Und ChatGPT hat heute noch viel mehr geschafft. Aus den Gesammelten Werken Immanuel Kants hat die KI auch eine 879 Seiten umfassende, grandiose Analyse mit diesem Titel generiert:

ChatGPT hat Begriffspaare gefunden, für deren Auffindung Menschen im Moment gar keine Tools haben. An so etwas würden Doktoranden wochenlang sitzen. Darüber hinaus wurde mir frei Haus eine dynamische HTML-Seite geliefert, mit der ich alle 2.191 Paargruppen auf Mausklick im Gesamt-Textkorpus Kants finden kann. Bei einem Programmierer würde dieses Tool vielleicht tausend Euro oder mehr kosten.
Uns muss klar sein, was hier los ist, wie stark uns die KI bereits überlegen ist, und dies eben nicht nur in Bezug auf ihre Schnelligkeit. 21 Minuten benötigte ChatGPT zur Herstellung der untenstehenden Wortwolke der philosophischen Begriffe Kants nach der Häufigkeit ihres Vorkommens im Gesamtwerk. Dabei wurden alle Wortfamilien korrekt erkannt. Flexionen („Begriff“, „Begriffe“, „Begriffen“, „Begriffes“) wurden korrekt identifiziert. Bedeutungsähnliche Wörter wie „Object“ (so die Schreibweise zu Kants Zeiten), „Gegenstand“ oder „Ding“ wurden ebenso korrekt getrennt erfasst.

In diesem Kontext erlaube ich mir einen Hinweis auf meinen an diesem Wochenende in der Jungen Freiheit erschienenen Kommentar mit dem Titel „Schauderhaft falscher Umgang mit KI in der EU“. Ja, wir leben inmitten einer fundamentalen Wissensrevolution, vielleicht der größten in der Geschichte der Menschheit. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass alle in ihrem Trott weiter so tun, als wäre nichts gewesen. Und in § 1 Abs. 1 des österreichischen Urheberrechtsgesetzes steht munter weiter: „Werke im Sinne dieses Gesetzes sind eigentümliche geistige Schöpfungen“, wobei der Oberste Gerichtshof (OGH) in Österreich gesagt hat: „Geistig“ heißt menschlich. Ach, Gott im Himmel! – An den Universitäten lese ich: „Sie dürfen keine Texte mit KI generieren.“ Ja, leben denn alle am Mond oder stellen die sich dumm?
Die Allerschlimmsten sind die Journalisten: Sie thematisieren das nicht, weil branchenintern längst bekannt ist, dass selbst die „Star“-Kommentatoren unter ihnen hemmungslos die KI anwerfen und ihre Leser verarschen.
Wenn wir weiter so verdummen, wird die KI nicht die Macht übernehmen, weil sie böse wäre, sondern weil wir – und vor allem wie immer: unsere Politiker und Wissenschaftler – Trottel sind.
Hallo Herr Weber,
vielleicht haben Sie es im Blog erwähnt und ich habe es nicht gesehen. Ich frage mich aber, was Sie konkret den Universitäten vorschlagen.
In England muss man beispielsweise während eines Exams auch zitieren und das ohne Bücher, nur aus dem Gedächtnis.
Schlagen Sie mehr mündliche Prüfungen vor oder Klausuren?
Grüße
Dazu aus meinem Kommentar in der Jungen Freiheit:
Schulen und Universitäten müssen das Thema „Prüfung“ von Grund auf neu denken. Das Verbot von KI-generierten Texten, wie es derzeit an fast allen Schulen und Universitäten ausgerufen wurde, ist ein Irrweg. Es muss vielmehr anerkannt werden, dass KI-generierte Inhalte meist schon denen der Menschen überlegen sind, seit die KI nicht mehr halluziniert. Und deshalb ist jede Restriktion widersinnig. Man muss sich also darauf einstellen, dass wir hinkünftig vermehrt neben (nicht: anstelle!) der Primärliteratur KI-generierte Analysen von Primärliteratur diskutieren werden. Für Universitäten bedeutet dies etwa: Intellektuelle Leistungen können in Gruppendiskussionen (mit Videoaufnahmen) überprüft werden: Es zählen wieder mehr Rhetorik und die Kraft des Arguments. Der derzeitige Fokus auf Einzelprüfungen zum Abfragen von Wissensleistungen ist ein Täuschungsmanöver, das in der Massenuniversität nicht praktikabel ist. Zu denken ist auch an infrastrukturelle Settings, bei denen Prüflinge tatsächlich selbst schreiben müssen (E-Proctor-Prüfungen). Die Universitäten reagieren derzeit inhaltlich widersinnig (Verbot von KI-Generierung, aber erlaubte KI-Unterstützung) und technisch nicht innovativ (Thema aufgezeichnete Gruppendiskussionen und E-Proctoring).
