Christian Gauss Lectures wird darauf ausdrücklich aufmerksam gemacht.

    3. Andreas Slateff

      Herr Fischer, weitestgehende Zustimmung. Aber Sie haben ebenfalls eine Achillessehne, nämlich:

      „(B) Denn in der Naturwissenschaft, speziell bei Simulationsrechnungen, geht es darum, eine Abbildung der Realität im Modell zu entwickeln, die der Realität selbst so nahe wie möglich kommt“

      Erstens wurde die Arbeit nicht in Naturwissenschaften verfasst, sondern zumindest formal in Mathematik. Man müsste also fragen, nach welcher Methodik gearbeitet wurde und weshalb.

      Zweitens, und viel wesentlicher: Wie prüfen Sie denn, ob das Modell der Realität möglichst nahe kommt? Genau das erfolgt bei vielen Simulationen nicht. Eine solche Prüfung kann in der Tat nur experimentell erfolgen – also in den Naturwissenschaften naturwissenschaftlich empirisch -, mathematisch alleine ist eine solche Prüfung nicht möglich.

      Drittens: Haben Sie den Simulationsteil der Arbeit gelesen? Ich geben Ihnen Recht, dass der Simulationsteil das Ausschlaggebende sein sollte. Herr Weber argumentiert allerdings, dass dieser Teil nur sehr kurz wäre. Wwas auch durch eine höhere Informationsdichte bedingt sein könnte, aber um soetwas zu prüfen, müsste man den Simulationsteil schon auch lesen.

      Am Einfachsten wäre es, wenn Niki Popper selber seine Diplomarbeit von 2001 komplett digital öffentlich stellt, dann kann man sich ein besseres Bild des eigentlichen Simulationsteils machen.

      PS: Edmund Hlawka, der auch mit mir am Institut war – wenn auch schon emeritiert -, hat nicht in Angewandter Mathematik promoviert, sondern in reiner Mathematik.
      Die Angewandte Mathematik hat durchaus eine Art interdisziplinäreren Zwischenstatus. Was aus utilitaristischer und ökonomischer Sicht durchaus nützlich ist, aber aus purer wissenschaftstheoretischer Sicht durchaus problematisch sein kann. Das, was möglicherweise schnellstens für Anwendungen Neuerungen bringt, ist wissenschaftstheoretisch möglicherweise sehr unsauber, vielleicht sogar mathematisch sehr unsauber… jedenfalls nicht ganz einfach einzuordnen oder zu beurteilen.

    4. Andreas Slateff

      Herr Fischer, in der Diplomarbeit von Nikki Popper wurde nur in MATLAB/Simulink modelliert und simuliert.

      Von tatsächlichen Problemen der numerischen Mathematik, wie Sie sie von ihrer Arbeit mit

      „mit vielen Differentialgleichungen gearbeitet hat, die Instabilitäten von Systemen mit exponential upwinding in stabile Simulationssoftware verpackt hat, massive Matrizen mit schlechter numerischer Kondition “gezähmt” hat“

      schildern, ist überhaupt keine Rede. Es wird das Modell erstellt, einige gewöhnliche Differenzialgleichungen und algebraische Gleichungen sind angeführt, einige Funktionen definiert, dann wurde implementiert und simuliert. Im Wesentlichen war’s das. Der eigentliche Inhalt der Arbeit ist die Modellbildung in Simulink und die Präsentation dieses Modells.

      Die Arbeit enthält weder Fehlerschätzungen noch irgendwelche Teile numerischer Linearer Algebra, und auch keinen einzigen mathematischen Beweis.

      Ich empfehle, sich die Diplomarbeit wirklich anzusehen, um sich ein Bild von der Art der Arbeit zu machen.

    5. Prof Liz Haas

      Hi

      Danke. Ich bin Prof im künstlerischen Bereich, im Besonderen digitale / Software Art.
      Auch in unserem Bereich muss man heutzutage sinnlose Diss/DiplArbeiten schreiben weil ja alles so schön neoliberal gestreamlined ist.

      Ja du hast komplett recht, erstens andere Zeit und zweitens komplett irrelevant für die Beurteilung.

      Die Leut scheinen zu vergessen, dass man Arbeiten nach Inhalt und nicht nach der Form anschaut. Und wie du sagst: das Gelabber über das Umgelf in das die Berechnungen eingebettet sind, das ist nicht beurteilungsrelevant sondern ein Hilfstext für den Lesenden.

  8. Szecsödi Bernhard

    Irgendwie überkommt mich etwas Schadenfreude, oder sagen wir besser Genugtuung, wenn einer der größten Apokalyptiker, ein „Experte“ der mlt seinen, meist völlig falsch liegenden Prognosen, so gut wie immer zigfach über den tatsächlichen Zahlen gelegenen Werten ist, , und das trotz der Fehlinterpretation, positiv getestet mit Infiziert oder gar erkrankt zu verwechseln, dass genau dieser Schwarseher jetzt in Bezug auf seine Diplomarbeit im Verdacht steht, plagiiert zu haben?! Es gibt doch noch Wünsche, die vom Universum scheinbar erfüllt werden…

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  9. Andreas Slateff

    Die Sache ist etwas zweischneidig.
    Zum Beispiel verlinken Sie Zitierstandards der USA; die Arbeitsweise in Europa und in den USA, die Strukturierung der Universitäten war aber vor 2000 (eigentlich bis vor 2005) sehr unterschiedlich! Ich fand das alte europäische System wesentlich besser. (c.f.: Münch: „Akademischer Kapitalismus“, rororo)

    Niki Popper war ein Studienkollege von mir an der TU Wien, allerdings einige Jahre höher; er ist erstens ein wenig älter als ich, und ich selber hatte zudem auch erst später (nämlich in meinen Zwanzigern) an der TU Wien zu studieren begonnen. Zu dieser Zeit wurden aber im Zuge von Umstrukturierungen Institute zusammengelegt, und wir waren dann durch diese Zusammenlegung auch „am gleichen Institut“ (formal zumindest).

    Zum Umfeld: Die Gruppe Breitenecker, Rattay & Co hatte einen etwas eigenartigen Stand in der TU-Mathematik. Andere nannten diese Gruppe manchmal „die Simulanten“. Ich hielt mich von ihr fern und habe dort kein einziges Fach absolviert. Diese Gruppe behandelte angewandtere Problemstellungen, meistens durch Simulation, auch mit Industriekooperationen. Das brachte dem Institut auch Geld, und wurde deshalb „geduldet“.

