Wer ist die Dreifach-Akademikerin, die Bundeskanzler Sebastian Kurz stürzte?

Vorneweg: Ich bin fasziniert von der Arbeit der österreichischen Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA). Meinen Recherchen zufolge gibt es eine Spezialstaatsanwaltschaft dieser Art nur in wenigen anderen Ländern, auch in Deutschland etwa nur vereinzelt in einigen Bundesländern. Die WKStA ist so etwas wie der institutionalisierte Stefan Weber gegen Korruption in Politik und Wirtschaft, die „bessere ÖAWI“ für diese sozialen Systeme. Ich habe mir sogar schon oft überlegt, der WKStA vorzuschlagen, ihre „Geschäftsfelder“ auch auf Hochschulkorruption auszudehnen oder ihr einige „meiner“ Plagiatsfälle zu schicken – in der Hoffnung, dass diese ehrlicher behandelt werden als von der ÖAWI. Und wir arbeiten ähnlich: Wir blicken mit digitalen Methoden in die Vergangenheit, sichern digitale Spuren (hier Handy-Chats, da Text-Übereinstimmungen) und fördern so Dinge zu Tage, von denen sich früher niemand gedacht hätte, dass sie einmal das Licht der Öffentlichkeit erblicken werden.

Am Donnerstag, den 07.10.21, also einen Tag nach dem Doomsday für Sebastian Kurz und sein Team, erhielt ich vom Chefredakteur des „Falter“, Florian Klenk, mit dem ich mich schon seit langem via WhatsApp austausche und der auf meinem Medienverteiler steht, den Auswertungs- und Analysebericht zum „Beinschab ÖSTERREICH Tool“ in jeweils ungeschwärzter Fassung. Schon am Briefkopf des Auswertungsberichts ist da ein Name, der mich naturgemäß sofort interessierte (der Name wird hier im Blog in allen Varianten immer abgekürzt dargestellt): „MMag. S. C. B., LL.M.“. Auf S. 3 des Auswertungsberichts wird festgestellt, dass es erst der (wörtlich in der Überschrift) „Zufallsfund“ dieser Mitarbeiterin der WKStA war, der zum Verdacht der Inseratenkorruption führte:

„Im Zuge der umfangreichen, über (vernetzte) Sichtung zahlreicher Chats erfolgte Datenauswertung ergab sich eine zusätzliche weitere Verdachtslage, zu der MMag. S. C. B., LL.M. nach Rücksprache mit den staatsanwaltschaftlichen Sachbearbeitern nach Durchführung weiterer Datenauswertungen entsprechende Ergebnisse festhält: […]“

Die Dreifach-Akademikerin mit dem Dreifach-Nachnamen

Nun war mein Interesse an dieser Mitarbeiterin geweckt und ich machte das, was ich immer mache: Ich google den Namen und interessiere mich für die akademischen Abschlussarbeiten. Erstaunen Nummer 1: Wenn man den vollen Namen unter Anführungszeichen googelt, kommen weltweit nur zwei Funde. Erstens ein „Falter“-Artikel vom 31.03.21, in dem der Klarname S. C. B. von Florian Klenk genannt wird (er war also schon damals im Besitz ungeschwärzter Akten), und zweitens ein acht Jahre altes Facebook-Posting. Klickt man auf dieses Facebook-Posting, stellt man fest, dass dieses ursprünglich unter einem anderen Nachnamen angelegt wurde, der in der Profil-URL noch sichtbar ist. Ruft man die Nachricht auf, erscheint ein dritter Nachname im Pofil, die Ermittlerin heißt nun „S. C. A.“. Dieser Nachname ist identisch mit dem jenes Oberstaatsanwalts der WKStA, der schon Ankläger bei Heinz Schaden und Sebastian Kurz war. Er likte auch schon vor Jahren das Foto von S. C. A. alias S. C. B.. Erstaunen Nummer 2: Es gibt in Österreich keine akademischen Abschlussarbeiten einer S. C. B., sehr wohl aber einer S. C., wieder mit anderem Nachnamen. – Eigentlich eine ganz simple Google-, Social-Media- und Datenbank-Recherche.