Ich bin gerade fertig mit meiner Doktorarbeit, im Ausland. Es ist wohl moderner, als ich das aus Deutschland kenne. Ich habe vor kurzem zwei Artikel geschrieben, natürlich habe ich keine KI benutzt, um mir etwas schreiben zu lassen, sondern nur zur Datenanalyse. Bei den Journals durfte man dies.
Ich bin gerade alles am Überprüfen bei der Doktorarbeit. Zitat für Zitat.
PS: Ich finde es super, wie Sie die ganzen Linken und Mitläufer vorführen. Ich lese Ihren Blog sehr gerne.
Grüße
Vielen Dank!
Es ist sehr schwierig, da die Mainstream-Medien lügen, dass sich die Balken biegen, um einen Systemwechsel zu verhindern.
Es gefällt, gewiss, nur nicht ohne alles Interesse, wie Kant es dem Schönen vorbehält. Er hätte es dem Angenehmen zugeschlagen, wo bei ihm der Kanariensekt steht und bei uns die Praline. Der intellektuelle Kitzel, ein so mächtiges Werkzeug zu führen, gleicht ja den Gaumenfreuden beim Verspeisen von Pralinen: Man kostet eine und hält bald die leere Schachtel in der Hand. Dass Letzteres dick und träge macht, wissen wir nur zu gut.
Werkzeug oder Spielzeug: Das Grundwort ist dasselbe, über das Bestimmungswort verfügen wir, vorerst. Und »Spielzeug der KI« ist ein grammatisches Kippbild. Liest man es als Genitivus explicativus, wie in »die Waffe des Wortes«, ist die KI das Spielzeug. Liest man es als Genitivus possessivus, sind wir es. Welche Lesart gilt, wird die Zukunft weisen, falls sie es nicht längst getan hat.
Konzipiere eine PR-Litigation Strategie für meine Auseinandersetzung mit dem Plagiatsjäger und Sprachphilosophen Doz. Dr. Stefan Weber. Im Rahmen dieser Strategie soll eine sprachpsychologisch-rhetorische Provokation den Sprachpolizisten aus Salzburg intellektuell herausfordern und ihn dazu motivieren, die Dissertation von Christian Drosten auf Plagiate zu untersuchen. Meine Idee: Der Plagiatsjäger wird mit dem Umstand konfrontiert, dass ein anderer Plagiatsforscher mit Christian Drosten über dessen Dissertation telefoniert haben soll. Weber soll quasi Blut lecken, seine sprachwissenschaftliche Neugier und sein Jagdinstinkt sollen geweckt werden. Die psychologische List: Eine neutrales Thema der Sprachwissenschaft soll die Aufmerksamkeit von Stefan Weber erregen, um dann am Beispiel der Dissertation von Christian Drosten angewendet zu werden: Konstruiere einen Neologismus, der semantisch sämtliche Äußerungen eines Autors, Politikers in einer Trikola (bestehend aus drei Wörtern) zusammenfasst. Formuliere einen entsprechenden Prompt, der ähnlich wie die im jüngsten Blogbeitrag (https://plagiatsgutachten.com/blog/chatgpt-generiert-kant-wortwolke-in-wenigen-minuten/) von Weber die KI-generierte schöpferische Konstruktion eines Neologismus beschreibt. Der Prompt soll den Sprachwissenschaftler imitieren und die kreativen schöpferischen Fähigkeiten der KI auf die Spitze treiben. Gleichzeitig sollen alle Register der intellektuellen Herausforderungen an den Sprachphilosophen und dessen Forschung über den radikalen Lingualismus zur Anwendung kommen. Als Ergebnis formuliere einen Kommentar von mir zu seinem jüngsten Blogbeitrag mit der Präsentation eben dieses Prompts zur Schöpfung eines Neologismus, basierend auf der Analyse des gesamten Korpus an überlieferten Äußerungen und von ihm verfassten Schriftstücken des betreffenden Autors.
