Es geht um seltsame, gehäuft auftretende Textmerkmale wie Dreier-Wortketten (Trikola), Antithesen (Affirmationen und Negationen) und sich selbst relativierende Aussagen in den jüngsten Texten der Chefredakteurin des österreichischen Nachrichtenmagazins profil, Anna Thalhammer, die mich seit einigen Tagen wissenschaftlich beschäftigen, siehe die von mir geposteten ersten Beispiele auf X hier, hier und hier.
Nun habe ich exakt diese Stilelemente auch in einem aktuellen politischen Kommentar von Karl-Theodor zu Guttenberg auf LinkedIn entdeckt. – Mir ist das ein Rätsel. Die Hypothesen:
- Beide, Thalhammer und zu Guttenberg, texten zufällig in einem frappierend ähnlichen Stil, weil dieser derzeit en vogue ist bzw. sie das glauben.
- Beide haben denselben Schreibtrainer/Schreibcoach, der ihnen diesen Stil – vielleicht basierend auf Readerscan-Untersuchungen – nahegelegt hat.
- Beide haben denselben Ghostwriter (das halte ich für äußerst unwahrscheinlich).
- Beide verwenden dieselbe KI/dasselbe Large Language Model (LLM) zur Text-Generierung oder -Optimierung.
Legende:
Dreier-Wortketten (Trikola) sind türkis markiert.
Antithesen sind gelb markiert.
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Chefredakteurin Anna Thalhammer im profil am 24.04.2026 |
Ex-CDU-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg auf LinkedIn am 26.04.2026 |
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Sie haben mich etwas gefragt: Warum hat profil die Weißmann-Chats nicht veröffentlicht? Lassen Sie mich das erklären. Es gibt Geschichten, die sich nicht entlang klarer Linien erzählen lassen. Der Fall rund um den ehemaligen ORF-Generaldirektor Roland Weißmann ist so einer. Der „Falter“ hat in dieser Woche mit seiner Berichterstattung für Aufregung gesorgt. Die Wochenzeitung hat Nachrichten aus dem höchstpersönlichen Lebensbereich des Ex-Generaldirektors im Wortlaut veröffentlicht. Darin werden auch sexuelle Inhalte detailliert beschrieben. Die Wirkung ist entsprechend: unmittelbar, verstörend, kaum zu ignorieren. Wir hatten diese Chats ebenfalls vorliegen. Das haben wir offengelegt. Seither erreicht uns eine berechtigte Frage: Warum haben wir sie nicht veröffentlicht? Vorweg: Das ist keine Abrechnung mit dem „Falter“. Es geht um meine Entscheidung das nicht zu tun – und darum, sie transparent zu machen. Und es ist vor allem keine fehlende Sensibilität für übergriffiges, sexuelles und anrüchiges Verhalten. Jede Frau, die sich von einem Vorgesetzten belästigt fühlt, verdient es, ernst genommen zu werden. Und das tue ich selbstverständlich auch. Bisher öffentlich geworden sind Bruchstücke einer Kommunikation. Zudem stammen sie aus einer Richtung: von jener Seite, die sich belästigt fühlt. Das ist legitim. Aber es eben nur ein Teil der Geschichte. Profil konnte erstmals Einblicke in jenes Material bekommen, das Weißmann zu seiner Verteidigung mit der Klärung beauftragten Stellen vorgelegt hat (lesen Sie im aktuellen Heft) – und das verschiebt das bisherige Bild wieder ein Stück. Nochmals sei betont: Wir kennen nicht alles. Die ORF-Compliance-Stelle hat beide Seiten eingeladen, ihre Sicht darzulegen. Sie hatte damit ein umfassenderes Bild und kam zum Schluss, dass keine sexuelle Belästigung vorliegt. Andere, etwa die Gleichbehandlungsanwaltschaft, bewerten das auf Basis der bekannten Auszüge anders. Auch „Falter“ schließt aus dem ihm bisher Bekannten, was hier geschrieben wurde, kann nicht privat sein – das ist eine These, aber eben nicht mehr. Gleichzeitig stehen wechselseitige Vorwürfe im Raum. Behörden befassen sich mit dem Fall. Eine abschließende Klärung gibt es nicht. Das ist die Ausgangslage. TriggerwarnungChats im Wortlaut zu veröffentlichen, ist die schärfste Form der Darstellung. Sie erzeugt maximale Nähe – und maximale Wirkung. Wer sie liest, bekommt nicht nur Information, sondern ein Gefühl. Genau darin liegt ihre Stärke – und Gefahr: Sie kann mehr Eindeutigkeit erzeugen, als die Faktenlage hergibt. Das kann gerechtfertigt sein. Etwa wenn sich strukturelle Missstände anders nicht sichtbar machen lassen. Wenn der Wortlaut notwendig