Wie der „exxpress“ auf meine Recherchen aufmerksam wurde

Ich schrieb in diesem Blog etwas zu S. C. B. mit voller Namensnennung, aber Florian Klenk bat mich eindringlich, die Passagen zu löschen, weil ich damit die Ermittlerin und die Ermittlungen gefährden würde. Außerdem habe er mir die Akten ungeschwärzt übermittelt, und zum Zeitpunkt der Übermittlung hatte noch kaum ein Journalist diesen Informationsstand. Ich kam seiner Bitte nach und sah ein, dass ich wohl zu tief in die Boulevardkiste gegriffen habe (in mir tickt immer auch der ehemalige Boulevardjournalist).

Diesen Samstag machte ich eine Anspielung auf den Fall auf Twitter, aus Anlass der Dienstfreistellung des „Bild“-Chefredakteurs Julian Reichelt. Ich fragte in meinem Tweet, welche Beziehungen in einer Arbeitshierarchie „legitim“ seien und welche nicht und erwähnte das mögliche Problem im WKStA-Ermittlerteam. Einige Stunden später rief der „exxpress“ bei mir an. Der Rest ist im „exxpress“ und auf Twitter nachzulesen.

Es gibt so etwas wie ein Grundgesetz: Sobald ich über eine „Reichshälfte“ recherchiere, wird geglaubt, dass ich von der anderen bezahlt werde. Schon Christian Kern wollte mir im persönlichen Gespräch nicht glauben, dass ich seine publizistikwissenschaftliche Diplomarbeit aus reiner Neugierde und reinem Interesse gelesen und geprüft habe. Bei Baerbock hieß es, mich würde die CDU bezahlen. Nun glaubt man, ich wäre von ÖVP und „exxpress“ finanziert. Es ist alles Unsinn.

In Wahrheit recherchiere ich einfach zu Themen, die ich interessant finde. Ganz in der Tradition des Bloggens. Es ist in der Tat mein unbezahltes Hobby. Ich decke dabei manchmal Dinge auf, bei denen Journalist*innen nicht weit genug vorgedrungen sind, wie im Fall Baerbock oder vielleicht nun in der Frage nach der Compliance in der WKStA. Ein bisschen kümmere ich mich, ganz in der Tradition des verflossenen „Addendum“, um „das, was fehlt“.

Berichte am 23.09. zuletzt geändert, knapp zwei Stunden später weiß es Böhmermann

Was ich abseits der Compliance-Frage zu einer Liebesbeziehung in einer Hierarchie eines Ermittlerteams aber für sehr aufklärungswürdig halte, ist die Frage der Metadaten: Das File, das ich von Florian Klenk erhalten habe, wurde am 23.09.2021 zuletzt geändert. Nur knapp zwei Stunden später zeichnete Jan Böhmermann seine ZDF-Satireshow auf (Sendetermin 24.09.), in der er bekanntlich sagte: „Sebastian Kurz! I hoff, Du hast Dein Zimmer aufgräumt. I drück di gonz fest und i drück da die Daumen für die kommenden Wochn, Sebl. Du weißt scho, worums geht, gell?“

Man kann deshalb durchaus mit einiger Evidenz die Hypothese aufstellen, dass beide PDF-Files, Auswertungs- und Analysebericht, zum Versand an Böhmermann von jemandem erstellt wurden, lange bevor sie für die Verfahrensbeteiligten im digitalen Akt gelandet sind. Und diese Dateien könnten von derselben Person auch an Florian Klenk geschickt worden sein.

16 Kommentare zu “Wer ist die Dreifach-Akademikerin, die Bundeskanzler Sebastian Kurz stürzte?

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  1. Tagedieb

    „Wer ist die Dreifach-Akademikerin, die Bundeskanzler Sebastian Kurz stürzte?“

    Weshalb ist der Name von Interesse? Wenn es darum geht, mögliche informelle, nicht rechtstaatlich abgedeckte Beziehungen zwischen verschiedenen staatlichen und/oder nichtstaatlichen Organen aufzudecken, die möglicherweise im Stile einer Seilschaft zum Sturz von Sebastian Kurz aus seinem Kanzleramt geführt haben, dann kann man das ganz konkret benennen. Weshalb also dieses aus meiner Sicht Geschwafel.

    Wenn Sie bereits im Besitz des Namens sind, dann läuft dieser Artikel für mich darauf hinaus, dass andere Stellen diesen Namen nennen sollen, die Person damit verbrannt und unglaubhaft wird, und sie dann nachziehen können.