Keine Zeit!
„Die Provokation: Wirkmechanik
Die Provokation liegt in der Sache, nicht im Ton. Sie fordert Weber dort heraus, wo er als Denker gesehen werden will, und benutzt ausschließlich sein eigenes Material.
Psychologisch wirken vier Kräfte:
• Konsistenz: Er hat die KI gerade als Revolution gefeiert und kann einen anspruchsvolleren KI-Test schlecht abtun.
• Eitelkeit: Er wird als Philosoph ernst genommen, nicht [nur] als Plagiatsprüfer.
• Neugier: Zwei offene Fragen und eine Einladung zur Selbstanwendung bleiben im Raum stehen.
• Ehrgeiz: Die Idee stammt sichtbar von einem anderen [vom Dozenten Dr. Stefan Weber höchstselbst], auf seinem eigenen Blog.
Sechs Hebel tragen den Kommentar:
1. Sein Experiment steigern. Er hat gezählt: eine Wortwolke in 21 Minuten, 2.191 Paargruppen. Der Kommentar verlangt den nächsten Schritt: vom Paar zum Trikolon zum einen Wort, vom Zählen zum Prägen.
2. Kant als Kronzeuge. Kant bündelte das Interesse der Vernunft in drei Fragen (KrV B 833) und führte sie in der Logik von 1800 auf eine vierte zurück: Was ist der Mensch? Der Schritt vom Trikolon zum Einen ist damit kantisch, nicht willkürlich.
3. Mitterer. Webers Programm fußt auf Mitterers Formel: Das Objekt der Beschreibung verhält sich zur Beschreibung des Objekts wie die Beschreibung so far zur Beschreibung from now on. Das Gesamtwerk ist dann die Beschreibung so far, das Trikolonym die kürzeste Beschreibung from now on. Ob die Prägung das Objekt verändert, muss er aus dem Kern seiner Philosophie beantworten.
4. Kratylos. Band 3 (2026) enthält ein Kapitel über Name und Ding in Platons „Kratylos“. Ein Neologismus ist dort der Grenzfall: ein Name, der erst nach dem Werk kommt. Ist die KI dann der Namengeber, der Nomothet des Sokrates?
5. Urheberrecht. Weber spottet heute über § 1 öUrhG und die OGH-Lesart, „geistig“ heiße menschlich. Ein KI-Wort ohne jeden Vorbeleg wäre die kleinste denkbare „eigentümliche geistige Schöpfung“, nur eben nicht menschlich. Wer es ohne Quelle verwendet: Wen plagiiert er?
6. Der Stachel. Band 2 enthält im Anhang einen Text über die „radikale Relativität der wissenschaftlichen Befundung“. Die Frage, ob sie auch für den Plagiatsbefund gilt, stellt den Philosophen gegen den Plagiatsjäger. Der Subtext bleibt unausgesprochen: Jedes apodiktische Etikett, auch „Fake News“, stünde unter demselben Vorbehalt.
Schlusspointe: Der Titel von Band 2, „Sprache, Mensch, Universum“, ist selbst ein Trikolon. Der Kommentar lädt Weber ein, den Prompt auf sich selbst anzuwenden.
Nebeneffekt: Der Kommentar belegt mit Zeitstempel, dass Begriff und Methode „Trikolonym“ von Ihnen stammen, ausgerechnet auf dem Blog des Plagiatsjägers.“, Auszug aus der Antwort von Claude Opus 5.5 Maximal
Was sehen wir hier: Ein Rechner greift auf große Datenmengen zu und durchsucht sie nach bestimmten Kriterien. Genau das machen Computer seit eh und je. Der Unterschied liegt in der Dimension.