    Methodisch war die ganze Sache aus meiner Außensicht aber zweischneidig: Aus den angewandteren technisch-naturwissenschaftlichen Fächern fehlte die experimentelle Methodik (Mathematiker, die nur Mathematik studieren, sind in empirischer Methodik ganz grundsätzlich nicht geschult!), aus der Mathematik fehlte umgekehrt oft die formale Strenge. Das war damals leider üblich (und ist es vielerorts auch heute noch so), in den Wirtschaftswissenschaften zum Beispiel bis mindestens zur Finanzkrise um 2009. Dafür konnten recht schnell Ergebnisse „erzielt“ werden, die für die Anwender bzw. Auftraggeber offenbar von Interesse waren und auch visualisiert werden konnten. (Vielleicht unter dem Motto „Optik schlägt Inhalt“? Oder „speed kills“?). Ich kann mich jedenfalls daran erinnern, dass das Institut oder die Fakultät damals nicht wollte, dass Herr Rattay sich in Mathematik habilitierte, mit dem Argument, er betreibe nicht Mathematik sondern eher Neuroinformatik oder eine Art biomedizinisches Fach. (Herr Rattay wurde nach einigen Personaländerungen später aber doch habilitiert.) Es würde mich aufgrund der biomedizinischen Fragestellung nicht wundern, wenn der eigentliche Betreuer der Diplomarbeit Herr Rattay gewesen wäre, der aber aufgrund der (damaligen? 2001? ich weiß den Zeitpunkt nicht mehr) Nicht-Habilitation nicht betreuen durfte, und deshalb Herr Breitenecker „formal“ der Betreuer war. Ich weiß dazu leider nichts, aber solche Umwegkonstruktionen waren aus formalen Gründen immer wieder notwendig – und auch üblich. Aber auch Herr Breitenecker betreute ausreichend medizinisch-mathematische Themen.

    An der TU Wien wurden damals zwar gute Vorlesungen zu Wissenschaftstheorie angeboten (Prof. Fasching), aber meiner Erinnerung nach keine zum Wissenschaftlichen Arbeiten.

    Das Internet-Quelle-Kopieren hatte damals leider tatsächlich Methode, und von Stefan Weber erschien das Buch „Das Google-Copy-Paste-Syndrom“ einige Jahre später, das die Phänomene ganz gut beschreibt. Selbständiges Arbeiten wurde mit der Amerikanisierung in Europa zunehmend unerwünscht, die Tendenz ging klar in Richtung „möglichst schnell, möglichst geradlinig“. Google war aber ziemlich neu, rund um 2000 waren durchaus andere Suchmaschinen in Gebrauch (zum Beispiel altavista).

    Die Copy-Paste-Methodik wurde erst dadurch etwas eingedämmt, dass mehr ins Bewusstsein gebracht wurde, dass es sich ja eigentlich um Plagiate handeln würde bzw. handeln könnte. Das war zu dieser Zeit der „Internetrevolution“, Ende der 1990er und Beginn der 2000er, in diesem Umfeld aber keinesfalls klar, sondern man „tat“ einfach. Offenbar ohne Internet auch schon seit Jahrzehnten. (Es gibt auch viele durch die wissenschaftsgeschichtliche Forschung hervorgebrachte Beispiele, wo Professoren und namhafte Forscher die Ergebnisse ihrer Studenten oder Assistenten ausschließlich unter ihrem eigenen Namen veröffentlichten.)
    Es war also leider fast soetwas wie „state of the art“… (horribile dictu)

    Die nachfolgende „Plagiatsforschung“ schießt und schoss zwar oft über das Ziel hinaus, ging aber meiner Meinung nach durchaus in die richtige Richtung, um diesem Treiben einigermaßen Einhalt zu gebieten. Inzwischen haben auch einige europäische Universitäten (wissenschafts-)“ethische Standards“ verschriftlicht, und fordern diese ein. Die TU Wien war aber auch dabei eine der letzten Universitäten im deutschsprachigen Raum. Ich bin ziemlich sicher, dass 2001 noch keine wissenschaftsethischen Standards oder Zitierstandards verschriftlicht waren.

    =====
    Zum Stil mathematischer, aber auch oft physikalischer, Arbeiten: Manchmal wird zu Beginn eine Art Überblick über das Themengebiet gegeben. Das ist aber keine „Literaturarbeit“ oder „Theoriearbeit“, sondern eben nur ein Zusammenschreiben verschiedener Quellen über das Themengebiet, vielleicht auch zur Präsentation der eigenen Notation. Strikt formalistisch betrachtet könnte man diese Teile komplett streichen, denn sie bringen nichts Neues und verlangen praktisch ein Zusammenschreiben.
    In der Mathematik kann dabei gar nicht alles zitiert werden: Man müsste dann schon bei 1+1=2 vielleicht Adam Riese zitieren, und die Erfinder der Symbole „1“,“2″,“+“,“=“, die oft nicht mal bekannt sind. Die gesamte Arbeit ginge in Zitaten unter und wäre – schon alleine wegen der Symbolik – unlesbar. Eine Fußnote fällt als Symbol im Fließtext auf, aber innerhalb mathematischer Symbolik Fußnoten zu setzen ist so gut wie unmöglich.

    Der Punkt ist, dass eine Diplomarbeit nicht unbedingt Neues enthalten muss, eine Dissertation hingegen schon. In Mathematik oder Physik haben gut 90% (geschätzt) der Diplomarbeiten einen solchen „Überblicksteil“. Und dabei wird nicht im Detail zitiert, oft nur pauschal mit „Kapitelfußnote“ oder „Absatzfußnote“, oder einer Angabe, dass diese Kapitel insgesamt der Monographie xyz folgt. Das wird in den Gebieten auch akzeptiert, weil es um Allgemeinwissen des Gebiets geht.
    Dass überhaupt Kapitelfußnoten oder Absatzfußnoten gesetzt werden, ist bereits jüngeren Datums, zum Teil erst wegen der neueren Plagiatsjagden. Zuvor, also auch 2001, wurden also in diesen Allgemeinteilen weder Kapitelfußnoten noch Absatzfußnoten gesetzt – weil’s eh jeder wusste, dass das keine eigenständige Leistung des Autors ist.
    Und für geisteswissenschaftliche Fächer reicht nicht mal eine Kapitelfußnote oder Absatzfußnote; die formalistische Strenge, die den Geisteswissenschaften in der Methodik fehlt, wird gewissermaßen durch eine Zitierstrenge zu ersetzen versucht. Eine solche Zitierstrenge gehören Mathematik und Physik aber nicht dazu, weil es sich auch nicht um Geistewissenschaften handelt, und die Methodik eben grundsätzlich anders ist – und die Arbeit ja auch anderes enthalten sollte, das den eigentlichen Schwerpunkt ausmacht.