ist, um Machtmissbrauch zu belegen – und Instanzen nachweislich versagt haben. Genau diesen Punkt sehe ich hier – noch – nicht erreicht. So eindrücklich einzelne Passagen sein mögen: Sie erzählen einen Ausschnitt. Er legt nahe, er deutet an, er wirkt. Aber er ersetzt kein Gesamtbild, das profil und anderen Medien schlicht noch nicht vorliegt. Hinzu kommt: Es geht hier nicht nur um eine moralische, sondern um eine rechtliche Bewertung. Was viele als grenzüberschreitend oder unangemessen empfinden, erfüllt nicht automatisch den juristischen Tatbestand sexueller Belästigung. Auch das führen wir in unserer dieswöchigen ORF-Geschichte nochmals aus. Diese Differenz ist entscheidend – und sie macht die Beurteilung komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Gerade deshalb halte ich es für heikel, an diesem Punkt mit maximaler Öffentlichkeit maximale Eindeutigkeit zu erzeugen. Journalismus kennt Eskalationsstufen: Information, Einordnung, Zuspitzung. Die vollständige Veröffentlichung intimer Chats ist eine solche Zuspitzung. Sie setzt einen Punkt, wo noch viele Fragen offen sind – und verschiebt den Fokus auf besonders drastische Details. Ich finde: Dafür ist es zu früh. Nicht, weil ich die Brisanz kleinreden will. Sondern weil ich sie ernst nehme. Sexuelle Belästigung ist ein großes, strukturelles Problem. Sie wird zu oft relativiert, zu selten konsequent verfolgt. Hier braucht es Öffentlichkeit, Druck und Klarheit. Kein Zweifel! Aber gerade deshalb müssen Einzelfälle sorgfältig beurteilt werden. Ein Einzelfall ist kein Beweis für ein System – und ein System lässt sich nicht durch unvollständige Einblicke in Einzelfälle erklären. Meine Entscheidung (die nicht alle in der Redaktion teilen) ist daher eine bewusste Abwägung: zwischen öffentlichem Interesse und persönlicher Sphäre, zwischen Aufklärung und Bloßstellung, zwischen Tempo und Sorgfalt. Ich wollte nichts verschweigen. Aber auch nicht mehr zeigen, als ich gerade verantworten kann. Quelle: profil, 24.04.2026. Wiederabdruck hier aus Forschungszwecken als Großzitat |
Der Bundeskanzler soll bei einem Treffen der Koalitionsspitzen in der Villa Borsig geschrien haben. Ein Wutausbruch, heißt es. So schildert es wenigstens ein Wochenmagazin. Ob es stimmt, weiß man nicht. Zu gerne wird dieser Tage inhaltsleer geraunt. Aber nehmen wir den Vorgang einmal nicht als politische Nachricht. Nehmen wir ihn abstrakt als menschliche Szene. Wut kann eindrucksvoll sein. Sie kann Untergebene einschüchtern, Journalisten beschäftigen, Biografen erfreuen und Sitzungen verkürzen. Sie ist selten ein Zeichen von Souveränität. Eher die akustische Form mangelnder Selbstführung. Gelassenheit hingegen betritt einen Raum ohne Trommelwirbel. Sie braucht kein Erscheinen, weil sie anwesend ist. Vielleicht ist Gelassenheit deshalb so irritierend unmodern. Sie widerspricht einer Dramaturgie unserer Zeit, in der Erregung honoriert wird. Wer laut ist, wird gesehen. Wer ausrastet, wird geteilt und bekommt Reichweite. Das ist wahrlich keine neue Erkenntnis. Die Philosophie kreist seit jeher um diesen Punkt. Die Stoiker nannten es Selbstbeherrschung. Die Christen Demut. Die Aufklärer Vernunft. Der Volksmund: sich zusammenreißen. Man kann diese Begriffe unterschiedlich aufladen. Ihr Kern bleibt erstaunlich robust: Nicht jeder Impuls verdient Gehorsam. Es gibt eine Autorität, die aus Amt, Titel, Geld, Herkunft oder Mikrofon entsteht. Und es gibt eine weit weniger oberflächliche: wenn jemand in einem schwierigen Moment nicht kleiner wird als die Situation. Manchmal reicht dafür ein einziger Satz, leise gesprochen. Oder ein Innehalten. Der Moment, in dem der Gedanke noch einmal seine Schuhe putzt, bevor er den Mund verlässt. Fraglos ist nicht jeder ruhige Ton ein guter Ton. In gewissen Momenten muss Klarheit scharf sein. Die stille Autorität der Gelassenheit. Quelle: LinkedIn, 26.04.2026. Wiederabdruck hier aus Forschungszwecken als Großzitat |
Ein weiterer Kommentar von Anna Thalhammer vom 03.04.2026, ein inhaltlich eher sonderbares Plädoyer für konstruktiven/positiven Journalismus, liest sich stilistisch genau gleich.