    Abgesehen davon scheinen Herr Kurz und seine Mitarbeiter ja tatsächlich gewaltig am Spin-Rad zu Gunsten von Herrn Kurz gedreht zu haben.

    Dieser Artikel ist aus meiner Sicht unredlich.

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    1. Daniel Asher Reigenhoff, M.A.

      an Heinrich Unger und Herbert Willi:
      Ich musste gerade noch etwas telefonieren, um es konkreter zu bekommen. Es gibt 2 Aussagen von Insidern in Bezug auf die WKStA. Beide getätigt im Winter 2021. Demnach wertet die WKStA bereits seit dem Mai 2017 Chats aus, also 2 Monate vor dem Ibiza-Dreh. Nach der anderen Aussage beginnen die Ermittlungen erst im Sommer 2018, damit immerhin fast ein Jahr VOR der Veröffentlichung des Ibiza-Videos im Mai 2019. Die ersten Auswertungen beziehen sich auf die innerparteiliche Situation der ÖVP, während Kurz darum bemüht war, den Vorsitz von Mitterlehner zu übernehmen.
      PS: Bei der Gelegenheit korrigiere ich meinen Kommentar ggü. Herbert Willi, wo ich fälschlicherweise von „März 2017“ sprach.

  2. Mark Aurelia

    Im ernst? Die WKSTA ermittelt wegen der Obmann Ablöse in der ÖVP2017? Das wird immer skurriler! Die einzige Spur im Netz führt zu den Neos.

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    1. Daniel Asher Reigenhoff, M.A.

      In diesem Zusammenhang wäre es gut, wenn sich Herr Gudenus dazu äußern würde, ob er im Frühjahr 2017 Herrn Hessenthaler gegenüber eine Bemerkung in Bezug auf Gerüchte wegen angeblich bestellter Meinungsumfragen getätigt hat. Zweitens wäre es in diesem Zusammenhang gut, wenn sich Herr Strache dazu äußern könnte, seit wann die WKStA bereits gegen ihn ermittelt. Man wird überrascht sein. Aber es ist nun einmal so, dass es Aussagen gibt, dass dies bereits Monate vor dem Ibiza-Dreh der Fall war. Und abschließend zum Stichwort NEOS: Ja, es fällt auf, dass es in Zusammenhang mit polizeilichen Ermittlungen bezüglich der Ibiza-Video-Produktion (besser: des späteren mediengerechten Video-Zusammenschnitts) keine intensivere Befragung eines hohen damaligen NEO-Funktionärs gegeben hatte, obwohl bereits von Herrn Surowiec öffentlich einen äußerst markanten Zusammenhang beschrieben hatte, was den Ermittlungsbehörden nicht entgangen sein konnte.

  3. Daniel Asher Reigenhoff, M.A.

    Bitte überprüfen Sie die beiden folgenden Texte auf korrekte Zitation sowie eventueller (nichtzitierter) Übereinstimmungen:
    1. „EU-Erweiterung und Alpentransit“ – Herausgegeben von der Arbeiterkammer Wien, 2003 – Auszug: „…auf die sich die vorliegende Publikation bezieht, war es daher, auf der Basis neuer Untersuchungen und Prognosen politische und rechtliche Handlungsspielräume für eine (…) österreichische und europäische Verkehrspolitik zu identifizieren und damit auch indirekt die Verhandlungen über die Bedingungen der EU-Erweiterung und eine Verlängerung bzw. Nachfolgelösung des Transitvertrages (…) zu beeinflussen“ – Link: https://www.arbeiterkammer.at/infopool/wien/Verkehr_und_Infrastruktur_16.pdf
    2. „Der europarechtliche Handlungsspielraum der Republik Österreich im Zusammenhang mit dem Auslaufen des Transitvertrags“ – Verfasserin: [N.N.], 2005 – Univ. Angaben: Wien, Dipl.-Arb. – Wirtschaftsuniversität Wien | Department für Unternehmensrecht, Arbeits- und Sozialrecht | Institut für Österreichisches und Europäisches Arbeitsrecht und Sozialrecht | Arbeits- und Sozialrecht – Begutachter: Lienbacher, Georg – Signatur/Inv-Nr.: 1769231-C NEU MAG

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    1. Stefan Weber Beitragsautor

      Danke! Die Diplomarbeit liegt mir schon vor. Eine übliche rechtswissenschaftliche Diplomarbeit. Danke für das Vergleichsdokument, das werde ich natürlich mit WCopyfind prüfen.