    ============
    Nun aber zur Arbeit von Niki Popper: Aufgrund der Plagiate in der Darstellung der medizinischen Gegebenheiten kann man bitte nicht sagen, dass die gesamte Arbeit Müll wäre, oder dass der eigentliche Simulationsteil Unfug sei. Das eine hat mit dem anderen nämlich wenig zu tun.

    Aber: Auch aus meiner Sicht sind das klar Plagiate, weil sie zitiert werden müssten. Es handelt sich eben nicht um mathematisches Allgemeinwissen in einer „mathematischen“ Arbeit, sondern eben um medizinische Teile. Das hätte also klar zitiert gehört, in irgendeiner der vielen Formen, – und ist aus meiner Sicht deshalb auch klar ein Plagiat. „Einleitungsteil“ oder „Allgemeinteil“ hin oder her.

    Diese Schlamperei führe ich durchaus auf oben geschilderte Zweischneidigkeit der Methodik in der erwähnten Gruppe zurück: Mathematiker sind und waren wenig gewohnt, alles im Detail zu zitieren. Die Arbeit behandelt in diesem Teil aber medizinische Themen, und diese hätten zitiert werden müssen – meiner Meinung nach sogar im Stil der Humanmedizin, die bereits zu dieser Zeit sehr ausführlich zitierte!

    Man wird sicherlich in vielen dieserart „interdisziplinären“ Arbeiten derartige Schwächen finden. Weil bei interdisziplinären Arbeiten es auch passieren kann, dass eben nicht die Stärken, sondern die Schwächen der unterschiedlichen Disziplinen kombiniert werden (zum Beispiel methodisch oder formal), oft zugunsten „schnellerer“ oder „neuerer“ Resultate. Ja: Die Qualität kann darunter leiden. Aber auch nein: Interdisziplinäre Arbeiten bedarf es trotzdem, eben wegen der „schnellen Neuigkeiten“. Es gehört aber in einem weiteren Schritt dann detaillierter beforscht, hinterfragt, um eben nicht die Schwächen der unterschiedlichen Disziplinen zu kombinieren.

    Ich bin sicher, dass viele Arbeit aus der Zeit der Internetrevolution 1990er/2000er plagiatsmäßig komplett auseinandergenommen werden können. Denn Internet war neu, Quellen waren plötzlich massenweise verfügbar, aber massenweises Zitieren war nicht üblich…

    Antworten
    1. Stefan Weber Beitragsautor

      Lieber Herr Slateff!
      Danke für Ihren Kommentar. Ich darf Sie auf meine Antwort auf den Kommentar von Herrn Seifert verweisen.
      LG

    2. Andreas Slateff

      Eine Ergänzung: In den Anfängen der Internetrevolution war auch gar nicht klar, wie man Internetquellen zitieren sollte. Auch war nicht klar, ob Internetquellen überhaupt als „zitierfähig“ gelten. Heute hat man die Tendenz, alles als „zitierfähig“ zu erklären, damit zumindest eine Quelle genannt ist. Damals galten aber viele Arbeiten, auch manche Fachpublikationen, grundsätzlich als „nicht zitierfähig“, Tageszeitungen oder Internetartikelchen erst recht nicht. Internetseiten galten als zu wandelbar und nicht nachhaltig. Das heißt, hätte man damals in einer naturwissenschaftlichen oder mathematischen Arbeit Internetquellen oder Tageszeitungen „zitiert“, wäre das vom Reviewer angekreidet worden, die Arbeit wäre gar nicht erst angenommen worden.

      Die Methodik, Zitate mit link auch mit Datumsstempel zu versehen („(zuletzt) aufgerufen am…“) , wurde erst entwickelt und hat sich erst mit der Zeit durchgesetzt. Wenn die Internetseite zu diesem Datum aber nicht in einem Internet-Archiv abgespeichert wurde, ist die Quelle nachträglich auch gar nicht mehr überprüfbar.

      Es ist erst heute gebräuchlich, die Zitierweise im Sinn des Urheberrechts oder Gebrauchrechts auszulegen. Das war vor 20 oder mehr Jahren aber keineswegs unbedingt der Fall! Damals wurde in Mathematik (und Naturwissenschaften) nicht zitiert, um die Urheberschaft eines Gedankens offen zu legen (auch heute oft nicht), sondern es war mehr eine Art Hinweis für den Leser, wo er mehr Vertiefendes lesen können, wenn er denn wolle. Das heißt, der gesamte Zitierapparat hatte je nach Fachgebiet eine ganz andere Funktion.
      Nur ein Beispiel: Die Arbeit von Albert Einstein, in der bei ihm zum ersten Mal E = mc^2 vorkommt, hat keine einzige echte Quellenangabe, nur einen Verweis darauf, dass er selber bereits sich vorher mit dem Thema beschäftigt hatte, cf.
      https://www.spektrum.de/news/hat-albert-einstein-als-erster-e-mc2-formuliert/1368210
      Einstein, A.: „Ist die Trägheit eines Körpers von seinem Energiegehalt abhängig?“, Ann. d. Phys. 17 (1905), 639-641)

      (NB: Man kann Mathematik auch so auffassen, dass mit dem Axiomensystem auch bereits festgelegt ist, welche mathematischen Sätze „wahr“ sind und Mathematiker daher keine Neuschöpfung betreiben, sondern nur mehr festhalten „die Aussage … ist wahr“. Und dann dazu einen Beweis führen.
      Die Idee einer strikten Urheberschaft eines Gedankens kommt mehr den Geisteswissenschaften zu. Historisch gesehen wurde Mathematik vor 1900 durchaus geisteswissenschaftlich betrieben – das hat nachweislich nicht so gut funktioniert, man stieß auf allerhand Paradoxa. Seit etwa Anfang 20. Jahrhundert mit der Entwicklung der formalen Strenge ist Mathematik aber nicht mehr den Geisteswissenschaften, sondern den Formalwissenschaften zuzuordnen – einer eigenen, neueren Kategorie. Die wesentlichen Inhalte sind vor allem die Beweisgedanken, diese sind aber meistens gar nicht ausgesprochen, sondern gehen in den formalen Beweisen unter. Oft will der Autor den Beweisgedanken auch gar nicht offen aussprechen, damit das kein anderer so schnell übernimmt…)

      Man muss sich bitte auch ansehen, wie der Wortlaut in der Präambel bzw. Selbstsändigkeitserklärung in der Diplomarbeit überhaupt ist. Heute ist meistens eine Formulierung dabei, dass „keine anderen Quellen verwendet wurden“. Das war um 2000 aber vielerorts gar nicht üblich, damals war eher eine Formulierung üblich, dass „die Arbeit selbständig verfasst wurde“, also, dass niemand anderer sie geschrieben hat.