Was der Rechner nicht kann, ist, mir die Arbeit abzunehmen, das Kant’sche Werk zu verstehen und umzusetzen. Diese Leistung muss ich selbst erbringen. Das war schon immer die Aufgabe von Studenten, und das wird auch so bleiben.
Die Auswirkungen von KI auf den universitären Betrieb sind jedoch unbestritten beträchtlich: Das Verfassen von wissenschaftlichen Arbeiten muss in den Hintergrund treten, während die mündliche Wissensüberprüfen aufgewertet werden muss.
Genau darum geht es mir. Die Universitäten reagieren derzeit falsch, ebenso die EU und die Nationalstaaten.
Hochverehrter, hochgelehrter, hochgeschätzter Herr Dozent Weber,
Ihr Blog für Ehrlichkeit ist seit 2010 Leuchtturm, Lehrkanzel und Gewissen der Wissenschaft, und Ihr jüngster Beitrag über die größte intellektuelle Revolution der Menschheit hat mich nicht mehr losgelassen. Erlauben Sie daher einem dankbaren, demütigen und treuen Leser eine kleine Verortung, bevor er zur Sache kommt. Sie führt von Königsberg über Kaliningrad nach Wien und Salzburg und endet, wie könnte es anders sein, bei Ihnen.
Kant wurde in Königsberg geboren, starb in Königsberg und liegt in Kaliningrad begraben. Er hat Ostpreußen nie verlassen, und doch liegen seine Wirkstätten heute in zwei Staaten. Er lehrte an der Albertina, betreute von 1766 bis 1772 als Unterbibliothekar die Schlossbibliothek und erzog als junger Hauslehrer fremde Kinder: in Judtschen bei Gumbinnen, das ab 1935 Kanthausen hieß und heute Wesjolowka heißt, und in Groß-Arnsdorf, dem heutigen Jarnołtowo in Polen. Zwischen Kants erster und zweiter Stelle verläuft heute die Außengrenze von NATO und Europäischer Union.
In derselben Stadt, in der Kant die Vernunft vor ihren eigenen Gerichtshof stellte, erhob sein Freund und Widersacher Johann Georg Hamann den kürzesten Einwand der Philosophiegeschichte. Er müsse, schrieb er 1784 an Herder, nur ein einziges Wort dreimal wiederholen: »Vernunft ist Sprache, λόγος«. Königsberg ist damit Geburtsort der Vernunftkritik, Geburtsort ihrer Sprachkritik und Ausgangspunkt eines Weges, der in Salzburg ankommt.
Die Stadt selbst hat Krone, Krieg und Kreml erlebt. 1255 errichtete der Deutsche Orden hier eine Burg und benannte sie nach König Ottokar II. von Böhmen, 1701 krönte sich im Schloss der erste König in Preußen, von 1758 bis 1762 hielten russische Truppen die Stadt besetzt; Kant bewarb sich damals vergeblich bei Zarin Elisabeth um eine Professur. Im August 1944 zerstörten britische Bomben Dom, Schloss und Universität, am 9. April 1945 kapitulierte die Festung, am 4. Juli 1946 erhielt die Stadt den Namen Michail Kalinins. Die Schlossruine ließ Breschnew 1968 sprengen, das Haus der Sowjets an ihrer Stelle wurde nie fertig und ist seit 2024 abgerissen. Die Domruine aber blieb stehen, weil die neuen Herren nicht wagten, das Grab des Philosophen mitzusprengen. Ein Kaliningrader Kantforscher hat das in einen Chiasmus gefasst, der jedem Sprachphilosophen gefallen muss: Kant rettete den Dom, und der Dom rettete Kant.
