Die Rückmeldungen zu meinem Blogbeitrag von vorgestern waren:
- „Die ham ’nen Knall!“
- „Die spinnen, die Römer!“
- „Komplett verrückt!“
- „Es verleidet einem leider die Kultur, wenn man ständig damit rechnen muss, indoktriniert zu werden.“
- „Einfach nur noch irre.“
Ich habe mich nun mit zwei Fotos, die ich vor Ort gemacht habe, intensiver beschäftigt und mir ist jetzt noch etwas aufgefallen: Offenbar führt das brachiale Eingreifen der Sprachpolizei auch zu einem Umschreiben von (einigermaßen gesichert gewusster) Geschichte. Das wäre zwar durchaus kompatibel mit meinem Nicht-objektierenden Denken. Aber dieses hat es halt immer dann sehr schwer, wenn die neue Erzählung eine völlig solipsistische ist.
Waren die Hexenverbrennungen nur ein „Vorwand“?

Hier steht, dass „Menschen unter dem Vorwand eine Hexe zu sein verfolgt und ermordet“ wurden. In meinem ersten Blogbeitrag habe ich nur angemerkt, dass hier zwei Beistriche fehlen. Was aber heißt „… unter dem Vorwand…“? Das würde ja bedeuten, dass die Menschen in der frühen Neuzeit gewusst hätten, dass Hexen nicht real sind, dass sie also Frauen aus einer anderen Motivlage heraus gequält, gefoltert und schließlich grausam getötet hätten – etwa, weil sie reine Sadisten oder Frauenhasser gewesen wären oder aus Gründen der bloßen Machtdemonstration. Ich fand dafür in der Literatur keinen einzigen Hinweis. Vielmehr las ich überall, dass es dem damaligen Glauben entsprach, dass Menschen vom Teufel, der als reale Macht galt, befallen werden könnten, was sich in der Frau eben als Hexe inkarnierte. Dass dies damals alles prä-emanzipatorische Frauensadisten gewesen wären, die nur etwas vorgeschützt hätten, dürfte – bei aller Vorsicht – eine heutige Interpretation sein. Gibt es für diese historische Quellen, die ich übersehen habe? Ich lerne gerne dazu!
Gab es jemals Perchtenläufe zwischen 6. Januar und Faschingsdienstag?

Auch hier habe ich mich in meinem ersten Blogbeitrag auf die Absurdität des Zurschaustellens einer geklonten Maske konzentriert. Erst jetzt sehe ich, dass hier im ersten Satz von „Perchtenläufen in der Faschingszeit (6. Jänner bis Faschingsdienstag)“ die Rede ist. – Nun, dieses Thema verfolge ich seit Jahren, da habe ich einiges an Literatur gesammelt. Abgesehen davon, dass der Fasching traditionell bereits am 11. November und erst der „Kernfasching“ am 6. Januar beginnt, fand ich nirgendwo einen Hinweis, dass der Salzburger Perchtenbrauch jemals etwas mit der Faschingszeit im hier definierten Sinne zu tun gehabt hätte. Perchtenläufe fanden offenbar in früheren Jahrhunderten zur Zeit der Raunächte statt, der 6. Januar galt auch als der „Perchtentag“ – und dann war Schluss. Ich fand keinen Hinweis auf Perchtenläufe zwischen dem 6. Januar und dem Faschingsdienstag. Kann es sein, dass auch hier der ideologische Wunsch Vater der Textierung mit der Folge einer weiteren Geschichtsfälschung war? Man hatte in einen anderen Beipackzettel ja den Perchtenbrauch in die Nähe aktueller Live Action Role Plays gerückt. Vielleicht hat man in der Folge heidnische Fruchtbarkeits- und Winteraustreibungsrituale mit der Faschingsgaudi verwechselt. Auch hier: Historiker mögen mich aufklären, ich lerne stets gerne dazu.