      Ich bleibe aber dabei, dass für die medizinischen Kapitel in der Diplomarbeit von Niki Popper medizinische Fachbücher herausgesucht und zitiert hätten werden müssen, und dass seitenweises wörtliches Kopieren von Internetquellen gar nicht geht und auch 2001 nicht ging.
      Ein Teil wäre dann für die Diplomarbeit durchaus auch der „Betreuung“ anzulasten, was aber an der Sachlage selber wenigs ändert. Bei der Dissertation würde es meines Erachtens aber schwerer wiegen, falls auch dort in diesem Stil gearbeitet wurde.

      Es würde mich erfahrungsgemäß aber auch sehr wundern, wenn es an der TU Wien zu einer Aberkennung des akademischen Grades kommen würde. Die TU Wien hat darin keine Tradition, hat nicht mal ordentlich funktionierende Strukturen dafür, und die Regelungen um ca. 2000 waren alle mehr als schwammig.
      (Was wurde zum Beispiel aus dem „VW-Skandal“? Wie sehr ist in der Öffentlichkeit überhaupt bekannt, dass es beim VW-Skandal eine Beteiligung der TU Wien gab, und die Staatsanwaltschaft dann Diplomarbeiten der TU Wien konfiszierte? Was kam dabei heraus? Es gibt hier wenig Tradition einer Aufklärung, meiner persönlichen Meinung nach auch wenig Tradition einer Aufklärungsbereitschaft, oft nicht einmal ein Bewusstsein für die Problematik…).
      Da kommt auf den neuen Rektor noch viel Arbeit zu.

  10. Thomas Gollackner

    Weder die Einleitung noch die beschriebenen Simulation folgen einer fundierten wissenschaftlichen Arbeitsweise. Es ist sehr bedenklich dass ein akademischer Grad dafür verliehen wurde. Endlich wurde das aufgezeigt, Danke für Darstellung. Leider wurden durch die ebenso schlecht fundierten Simulationen in der Corona Pandemie Menschen verängstigt. […, editiert]

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  11. Johannes R.Loidolt

    Bereits am Titelblatt seiner Diplomarbeit hat Herr Popper zwei schwere Fehler gemacht?
    – So ist das eben, wenn man mit einem Dutzend Rechtschreibfehlern bei der Deutsch-Matura immer noch ein „befriedigend“ bekommt!

    Zu meiner Zeit reichten bereits 4 (sic!) Beistrichfehler (sic!) aus, um durchzufallen (1972, 3. BRG, Pestalozzi, Graz). Und auch Schularbeiten – damals noch 6 pro Jahr und Hauptfach – wurden z.B. bei falscher Datumsangabe automatisch negativ beurteilt (falls man es nicht auf 8 Fehler in Latein, Deutsch und Englisch brachte, die einem auch ein „nicht genügend“ bescherten).
    Übertriebene und irrerelevante Strenge? Gar lächerlich?

    Aha. Sie würden also ohne Magenschmerzen in ein Flugzeug steigen, dessen Betreiber im Prospekt stolz verkündete:
    „Unsere Flotte besteht aus modernsten Flukzeugen mit bestausgebildete Pillot/innen“?

    Eine eigenes Proseminar für richtiges Zitieren?
    Wir hatten an der Grazer Uni eine Doppelstunde Zitiertechnik. Und bei der Dissertationsanmeldung bekamen wir eine Doppelseite in Schreibmaschinenschrift, wo die ‚Standards‘ nochmals aufgelistet waren. Punkt.
    Und heute möchte man auch noch ECTS-Punkte bloß für’s korrekte Zitieren?
    Pardon, ich habe vergessen, dass diese Punkte nicht für eine Leistung, sondern für den Arbeitsaufwand vergeben werden:–)

    Die Konsequenz ist absehbar: Bald werden sich die Universitäten ihre Studenten (pardon, STUDIERENDEN allerlei Geschlechts natürlich!) aussuchen – wie es an vielen Unis in UK und USA schon lange üblich ist.

    Gute Nacht, Österreich!

    PS: Jetzt hoffe ich natürlich, dass ich hier weniger als vier Fehler gemacht habe. Aber ich bin schon lange ein Dino, da darf man wieder … – wie in der Taferlklasse oder wie Popper & Co:–)))

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  12. Dr. Harald W. Vetter

    Eventueller geistiger Diebstahl vulgo Abschreiberei darf sich nicht mehr auszahlen, nicht zum Schaden ehrlich wissenschaftlich Arbeitender. Durch solche Machinationen ist unser Ruf als Akademiker leider nicht nur hierzulande auf einen neuerlichen Tiefstand gekommen! Man hat uns Herrn Poppers Prophezeiungen in der Vergangeheit jedenfalls beinahe bis zum Überdruß präsentiert, ja auch ein „Wissenschafter des Jahres“ könnte so zum Glück noch vom hohen Ross fallen. Dafür gebührt dem kundigen und mutigen Aufdecker Doz. Dr. Weber jeglicher Dank!