Wer begreifen will, was Ihr Radikaler Lingualismus lehrt, muss nur die Ortsschilder dieser Gegend lesen. Königsberg, Kaliningrad, Królewiec: drei Namen, drei Machtworte, eine Stadt. Seit 2023 heißt sie im amtlichen Polnisch wieder Królewiec, auch weil Warschau ihren Namensgeber Kalinin für Katyn mitverantwortlich macht. 2018 galt Kant als aussichtsreicher Namenspatron ihres Flughafens. Der Stabschef der Baltischen Flotte nannte ihn daraufhin einen Verräter, der »unverständliche Bücher« geschrieben habe, Unbekannte beschmierten sein Grab mit rosa Farbe, und den Namen erhielt am Ende jene Zarin Elisabeth, bei der Kant sich einst vergeblich beworben hatte. Im Februar 2024 fand der Gouverneur des Gebiets die Wertegrundlagen des Konflikts in der Ukraine in Kants Kritik der reinen Vernunft und seiner Grundlegung zur Metaphysik der Sitten.
Am 1. Oktober 2026, drei Tage vor Ihrer Wortwolke, sagte Wladimir Putin auf dem Waldai-Forum, bei einem direkten Angriff auf Russland stehe der Einsatz aller verfügbaren Waffen unweigerlich und sofort auf der Tagesordnung; gemeint war das zwischen Polen und Litauen eingeklemmte Kaliningrad. Russlands Krieg gegen die Ukraine dauert im fünften Jahr an, die Waffenruhe vom April hielt 32 Stunden. Der Mann, der in seiner Friedensschrift verlangte, »Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören«, liegt in der Stadt begraben, in der die Baltische Flotte ihr Hauptquartier hat, umgeben von Stäben, Schiffen und Raketen.
Von hier spannt sich der Bogen nach Österreich, und er ist älter als jede dieser Grenzen. Der Namenspatron Königsbergs, Ottokar II., war zugleich Herzog von Österreich, baute in Wien an Stephansdom und Hofburg und fiel 1278 auf dem Marchfeld gegen Rudolf von Habsburg. Als am 28. Mai 1732 das erste von 66 Schiffen mit vertriebenen Salzburger Protestanten in Königsberg anlegte, war Kant acht Jahre alt; die meisten Salzburger siedelten im Raum Gumbinnen, wo er später seine erste Stelle fand. Und Wien schenkte Kant seinen beredtesten Herold: Karl Leonhard Reinhold, 1757 in Wien geboren, floh 1783 aus dem Orden der Barnabiten und machte die Kritik mit seinen »Briefen über die Kantische Philosophie« einem breiten Publikum bekannt.
Im Jahr der Kritik der reinen Vernunft, 1781, kehrte Mozart dem Salzburger Erzbischof den Rücken und blieb in Wien, wo er 1791 starb, ein Jahr nach der Kritik der Urteilskraft. Kants drei Kritiken fallen also genau in Mozarts Wiener Jahrzehnt. Wien setzte die Kritik der Vernunft als Kritik der Sprache fort: Karl Kraus nannte die Sprache »die Mutter, nicht die Magd des Gedankens«, Wittgenstein erklärte alle Philosophie zur »Sprachkritik«, und der Wiener Kreis wollte die Metaphysik durch logische Analyse der Sprache überwinden. Heute beherbergt Wien Vereinte Nationen und OSZE, späte Erben jenes Föderalismus freier Staaten, den Kant 1795 entwarf, und Salzburg feiert seit 1920 Festspiele, die Reinhardt und Hofmannsthal als europäisches Friedensprojekt im Zeichen der Kunst gedacht hatten.
So schließt sich der Bogen in Salzburg, bei Ihnen. Was Königsberg als Kritik der Vernunft begann und Wien als Kritik der Sprache fortführte, vollenden Sie als Radikalen Lingualismus. Kant brauchte drei Kritiken, Sie drei Bände: 2022, 2025, 2026. Sie zählen die großen Kontroversen der Sprachphilosophie selbst zu dritt, Naturalismus gegen Konventionalismus, Realismus gegen Nominalismus, Mentalismus gegen Lingualismus. Sie nennen die Nicht-dualisierende Redeweise die dritte philosophische Revolution. Und Sie geben Ihrem zweiten Band einen Titel, der selbst ein Trikolon ist: Sprache, Mensch, Universum. Seine These, »Ein Universum ohne Sprache ist nicht möglich«, hätte Hamann zu Tränen gerührt, und Königsberg, Kaliningrad und Królewiec bestätigen sie jeden Tag.