Sollten beide Darstellungen hingegen nachweislich falsch sein, würde man sehen, wohin die Wokistan-Ideologie letztlich führt: zur Umschreibung von Geschichte, zur Desinformation. Und das sieht man etwa mittlerweile bereits jeden Tag in Deutschland.
Update: ChatGPT sagt mit nicht-halluzinierten Quellen, dass beide historischen Informationen falsch seien.
Was hier als moralische Intervention daherkommt, ist bei näherer Betrachtung vor allem eines: ein ausgedehnter Redefluss, der sich selbst für Erkenntnis hält. Man liest, man nickt gelegentlich, man wartet auf den Punkt – und stellt irgendwann fest, dass der Punkt offenbar unterwegs verloren gegangen ist. Nicht im Sinne eines Arguments, sondern im Sinne eines Abschlusses.
In der Medizin gibt es für dieses Phänomen einen nüchternen Begriff: Logorrhoe. Gemeint ist kein Mangel an Intelligenz, sondern ein Übermaß an unkontrollierter Sprache. Worte strömen ungebremst, während die dazugehörigen Gedanken höflich vor der Tür warten – und dann doch nicht hereingelassen werden. Moral ersetzt Analyse, Lautstärke ersetzt Struktur, das gute Gewissen übernimmt die Funktion des roten Fadens.
Der Text arbeitet sich weniger an der Realität ab als an sich selbst. Er erklärt, bewertet, mahnt, sortiert ein – allerdings ohne jene lästige Selbstbeschränkung, die Denken normalerweise auszeichnet. Wer viel sagt, muss nicht zwingend viel zu sagen haben. Und wer permanent moralisch funkt, sendet irgendwann nur noch Rauschen.
Bemerkenswert ist dabei weniger der moralische Anspruch als seine Inflation. Wenn alles moralisch aufgeladen ist, ist am Ende nichts mehr erklärungsbedürftig. Differenzierung gilt dann als Verdacht, Zweifel als Charakterschwäche und Präzision als Zumutung. Der Text redet viel über Haltung – und erstaunlich wenig über Maß.
Man könnte milde sein und sagen: gut gemeint. Man könnte strenger sein und sagen: schlecht gedacht. Treffender ist vermutlich: zu viel gesprochen. Nicht jedes Thema verlangt nach Dauerkommentar, und nicht jede innere Regung muss publizistisch verwertet werden.
Kurzum: kein Mangel an Moral, sondern ein Überangebot an Worten. Und manchmal ist Schweigen nicht Feigheit, sondern die letzte verbliebene Form geistiger Hygiene.
Die Argumentationslinie der Ausstellungstexte ist konstruiert und inhaltlich nicht belastbar. Die moralische Metasprache wird hier fälschlich der beschimpfenden Person zugeschrieben. Das verzerrt den Sachverhalt und führt zu analytischen Fehlgriffen.
So ist es.
Perchtenläufe gehören nicht zur Faschingszeit. Sie finden in der Regel in der Rauhnachtszeit statt, also zwischen Weihnachten und dem 6. Jänner.
Der Fasching beginnt offiziell am 11. November und dauert bis zum Faschingsdienstag, aber die Perchtenläufe sind ein eigenständiger Winterbrauch mit Wurzeln im heidnischen und alpenländischen Jahreslauf, nicht im Karneval.
Kurz: Die Aussage im Text ist in diesem Punkt falsch.
Das sehe ich auch so. Ich denke mittlerweile, dass die meisten Texte dieser Sonderausstellung sprachlich und/oder inhaltlich falsch sind. Es würdigt auch niemand eine Person „in Abgrenzung zu Fantasiewesen“ als „Hexe“ herab. Diese Abgrenzung nimmt nicht der aktiv (meist nicht einmal unterschwellig) vor, der eine Frau als „Hexe“ beschimpft. Vielmehr wird die Abgrenzung von dem vorgenommen, der dies moralisch einordnet (Metasprache).