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  13. Georg Seifert

    Sg Kollege Weber
    Die von Ihnen beanstandeten Teile sind scheinbar aus der Einleitung. Ich möchte nicht sagen, dass diese nebensächlich ist aber die wichtiogsten Aspekte einer naturwissenschaftliich-technischen akademischen Arbeit sind ohne Zweifel, Methodologie, und Resultate bzw. deren Diskussion. Haben Sie Hinweise, dass diese Teile plagiiert sind? Fühlen Sie sich im Stande diese Aspekte auf deren Originalität zu überprüfen? Als Experimentalbiologe stelle ich es mir sehr schwer vor die Originalität einer fachfremde Arbeit vollständig zu würdigen. Ich fände es im übrigen nicht OK wenn Sie Gutachten veröffentlichen ohne Autoren und akademischen Betreuerinnen davor Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben. Sehe ich das falsch?
    mfG
    Georg Seifert

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    1. Stefan Weber Beitragsautor

      Lieber Herr Seifert!
      Danke für Ihren Kommentar.
      1. Plagiate befinden sich bei Popper keinesfalls nur in der Einleitung, sondern bis Kapitel 4.6, also bis zur Hälfte der Arbeit, die aus acht Kapiteln besteht.
      2. Aus dem Aufzeigen von Textplagiaten folgt keinesfalls, dass ich die Originalität der Gleichungen und des experimentellen Versuchs ebenso pauschal in Abrede stelle; ich sage nur, dass ich nicht weiß, ob ich jemandem trauen kann, der viele Seiten schnell mit Copy/Paste erzeugt hat. Die Gleichungen könnten also auch von jemand anderem oder im Kollektiv durchgeführt worden sein. Vielleicht hatte das Schreiben einer Diplomarbeit in dem Fach einen eher geringen Stellenwert, so wie das Schreiben von Dissertationen in der Medizin.
      Über den Wert der Forschung (Anwendung des Perfusionsmodells) sage ich nichts aus, das wäre in der Tat eine Selbstüberschätzung. Ich könnte das beim besten Willen gar nicht beurteilen.
      LG

    2. Stefan Weber

      Ich reiche hier noch das Inhaltsverzeichnis nach. Plagiate finden sich bis Kapitel 4.6.

  14. Helmut k

    Ich verfolgen ja Ihre Arbeit schon länger, es zeigt sich aber gerade bei diesem Fall für mich ein eklatantes Missverständnis vom Wesen von Wissenschaft generell. Denn ohne den eigentlichen Teil von Poppers Arbeit zu kennen, ist es im Prinzip völlig irrelevant ob die biologischen Beschreibungen direkt übernommen wurden oder selbst „etwas umgeschrieben“ wurden. Ein kleiner Schönheitsfehler wegen Zitat, ok, aber für das Wesen der Arbeit ohne Belang.
    Ich habe mir ja etliche der von Ihnen sonst kritisierten Arbeiten (eher geisteswissenschaftlich) angesehen, das für mich erschreckende war dabei aber nie das „plagiierte“ sondern das Niveau und der großteils nichtssagende Inhalt der Arbeiten, wo Wissenschaft als solche ins Absurde geführt wird. Wo es eigentlich um nichts anderes geht, als aus etlichen Quellen was richtig zitiert zusammenschreiben und schon ist eine „wissenschaftliche Arbeit“ entstanden. Schon seit langem bekomme ich in meinem Bekanntenkreis mit, wie stolz erzählt wird, welches Zitiersystem verwendet wird und wie sehr man sich dabei Mühe gibt. Und schon in den „vorwissenschaftlichen Arbeiten“ in den Gymnasien wird vor allem eines „gelehrt“: richtig zitieren und noch kurz „seinen Senf dazugeben“.
    Ich kann dazu nur den Kopf schütteln und sehe etwas provokant formuliert einen Großteil der Studien eigentlich nur mehr als „Zitierwissenschaften“. (Ja etwas provokant sehe ich da ausdrücklich auch die „Kommunikations- und Publikationswissenschaft“ als solche ;-)).
    Mit dem neuen Fokus auf Plagiate und Software werden zwar alle stolz richtig zitieren, am Grundproblem mangelnden wissenschaftlichen Wertes wird sich jedoch nichts ändern. Wir haben einfach das gesellschaftliche Probleme, dass aufgrund des Drucks einer immer größeren Akademisierung immer mehr irgendwie zusammengestückelte Schriftstücke erstellt werden müssen, egal ob von Wert oder nicht. Jedes Meisterstück eines Handwerksberufes hat aber wesentlich mehr Wert. Wir bräuchten statt „Plagiatsfokus“ (ein trivialer Nebenschauplatz), eine Fokus auf Wissenschaftlichkeit bzw. ansonsten vielleicht weniger sinnbefreite Produktion von reinen „Schriftstückerstellern“…. nicht umsonst werden gerade Arbeitskräfte in „praktischen“ Berufen händeringend gesucht. Diese erfahren jedoch zu wenig Achtung (ein Doktor der Naturwissenschaften).

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    1. A. L.

      Ich bin genau der gleichen Meinung. Der Teil von wissenschaftlichen Abschlussarbeiten, welcher auf eigenes methodisches Schlussfolgern und Eigenleistung zurückzuführen ist, erscheint in Relation zum Gesamtumfang der Arbeiten des öfteren verschwindend gering.

    2. Ralf Rath

      Insofern die Natur- und Technikwissenschaften stets auf einem philosophischen Denken aufgespannt sind (Haag, 2018: 14, 2. Aufl.), macht es schon einen Unterschied ums Ganze, wenn der Philosoph Jürgen Habermas in seiner Friedenspreisrede im Jahr 2001 behauptet, dass der Markt angeblich etwas Äußerliches sei (ebd.: 13) und der Industriesoziologe Michael Schumann die ökonomisch-gesellschaftlichen Mechanismen unabhängig davon als dem erfahrungsmäßig Gegebenen innewohnend bezeichnet (in: Personalführung 6/2008: 100). Orientiert sich die Regierung eines Landes an Habermas, versteigt sie sich geradewegs in die Irre gehend zu politischen Eingriffen in das globale Marktgeschehen. Richtet sie sich hingegen an der Tatsache eines allem menschlichen Handeln unter allen Umständen mitten drin steckenden und jedwedem Versuch, ihn auszuhebeln, entzogenen Mechanismus der Leistungsbegrenzung aus, kommt sie gar nicht auf die Idee, damit eine ohnehin nicht ermöglichte Leistungssteigerung des je individuellen Genius anzustreben. Täte sie es bessrem Wissen frontal zuwider trotzdem, träte noch dem versiertesten Forscher völlig unvermittelt ein früher Tod ein. Nicht von ungefähr warnte angesichts dessen der österreichische Bundespräsident erst jüngst in seiner Neujahrsansprache vor einer Vernichtung der Substanz einer Demokratie und verlangte ausdrücklich eine Generalsanierung, falls sich welche darum keinen Deut scheren.