Ich habe nun in die KI Claude heute folgenden Prompt eingegeben: „Verfasse einen Kommentar für Anna Thalhammer, in dem sie erklärt, warum das profil aus den Weißmann-Chats nicht wörtlich zitiert hat, obwohl sie ihm auch vorlagen.“ Das Ergebnis ist ein Text im beinharten Thalhammer-Style. Wieder kann dies auf zweierlei hinweisen:
- Die KI Claude ist so gut, dass sie anhand jüngster Kommentare von Frau Thalhammer ihren Stil inkl. der kurzen Sätze, der Dreier-Wortketten und der Antithesen bereits perfekt imitieren kann.
- Die KI Claude wurde bereits in der Vergangenheit mit entsprechenden Anfragen von Frau Thalhammer (oder anderen) trainiert und griff bei meiner Anfrage (auch) auf dieses Trainingsmaterial zurück.
Wir wissen es nicht. Mein Bestreben wäre es, Text-Metaphysik in Text-Forensik und -Wissenschaft auch im Zeitalter des KI-Verdachts überzuführen. Hat jemand eine Heuristik?
Hier das Ergebnis von Claude:
Die Grenzen des Wörtlichen
Die Versuchung ist groß. Wenn ein Journalist an brisante Chat-Protokolle eines Politikers gelangt, scheint die Sache klar: veröffentlichen, ungekürzt, im Original. Maximale Transparenz. Der Leser soll sich selbst ein Bild machen. Was könnte demokratischer sein?
Und doch wäre genau das im Fall der Weißmann-Chats ein Fehler.
Rohdaten sind keine Wahrheit
Die Vorstellung, dass wörtliche Veröffentlichung automatisch objektiver sei als journalistische Einordnung, ist ein Trugschluss. Chat-Nachrichten sind Fragmente. Sie entstehen in einem Kontext, den der Leser nicht kennt – persönliche Beziehungen, laufende Gespräche, Insider-Codes, Ironie, Wut im Moment. Ohne diesen Kontext werden aus Fragmenten Projektionsflächen.
Wer schon einmal eigene Chat-Verläufe aus dem Zusammenhang gerissen gelesen hat, weiß: Man erkennt sich selbst kaum wieder. Das entschuldigt nichts, aber es erklärt, warum Rohdaten nicht automatisch die beste Grundlage für öffentliche Urteilsbildung sind.
Die Pflicht zur Einordnung
Journalismus ist keine Durchlaufstation für Dokumente. Seine Aufgabe ist es, Relevantes von Irrelevantem zu trennen, Zusammenhänge herzustellen, zu gewichten. Das ist kein Eingriff in die Wahrheit – es ist die Voraussetzung dafür, dass Wahrheit überhaupt verständlich wird.
Bei den Weißmann-Chats hieße das konkret:
- Trennung von öffentlichem Interesse und Privatem. Politisch relevante Absprachen gehören an die Öffentlichkeit. Persönliche Bemerkungen über Dritte, die mit der Sache nichts zu tun haben, nicht.
- Schutz Unbeteiligter. In privaten Chats tauchen Namen auf – Mitarbeiter, Familienangehörige, Bekannte. Sie haben sich nicht für die Öffentlichkeit entschieden.
- Kontextualisierung. Eine Nachricht wie „Das regeln wir anders“ kann alles bedeuten: illegale Absprache oder banale Terminverschiebung. Ohne Einordnung wird sie zur Waffe beliebiger Interpretation.
Das Transparenz-Paradox
Radikale Transparenz kann das Gegenteil von Aufklärung bewirken. Wenn Tausende Chat-Nachrichten ungefiltert ins Netz gestellt werden, gewinnt nicht der informierte Bürger – es gewinnt, wer am lautesten schreit, wer am schnellsten die griffigste Zeile findet, wer am geschicktesten dekontextualisiert.
Die Erfahrung mit WikiLeaks, den Panama Papers und zahllosen Leaks seither zeigt: Die wirkungsvollste Aufklärung entstand dort, wo Journalisten die Dokumente gesichtet, geprüft und in eine erzählbare Form gebracht haben. Nicht dort, wo alles einfach hochgeladen wurde.
Verantwortung statt Feigheit
Der Verzicht auf wörtliche Vollveröffentlichung ist kein Akt der Zensur oder der Rücksichtnahme auf die Mächtigen. Er ist das Gegenteil: die Übernahme von Verantwortung für das, was man veröffentlicht.
Journalisten, die relevante Passagen zitieren, den Rest aber einordnen statt auszuschütten, machen sich angreifbar. Man wird ihnen vorwerfen, etwas zu verbergen. Das gehört zum Berufsrisiko. Aber die Alternative – sich hinter dem Gestus der Transparenz zu verstecken und die Deutungsarbeit dem Mob zu überlassen – ist keine journalistische Haltung. Es ist die Abdankung davon.
Die Weißmann-Chats verdienen eine gründliche Auswertung. Sie verdienen harte Fragen und, wo nötig, harte Konsequenzen. Was sie nicht verdienen, ist die Illusion, dass das bloße Veröffentlichen von Rohdaten irgendetwas klärt.