STELLUNGNAHME

Das präzise analytische Differenzierungsvermögen, das die große historische Errungenschaft der Aufklärung war und seit Leibniz und Kant unser Denken bestimmen sollte, wurde komplett durch einen Rechts/Links-Tunnelblick ersetzt, wobei „Hass und Hetze“ beiden Seiten attestiert werden muss, wenngleich vielleicht nicht in gleicher Stärke. Ein Großteil der Journalisten ist davon infiziert, nur noch ganz wenige können rational und klar denken und sind äquidistant kritisch.

Entscheidend für das menschliche Differenzierungsvermögen waren allerdings Unterscheidungen wie etwa:

  • Genese (Entstehungszusammenhang, Motiv) versus Geltung (Begründungszusammenhang, Sachverhalt)
  • Beziehungsebene versus Inhaltsebene

Ich erlebte in den vergangenen Wochen eine systematische Vermischung bzw. Ignoranz dieser Unterscheidungen auch bei führenden Kommentatoren. Eine rühmliche Ausnahme ist der Text von Mathias Brodkorb in Cicero. Eigentlich sollte er für jeden Haltungsjournalisten eine Lehre sein.

Der Relativismus und der Nondualismus der Wissenschaft können einerseits als Warnungen vor unhinterfragten Rechts/Links-Dichotomisierungen verstanden werden. Sie sind andererseits aber auch Gift im Sinne theoretischer Legitimierungen eines Verlusts des Faktensubstrats und damit der Unterscheidung von Faktizität und Interpretation überhaupt: Wenn alles zur Konstruktion oder Interpretation erklärt wird, können wir über nichts mehr rational sprechen. „Postfaktizität“ trifft dabei Linke wie Trumpisten, es ist ein Lied. Jede Auseinandersetzung über ein Thema gerät in eine Pattsituation. Es gibt zwei Wirklichkeiten von allem: Deutschland ist bankrott oder nicht. Deutschland steht schlecht da oder gut. Migranten belasten die Sicherungssysteme (AfD) oder finanzieren sie erst (Fratzscher). Der Klimawandel ist menschengemacht oder nicht. Das Coronavirus war gefährlich oder nicht. Es gibt keine Faktenbasis mehr. Was darf man noch glauben?

Gerade das Thema Plagiat wäre durch die Realität eines intersubjektiv überprüfbaren Textvergleichs ein strikt Faktenorientiertes, das sich eigentlich nicht divergieren dürfte. Dennoch dreht die Linkspresse seit einigen Jahren Plagiatsvorwürfe, die Linke betreffen, nach rechts und die alternative Rechtspresse würde über Plagiatsvorwürfe, die Rechte betreffen, wahrscheinlich gar nicht erst berichten.

Der Rechts/Links-Tunnelblick hat jede sachliche Debatte längst verunmöglicht. Das nennen wir fälschlich „Kulturkampf“. Es ist aber kein Kulturkampf, in dem die eine Seite, die Rechten oder die Linken, jemals gewinnen würden (und würde die eine Seite eine Wahl gewinnen, würde die andere Seite wohl den Bürgerkrieg ausrufen).

Es ist die Ersetzung von Unterscheidungen der Aufklärung durch zwei Tunnelblicke: die Welt der Linken und die Welt der Rechten. Es ist eine Verrottung der Weltwahrnehmung und des rationalen Diskurses.

Wir sollten uns dringend fragen, wie wir in diesen Rechts/Links-Tunnelblick hineingekommen sind.

Welche Rolle spielen dabei die sozialen Medien als Plattformen der Heckenschützen von großteils intellektuell minder Bemittelten? Ich habe erkannt, dass Diskussionen auf X nur der Stimmungsmache dienen und sinnlos sind. Man ist dort nur in seiner rechten Blase „sicher“ (seltener in seiner linken, denn die ist ja auf Bluesky abgewandert – wieder eine Dichotomisierung). Sobald man auch einmal die andere Seite kritisiert, entsteht kognitive Dissonanz, entsteht Hass bis hin zur Morddrohung.

Daher habe ich dieses Medium verlassen und denke nicht, dass ich zurückkehren werde.

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