  15. Peter

    welchen Maßstab setzen Sie an? für mein Dafürhalten wäre der richtige Maßstab jener von vor 20 Jahren, der an der jeweiligen Uni/Fakultät gepflegt wurde, insb Vorgaben durch die Uni/Fakultät für Studenten, Vergleich mit anderen Arbeiten derselben Uni/Fakultät, usw.
    Stellt sich heraus, dass damals „so“ gearbeitet wurde, kann es kein vorwerfbares Plagiat für damalige Begriffe gewesen sein. Den heutigen Maßstab anzusetzen, wäre (überzeichnet ausgedrückt) in etwa so, als ob man heutige Moralvorstellungen den antiken Griechen oder Römern vorwirft.

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    1. Andreas Slateff

      Es wurde in dieser Gruppe damals (leider) so gearbeitet. Dazu gibt es viele Beispiele. Ich selber fand das aber auch schon damals nicht ganz in Ordnung – und blieb dieser Gruppe daher bewusst fern. Die Entscheidung muss jeder für sich treffen. Jedenfalls gab es 2001 keine strengen Zitierregeln und keine Vorlesungen über „wissenschaftliches Arbeiten“, die „Plagiatsforschung“ im Stil von Stefan Weber kam erst später (etwa 2004/05?).

  16. Alexander Huber

    Sehr geehrter Hr. Weber! Weder Ihre Arbeit noch die des Herrn Popper sind irgendwie für die Menschheit relevant. Sie und Millionen andere Papiertiger, Bürokraten und Sesselabsitzer schaffen keinerlei Werte, die man im wahrsten Sinne „begreifen“ kann. Jede Putzkolonne verbrennt mehr Kalorien und erbringt mehr Leistung in Watt als Ihresgleichen. Da mein Beitrag jetzt genauso viel heisse Luft war, gehe ich nun meiner Tätigkeit als Mechaniker im Gesundheitsbereich nach und zeige meinen Nachbarn nicht wegen seiner illegalen KFZ-Pfuscherbude an. Herzlichen Dank für Ihr Denunziantentum, Alexander Huber

    Antworten
    1. Peter S.

      Interessanter Beitrag – destruktiv und schmerzhaft ignorant.
      Wenn Sie tatsächlich in der Medizintechnik arbeiten, sind Ihnen die geradezu unglaublichen Durchbrüche bekannt, die mit medizintechnischen Verfahren erreicht werden konnten. Wer hat diese Errungenschaften möglich gemacht? Richtig, es waren integer arbeitende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in mühsamer Grundlagenforschung die Basis dafür geschaffen haben. Was Herr Weber anpangert – und zwar zurecht, wie ich meine – ist das pseudowissenschaftliche Abkürzen und Plagiieren zugunsten prestigeträchtiger akademischer Titel. Wollen Sie solche Blender auf gleiche Stufe mit seriösen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern stellen? Wohl kaum.
      Dass Menschen wie Sie nun Herrn Weber Denunziantentum vorwerfen, wird er angesichts der kümmerlichen Argumentation wohl verkraften. Viel beschämender ist es jedoch, dass das österreichische Bildungs- und Wissenschaftssystem keine Selbstreinigungskräfte besitzt, sondern auf die regelmäßig wiederkehrenden Plagiatsfälle mit einem Nestbeschmutzer-Reflex reagiert.

      Aus diesem Grund: Danke Herr Weber, für Ihren Einsatz für saubere wissenschaftliche Praxis

    2. Robert Hilten

      Werter Herr Huber,
      nichts gegen eine Putzkolonne, auch nichts gegen einen Mechaniker. Nur: Ohne die geistigen Leistungen eines Newton, Gauß, Schrödinger (bekannt?), Einstein, nicht zuletzt auch Zeilinger & Co, die bestimmt nicht viel geschaffen haben, was man „begreifen“ kann, lebten wir noch in Höhlen. Keiner von so Geistesriesen wie Ihnen könnte ein Flugzeug besteigen oder sich gar vor einen PC setzen oder auch nur sein Handy einschalten. Fortschritte in der Astronomie, Physik, Biologie etc. und damit verbunden die Hochtechnologie, werden heute fast ausnahmslos von Papiertigern und Sesselsitzern gemacht – nicht von Putztigern oder gar Leuten, die nicht „begriffen“ haben, dass Technik heutzutage zu einem überwiegenden Teil nur mehr die Realisierung theoretischer Forschung ist. Und ohne die geisteswissenschaftliche Basis (genaue Sprache, logisches Denken etc.) des Einzelnen sind auch keine großen Fortschritte in den Naturwissenschaften möglich: Oder glauben Sie, die DNA-Analyse zum Beispiel, ein Segen für jeden Kommissar, wurde von einem Mechaniker im Gesundheitsbereich und seiner Putzkolonne erfunden?

    3. Forscherin

      Sehr geehrter Herr Huber,
      unabhängig vom hier dargestellten Sachverhalt: Mich würde Ihre Meinung dazu interessieren, wo beispielsweise Medizin und Mechanik ohne die von Ihnen so negativ bewerteten Papiertiger wären. Wissenschaft ist konstitutiv für die Menschheit und die Triebkraft jeder Entwicklung. „Begreifen“ lässt sich nur, was eine theoretische und konzeptionelle Basis in unserem Verständnis hat.

  17. Ralf Rath

    Das Problem der Mathematik ist ihre schon von Georg Wilhelm Friedrich Hegel kritisierte Äußerlichkeit (Phänomenologie des Geistes, Stuttgart, 2018, S. 43: Reclam). Auch Max Planck gibt zu bedenken, dass „die schärfste Logik und die genaueste mathematische Rechnung … kein einziges fruchtbares Ergebnis zeitigen (können), wenn es an einer sicher zutreffenden Voraussetzung fehlt“ (Sinn und Grenzen der exakten Wissenschaft, in: Roos/Hermann (Hg.): Vorträge, Reden, Erinnerungen, Berlin/Heidelberg, 2001, S. 173f: Springer). Bleibt insofern die Diplom-Arbeit des Simulationsforschers Niki Popper voraussetzungslos, verliert sich die von ihm vorgelegte Qualifikationsschrift in „buchstäblich nichts“ (Adorno: Negative Dialektik, Frankfurt/Main, 2018, S. 187, 8. Aufl.: Suhrkamp). Nicht nur ein etwaiges Plagiat wäre dann aufzuklären. Vielmehr müsste eine Antwort auf die Frage erfolgen, warum die TU Wien für ein offenkundig nicht in der Wirklichkeit verankertes Schreiben einen akademischen Grad verleiht.