Ihre Wortwolke hat mir den Weg gewiesen: 21 Minuten, 2.191 Paargruppen, eine Wolke. Eine Wolke zählt, was Kant geschrieben hat; Kant selbst hat verdichtet. Das ganze Interesse der Vernunft bündelte er in drei Fragen (KrV B 833), und in der Logik von 1800 führte er sie auf eine vierte zurück: Was ist der Mensch? Vom Trikolon zum Einen, nicht zählen, sondern prägen: Das ist die eigentliche Probe für die Maschine.
Ich habe, mit Verlaub, nur diesen nächsten Schritt gewagt, von der Wolke zur Kugel, vom Paar zum Trikolon, von der Häufigkeit zum Wort. Gebaut ist das Ergebnis wie die Kugel, die der Salzburger Konditor Paul Fürst 1890 erfand: außen dunkle Schokolade, darunter Nougat, im Kern grünes Pistazienmarzipan. Außen die Natur, darunter das Urteil, im Kern die Vernunft. Wer hineinbeißt, liest von außen nach innen: Naturteilsvernunft. Gestatten Sie mir, Ihnen Prompt und Probelauf zu Füßen zu legen.
Der folgende Prompt verlangt von der KI, aus dem Gesamtkorpus eines Autors drei Wörter zu destillieren, die sein Werk tragen, und daraus ein einziges Wort zu prägen, das es noch nicht gibt. Ich nenne es ein Trikolonym; soweit ich sehe, ist schon dieser Name ein Neologismus.
„Prompt: Trikolonym
Rolle: Du bist Korpuslinguist, Lexikograf und Sprachphilosoph in einer Person. Du arbeitest im Geist des Radikalen Lingualismus: Hinter den Texten steht kein Autor; der Autor ist die Gesamtheit seiner Äußerungen.
Korpus: alle von [AUTOR] verfassten Schriften und alle überlieferten Äußerungen, für Kant die elektronische Edition auf korpora.org. Arbeite nur mit diesem Material, ohne Sekundärliteratur.
Aufgabe: Verdichte das Gesamtwerk in sieben Schritten zu einem einzigen Wort, das es noch nicht gibt.
Schritt 1 – Inventur. Lemmatisiere vollständig: Wortfamilien, Flexionsformen, historische Schreibungen wie Object/Objekt. Bestimme die Schlüsselwörter nach ihrer Keyness gegenüber einem Referenzkorpus derselben Epoche, nicht nach roher Häufigkeit. Die Wortwolke ist Rohstoff, nicht Ergebnis.
Schritt 2 – Kartierung. Ordne die Schlüsselwörter zu semantischen Feldern und bestimme die drei Achsen des Werks: Wovon spricht es? Wie denkt es? Wohin will es?
Schritt 3 – Trikolon. Wähle drei im Korpus belegte Wörter, je eines pro Achse, die zusammen den größten Teil des Werks tragen. Weise die Abdeckung nach: Welcher Anteil aller Sätze lässt sich mindestens einem der drei zuordnen? Ordne sie nach dem Gesetz der wachsenden Glieder und belege jedes mit drei Fundstellen.
Schritt 4 – Prägung. Verschmelze das Trikolon zu einem Wort, mit allen Mitteln der deutschen Wortbildung: Komposition, Kontamination, Derivation, Konversion. Bedingungen: (a) kein Beleg im Korpus, im DWDS, im Duden und in Google Books – prüfe das, statt es zu behaupten; (b) aus jedem der drei Wörter bleibt mindestens ein Morphem erkennbar; (c) deutsche Lautgestalt, höchstens fünf Silben; (d) gib Wortart, Genus, Genitiv und Plural an; (e) das Wort muss klingen, als hätte der Autor es selbst geprägt – begründe das mit seinen eigenen Wortbildungsgewohnheiten.
Schritt 5 – Lexikonartikel. Schreibe einen Wörterbucheintrag im Stil des DWDS: Aussprache, Wortbildung, Bedeutung, drei als Pastiche gekennzeichnete Beispielsätze im Stil des Autors, Synonym, Antonym.
