Gerhard Zeiler, Peter Pelinka und die wundersame Wanderung der Sätze

Verstehen Sie es? Ich verstehe es (noch) nicht. –Im Frühjahr 2018 erschien im Wiener Brandstätter Verlag ein von Hannes Androsch und Peter Pelinka herausgegebener Sammelband, zu dem auch Gerhard Zeiler einen Aufsatz beigesteuert hatte. In diesem Beitrag verteufelt Zeiler den Brexit mit diesen Worten (ein Auszug daraus ist auch hier erschienen):

Wer sich aus der Solidargemeinschaft löst – wie derzeit Großbritannien –, wird Chaos ernten.

Am 21. September 2018 erschien im österreichischen Wirtschaftsmagazin Trend ein Namenskommentar mit Autorenfoto von Peter Pelinka. In diesem hat Pelinka geschrieben:

Wer sich aus der Solidargemeinschaft löst – wie derzeit Großbritannien –, wird wirtschaftliches Chaos ernten […].

Am 25. November 2019 erscheint das Buch „Leidenschaftlich Rot – Darum mehr Sozialdemokratie“ von Gerhard Zeiler im Brandstätter Verlag, seine bislang einzige Monografie. In diesem hat nun wiederum Gerhard Zeiler geschrieben:

Wer sich aus der Solidargemeinschaft löst – wie derzeit Großbritannien –, wird wirtschaftliches und politisches Chaos ernten.

Man könnte sagen: Großbritannien versank halt auch von Jahr zu Jahr in mehreren Dimensionen im Chaos. Mich interessiert hingegen: Schrieb Peter Pelinka die Texte für Gerhard Zeiler oder umgekehrt? Denn es gibt noch mehr Identitäten:

Das schrieb Peter Pelinka im Herbst 2018 im Trend:

Der Nationalstaat allein kann in einer globalisierten und digitalen Welt die Probleme des 21. Jahrhunderts nicht lösen. 

Und das steht im Buch von Gerhard Zeiler ein Jahr später auf S. 33 der heutigen eBook-Ausgabe:

Der Nationalstaat allein kann in einer globalisierten und digitalen Welt die Probleme des 21. Jahrhunderts nicht lösen.

Dem Verfasser dürfte der Satz so gefallen haben, dass er ihn auf S. 133 des eBooks wiederholt hat:


Auch der Satz vor meiner blauen Markierung im Snippet findet sich bei Peter Pelinka. Gerhard Zeiler schrieb 2019:

EIN SOZIALDEMOKRATISCHES Gesellschaftsmodell kann nur mit einer internationalen, einer europäischen Strategie durchgesetzt werden.

Bei Peter Pelinka las sich das 2018 im Trend so:

All dies kann nur mit einer internationalen, einer europäischen Strategie durchgesetzt werden. 

Im Buch von Gerhard Zeiler wird die „redaktionelle Mitarbeit“ von Peter Pelinka erwähnt – und dass Pelinka Zeiler fast 30 Stunden lang interviewt hätte. Ist es dann zu einer Konfusion der Textsegmente gekommen oder stammt das Buch gar nicht von Gerhard Zeiler, sondern von Peter Pelinka?


Doch es gibt nicht nur rätselhafte Konvergenzen zwischen Texten von Peter Pelinka und Gerhard Zeiler. Hier mimte Gerhard Zeiler (oder Peter Pelinka?) in seinem Buch 2019 den Belesenen:

Wir brauchen Politiker, die Vorbilder sind. Vorbilder im Sinne des griechischen Philosophen Platos, der in seinem Werk „Politeia“ schrieb, dass man nur den ehrlichsten, tugendhaftesten und intelligentesten Menschen, die ihre Charakterfestigkeit über einen langen Zeitraum bewiesen hätten, das Regieren anvertrauen sollte.

„Platos“ ist ein durchaus holpriger Genitiv, im Deutschen heißt der Philosoph ja „Platon“. Die Passage dürfte von Norbert Rief, Chef vom Dienst der Presse, stammen. Dieser schrieb in einem Leitartikel im Februar 2017:

Der griechische Philosoph Platon befasst sich in seinem Werk „Politeia“ mit der Frage, wem die Regierung anvertraut werden soll. Dafür kämen, schreibt Platon, nur die ehrlichsten, tugendhaftesten und intelligentesten Menschen infrage, die ihre Charakterfestigkeit über einen langen Zeitraum bewiesen haben.

Also wenn es schon Platon schrieb: Go, Gerhard, go!

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