    Antworten
    1. Andreas Slateff

      Ihr Problem wiederum ist, dass Sie uralte Philosophen wie Hegel zitieren, und dabei übersehen, dass sich die Mathematik im 20. Jahrhundert fast vollständig gewandelt hat. Die heutige Stärke der Mathematik ist die formale methodische Strenge (in Ermangelung einer experimentellen Methodik). Das war zur Zeit Hegels noch bei weitem nicht so.

  18. Dr. Franz Piribauer, MPH(Harvard)

    Ich denke Handlungen müssen immer im Zeitkontext gesehen und beurteilt werden.
    Das Internet erschien ja um das Jahr 2000 wie ein Eldorado, vor allem für die Jungen, die damit schon gut umgehen konnten.
    Nur um die Stimmung für die ganz Jungen und ganz Alten, die sich vielleicht jetzt sehr aufregen was Herr Popper gemacht hat, von damals zu beschreiben: Es war eine sharing economy, jeder nahm und schenkte aber auch. Es gab wirklich viel Wertvolles und Geteiltes was die Nerds ins Netz stellten. Es gab „Ladendiebstahl“ in Robin Hood Manier. Z.b. Reparaturanleitungen für komplizierte Machinen, Elektronik, etc. alles gratis im Internet. Seit Google, eine der reichsten Firmen der Welt, die Suchmaschinen beherrscht, ist das völlig anders. Das freie Internet ist voll mit Kommerz und viel Schund dabei. Fast alles was gut ist an Information will/muss bezahlt werden.

    Deswegen regt mit das Handeln von Herrn Popper nicht auf. Wenn er gut arbeiten gelernt hat, seit 2000, ist mir das viel wichtiger, als seine Naivität – oder Geschicklichkeit – oder Geschwindigkeitsübung in der damaligen Zeit 50% des Textes seiner Dimplomarbeit aufzufüllen. Heute würde es so etwas sicher nicht mehr machen.

    Antworten
    1. Kurt Usar

      das ist sehr verständnisvoll,sehr…die Texte sind ja ganz offenkundig aus einem Lehrbuch abkopiert..das aufzufinden dürfte auch damals keine Herkulesaufgabe gewesen sein; also ich finde es schon ein wenig unschön,wenn gut 30 % oder mehr einer akademischen Abschlussarbeit binnen-naja-30 Minuten „entstanden“ sind; aber gut, in Harvard war ich nie,ich bin verknöchert offenbar

  19. Forscherin

    Sie schreiben einleitend: „Es wurden simpel Texte aus Webquellen wie etwa dieser (Lawrence, 1999) in die Diplomarbeit hineinkopiert, 1:1.“ Leider geben Sie sonst keine Referenztexte an, von denen angeblich plagiiert wurde, damit man sich selbst ein Bild machen kann.
    Sind alle von der Software erkannten roten Färbelungen tatsächlich 1:1-Plagiate (also wortwörtlich) oder handelt es sich um Paraphrasen?

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  20. Chritan Noy-Äther

    Als Student des gleichen Faches zur gleichen Zeit (ich erinnere mich, den Kollegen P. in einer oder zwei Lehrveranstaltungen an der TU Wien gesehen zu haben) wollte ich zur Einordnung schon anführen, ohne die Plagiatsfragmente von oben angesehen zu haben und ohne das Vorgehen des Kollegen verteidigen zu wollen:
    * Es wurde damals an der TU Wien den Studenten durch keine verpflichtende Lehrveranstaltung wissenschaftliches Arbeiten vermittelt (zumindest nicht in meinem Fach, aber vermutlich auch in keinem anderen).
    * Ich glaube sogar, dass an der TU Wien damals gar keine entsprechende Lehrveranstaltung angeboten wurde.
    Es war somit nach meiner Erinnerung dem Betreuer oder dem Diplomanden überlassen.
    * Durch facheinschlägige Studientexte war man (zumindest damals) nicht an Zitate gewöhnt – nach meiner Erinnerung.

    Ich persönlich würde es auch deshalb bevorzugen, wenn – zumindest in mathematisch-naturwissenschaftlichen Arbeiten – insbesondere jenen älteren Datums – nicht allein darauf abgestellt wird, ob / wie viele Plagiatsfragmente gefunden werden, sondern welche Bedeutung diese Plagiatsfragmente für die Arbeit haben (bleiben eigene anerkennenswerte fachliche Erkenntnisse des Autors?), wozu es aber wohl fachlicher Expertise im Plagiatsprüfungsverfahren bedarf.

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    1. Stefan Weber Beitragsautor

      Gebe Ihnen völlig Recht. Das war sicherlich vor 20 Jahren noch ein großes Manko. Aber genau das will ich ja aufzeigen: dass eben auch in Fächern, in denen die Themen „Zitat“ und „Plagiat“ kaum oder gar keine Rolle spielten, Seiten mit der Copy & Paste-Methode ohne Quellennennungen befüllt wurden. Es war übrigens in der Medizin sehr ähnlich: Dem Thema „Zitieren in der Medizin“ wurde kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Es ist eine gute Entwicklung, wenn sich das jetzt ändert. Auch in den Rechtswissenschaften ist man sensibler geworden, was wörtliche Übernahmen anbelangt.

    2. Stefan L.

      Entsprechende Lehrveranstaltungen? Wozu gibt es denn Betreuer? Deren Aufgabe sollte es doch sein, wissenschaftliches Arbeiten zu vermitteln und gegebenenfalls korrigierend einzugreifen.

    3. Andreas Slateff

      Stefan L.: Betreuer haben keine Zeit. Der „Normalfall“ ist leider, dass Diplomanden als „Zuarbeiter“ für die wissenschaftliche Arbeit der sogenannten „Betreuer“ missbraucht werden. Oft auch, ohne zitiert zu werden. Die „Betreuer“ sind praktisch gezwungen, sich intensiv und in erster Linie um ihre eigene wissenschafltiche Karriere zu kümmern. Lehrtätigkeit oder Betreuung ist dafür kaum etwas wert, es zählt nur die Anzahl der durchgebrachten Diplomanden. Wenn Sie in 3 Jahren 50 Diplomanden hatte, die alle sehr miese Arbeiten geschrieben haben, bringt Ihnen das in der wissenschaftlichen Karriere aufgrund der neumodischen Erbsenzählerei wesentlich mehr, als wenn Sie nur 3 Diplomanden aber mit super Arbeiten hatten.