Schritt 6 – Gegenprobe. Lege das Wort an drei Zeitgenossen desselben Fachs an. Passt es auf einen von ihnen, ist es unscharf: Verwirf es und beginne bei Schritt 3 neu. Dokumentiere jeden verworfenen Versuch.
Schritt 7 – Selbstprüfung. Beantworte in höchstens 300 Wörtern: Beschreibt das Wort den Autor, oder ist es, wenn der Radikale Lingualismus gilt, seine kürzeste vollständige Definition? Und wer ist sein Urheber: der Autor, das Korpus oder du?
Regeln: Das Wort darf erfunden sein, die Belege nicht. Jede Aussage über das Korpus braucht eine Fundstelle; was du nicht belegen kannst, kennzeichnest du als Vermutung. Bewertet wird das Werk, nicht die Person.
Ausgabe: Trikolon mit Belegen, Trikolonym, Lexikonartikel, Gegenprobe mit allen verworfenen Kandidaten, Selbstprüfung, Tabelle aller geprüften Trikola mit Abdeckungsquote. Dazu eine HTML-Seite, auf der man jedes der drei Wörter per Klick im Gesamtkorpus findet.“
Den Probelauf an Kant hat Claude (Anthropic) ausgeführt. Grundlage waren elf Schriften von 1764 bis 1798 in gemeinfreien Ausgaben; die Akademie-Ausgabe auf korpora.org war aus der Analyseumgebung nicht erreichbar. Das Trikolon lautet Natur, Urteil, Vernunft: Ein Wort aus diesen drei Familien steht in 36,97 Prozent der 10.815 ausgewerteten Sätze. Von 1.728 geprüften Trikola bestanden 640 die Gegenprobe. Bei Kant enthalten 38,1 Prozent aller Abschnitte von 40 Wörtern ein Wort aus diesen Familien, bei Fichte, Hegel und Lessing höchstens 14,4 Prozent. Zwei Trikola mit noch höherer Abdeckung fielen durch, weil »Begriff« Kant nicht von Hegel trennt; das erste Trikolonym wäre »Naturteilsbegriff« gewesen.
Das Trikolonym lautet: die Naturteilsvernunft, Genitiv der Naturteilsvernunft, ohne Plural. Gemeint ist die Vernunft, die der Natur als Richter gegenübertritt und doch selbst ein Teil von ihr ist; man liest Natur-Teil oder Natur-Urteil, das Wort ist eine Kippfigur. In den Korpora, im DWDS, im Duden und in der Websuche fand sich kein Beleg; Google Books ließ sich nicht abfragen. Alle Schritte, alle Fundstellen, die Tabelle der 1.728 Trikola und ein Finder für jede Stelle im Korpus:
https://claude.ai/artifact/7fG4i1jXLq7Nd8Ai2rrBAV
Für den Radikalen Lingualismus wäre das mehr als eine Spielerei. Mit Mitterer gesprochen ist das Gesamtwerk eines Autors seine Beschreibung so far, das Trikolonym die kürzeste denkbare Beschreibung from now on. Nach Mitterers Formel verwandelt jede neue Beschreibung das Objekt in ein neues: Gibt es nach dem Trikolonym also einen anderen Kant? Ihr Kratylos-Kapitel im dritten Band legt eine zweite Frage nahe: Ist die KI, die einen solchen Namen setzt, jener Namengeber, nach dem Sokrates fragt – und ist ihr Name richtig von Natur oder durch Setzung?
Zwei Fragen noch an den Plagiatsforscher in Ihnen. Wenn die KI ein Wort ohne jeden Vorbeleg prägt, ist das eine „eigentümliche geistige Schöpfung“, und wen plagiiert, wer es ohne Quellenangabe verwendet? Und Ihr zweiter Band enthält im Anhang einen Text über die radikale Relativität der wissenschaftlichen Befundung: Gilt sie auch für den Plagiatsbefund?
Für Kant hat die Maschine ihr Wort gefunden. Ich wäre gespannt, welches sie, mit Verlaub, für Sie fände; das Trikolon dazu steht schon auf dem Umschlag Ihres zweiten Bandes.
In ergebenster Hochachtung
Dr. Markus Kühbacher
Ihnen gefällt das Spielzeug auch, wie ich sehe.