  4. Maximilian Mertens

    Abseits der meisten Fragestellungen muss ich jedoch sagen das ihre „Meta-Daten Analyse“ hinterfragen.
    Das Dokument zeigt Erstellungs- und Änderungswert aus dem Dateisystem

    Das sind keine geschützten sondern triviale Metadaten – die man jederzeit ohne irgendein know-how ändern kann und wo diverse Systeme das auch ständig machen. Viele Dokumentenmanagement Systeme adaptieren den Timestamp damit man Änderungen leichter findet. Auch Manch ein File-Sync Tool macht das beim Merge Prozess um dauerhafte Merge Anfragen zu stoppen. Ich kenne mindestens 3 open source tools die das tun

    Außerdem fehlt mir hier aus der Zeitpunkt irgendeine Verbindung zu Herrn Böhmermann

    das letzte Argument ist also kaum auf irgendeiner evidenz basierend
    es wirkt leider eher so als wären sie hier schwanger gegangen mit dem gedanken es gäbe eine verbindung

    hg

    Max

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    1. Stefan Weber Beitragsautor

      Danke für die Hinweise. Sie glauben aber jetzt nicht ernstlich, dass jemand einen Metadaten-Editor verwendet hat, um die PDF-Files „zurückzudatieren“? Überschätzen Sie nicht die IT-Kompetenz der WKStA. Ich habe heute Files gesichert, die allesamt Verfassernamen in den Metadaten tragen. Die gehören dort bei Behördenkommunikation eigentlich gar nicht hin. In einem der beiden Beinschab-Berichte war sogar noch ein Kommentar drinnen.

  5. Jakob Arnim

    Wahrscheinlich steht in den Metadaten der alte Name, weil er automatisch aus dem Usernamen des Systems übernommen wird und der noch nicht geändert ist. Was sollte damit auch verschleiert werden?

    Generell ist mir nach der Lektüre nicht klar, was Sie hier „aufgedeckt“ haben wollen.

    Antworten
  6. Herbert Willi

    Auf die Idee, dass der Original-Facebook-Name (Be..) ihr Mädchenname ist, der zweite Name (Bo..) aus ihrer ersten Ehe stammt und sie erst seit kurzem durch neuerliche Heirat A. heisst, sind Sie Superdetektiv wohl noch nicht gekommen. Aber klar, ist ein riesen Skandal, Sie sind da etwas ganz Grossem auf der Spur.

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    1. Stefan Weber Beitragsautor

      Lieber Herr Herbert! Doch, genau davon gehe ich aus. Aber warum ist der Name A. dann nicht auf den aktuellen Ermittlungsakten zu lesen? Warum steht dort der Name B.? Verschleierung?

    2. Daniel Asher Reigenhoff, M.A.

      …an Herbert Willi:
      Das dachte ich auch schon. Aber wissen Sie, was das andererseits bedeutet? Nun… Wurde nicht gesagt, dass der Nachname „[N.N.]“ zum Schutz der Dame nur gesetzt wurde, sie aber anders heiße. Hmm… Bereits 2018 firmierte sie privat unter dem Namen „[N.N.]“ (nachweisbar durch Internet-Links), als sie schon Kontakt zur WKStA hatte. Entweder also war sie bereits 2018 investigativ für die WKStA tätig oder sie war nie mit einem anderem Namen zu ihrem Schutz ausgestattet worden, weil man es – entgegen der jetzigen Darstellung – nicht für nötig befand. Ich glaube (bin aber nicht sicher), dass Klenk so was gesagt hatte.
      Ersteres würde aber viel besser passen. Denn es gibt zwei Hinweise dafür, dass bereits seit März 2017 durch die WKStA in der ganzen Angelegenheit (vordergründig Strache, hintergründig Kurz, wegen seines Strebens auf Abwahl Mitterlehners) ermittelt wird. Zum Einen eine Zeugenaussage, die deutschen Ermittlern vorliegt und zum Anderen einen amateurmäßig ausgeführten Verschleierungs-Versuch auf der Basis einer strafprozessualen Findigkeit. Lassen Sie sich überraschen. Das kommt alles raus.

    3. Daniel Asher Reigenhoff, M.A.

      Korrektur: Es muss heißen „Mai 2017“ — Siehe auch oben meine Antwort an Heinrich Unger

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