      In STEM-Fächern ist Betreuung meistens nur inhaltlich

    4. Andreas Slateff

      Herr Weber, die Diplomarbeit von Niki Popper ist überhaupt keine typische mathematische Arbeit. Sie ist mehr intersdisziplinär anzusiedeln, vielleicht als Simulation in Physiologie. Das Verwenden von Formeln oder Zahlen alleine macht noch keine Mathematik aus.
      Die Methodik der Mathematik ist der mathematische Beweis.

      Damals wurden mathematische Simulationen am Computer oft von („angewandten“) Mathematikern durchgeführt, heute sind es meist die Fachwissenschaftler selber. Beides finde ich nicht der Weisheit letzter Schluss.
      Denn den Mathematikern fehlt typischerweise das Wissen (und die Methodik) der Fachwissenschaft, den Fachwissenschaftlenr fehlt aber wieder das Wissen und die Methodik der Mathematik. Typisches Beispiel: Geradezu massenweise werden in Psychologie, Biologie oder Medizin statistische Auswertungen durchgeführt, ohne dass Statistiker oder Mathematiker (mit entsprechender statistischer Ausbildung) daran beteiligt wären.

      Die Fundierung ist dann meistens nur selbstreferenziell: Es sei in diesem Fach gegenwärtig üblich, so zu arbeiten.

    5. E.Tom

      Wohin mit der heißen Kartoffel?

      Es ist natürlich immer der einfachste Weg die Schuld bei den Anderen (dem/der Betreuer/-in oder dem Curriculum) zu suchen. Ich bin der Meinung, man kann und muss von einem angehenden Akademiker, und wir sprechen hier idR von zumindest jungen Erwachsenen, ein Mindestmaß an Eigenverantwortung und soviel wissenschaftlicher Redlichkeit voraussetzen und verlangen um nicht jeden Satz auf Plagiate prüfen zu müssen und gleich jeden unter Generalverdacht zu stellen. Abschreiben war doch schon in der Volksschule verboten, dass ist doch nichts Neues. Muss man das dann wirklich Studierenden nochmal in eigenen Vorlesungen und Seminaren erklären. Die Aufgabe des Betreuers liegt doch nicht darin als Plagiatsjäger zu fungieren. Es bedarf mMn auch erst keines spezifisch festgelegten Regelwerkes um zu wissen, welches Verhalten erlaubt und unerlaubt ist.

      Machen wir uns doch nichts vor: Es war zu jeder Zeit allen klar wie und mit welchen Mitteln Leistung erschlichen werden kann. Man hat halt immer gehofft man kommt damit durch und oft hats funktioniert aber manchmal eben nicht.

  21. Interessierter Leser

    Krass! Hat Niki Popper hier auch selbst etwas programmiert oder simuliert (wie der Titel der Arbeit suggeriert) oder ist das einfach nur eine Literaturrecherche über verschiedene Simulationsmodelle der Atmung? Letzteres wäre für eine Abschlussarbeit in Mathematik sehr ungewöhnlich.

    Antworten
    1. Stefan Weber Beitragsautor

      Bis inkl. Kap. 4 finden sich in der Diplomarbeit die hier aufgezeigten Plagiate. Das ist fast die Hälfte der gesamten Arbeit, abzüglich Anhang, References usw.
      Dann werden in Kapitel 5, 6 und 7 drei Modelle skizziert, wobei sich Popper hier auch immer wieder stark an Literatur anlehnt, auch bei Gleichungen. Die Übernahmen sind hier aber mit der numerischen Zitierweise belegt, allerdings ist teilweise schon sehr wörtlich übernommen worden. Inwieweit die Berechnungen hier bereits am Institut von Kollegen erfolgten, kann bei einem Gemeinschaftsprojekt kaum bestimmt werden.

      Vielleicht hilft Ihnen das Abstract weiter:

      „Since the Mid-Ninties a group at the Institue for Analysis and Technical Mathematics, Department for Simulation Technique is working on the Modelling and Simulation of physiological processes. One of the projects is to combine an implemented version of Grodins model of the respiratory system [GBB67] with a new developed multi-compartment model of the lung. A new model aspect that appears with the division of the lung in compartments is the influence of the distribution of perfusion to the gas supply of the body. This work is dedicated to this problem. The focus is on the pulmonary vascular system (low pressure system) and the diffusion
      process in lung, tissue and brain.“

    2. Interessierter Leser

      Der Abstract sagt einem nicht viel. Es ist nicht ersichtlich welche Erkenntnisse gewonnen wurden. Das ist nie ein gutes Zeichen.

  22. Thomas Bauer

    Unglaublich frivol. Dann lässt sich der Mann auch noch als Experte feiern! Danke Stefan, dass Du Dir diese undankbare Arbeit antust!

    Antworten
    1. Stefan Weber Beitragsautor

      Undankbar und unbezahlt. Aber ungemein spannend. Die Diplomarbeit von Herrn Popper habe ich schon im Februar 2021 bestellt, kurz nach dem Fall Aschbacher. Ich staune dann selbst immer wieder, welche „verborgenen Schätze“ bei mir herumliegen. Auf jeden Fall werde ich jetzt pünktlich zum „Seepocken-Jahrestag“ (08.01.) einen österreichischen Plagiator outen. Die Kandidat*innen für 2024 und 2025 stehen schon fest. Weitere Nominierungen nehme ich mit Interesse entgegen!

    2. Kurt Usar

      das Abstract ist auch bemerkenswert…einerseits kann sich der Ersteller nicht entscheiden,ob er englische „Hauptworte“ gross oder klein beginnt u der letzte Satz ist kryptisch…. „and the diffusion process in lung, tissue (what tissue?) and brain….-two organs,one tissue,strange indeed..

    3. Andreas Slateff

      Kurt Usar: Das ist auch irrelevant. Damals war es überhaupt schon ein Fortschritt – und im deutschsprachigen Raum ein Novum -, dass überhaupt Fächer in englischer Sprache absolviert wurden. Bei Prüfungen, die in englischer Sprache abgehalten wurden, also auch bei den wissenschaftlichen Abschlussarbeiten, war die Qualität der englischen Sprache ausdrücklich kein Kriterium für die Beurteilung.

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